[London] 17. Dez. 94
Mein liebes Löhr,
Du schreibst, daß ich mich, nachdem ich den 3. Bd.1 fertig habe und bevor ich mit dem 4ten beginne, nach ein wenig Ruhe sehnen müßte. Aber ich werde Dir jetzt sagen, wie meine Lage ist.
Ich muß die Bewegung in fünf großen und einer Reihe kleiner Länder Europas und in den USA verfolgen. Zu diesem Zweck erhalte ich an Tageszeitungen 3 deutsche, 2 englische, 1 italienische und ab 1. Januar die Wiener Tageszeitung2, insgesamt 7. An Wochenzeitungen erhalte ich 2 aus Deutschland, 7 aus Österreich, 1 aus Frankreich, 3 aus Amerika (2 in Englisch, 1 in Deutsch), 2 italienische und je eine in Polnisch, Bulgarisch, Spanisch und Tschechisch; davon sind drei in Sprachen, die ich erst allmählich lerne. Daneben gibt es Besuche der verschiedensten Leute (gerade jetzt, vor einigen Minuten, schickte mir Polak aus Amsterdam einen deutschen Bildhauer ohne Geld, der Arbeit sucht) und eine immer größer werdende Menge von Korrespondenten – mehr als zur Zeit der Internationale! –; viele von ihnen erwarten lange Erklärungen und alle rauben Zeit. Darum und wegen des 3. Bandes war es mir nicht einmal während des Korrekturlesens möglich, das heißt während des ganzen Jahres 1894, mehr als ein Buch zu lesen.
Die nächste Sache ist nun die Veröffentlichung von Lassalles Briefen an Mohr. Tussy hat sie auf der Maschine abgeschrieben, sie liegen in meinem Schreibtisch, aber infolge des Umzugs bin ich nicht in der Lage gewesen, sie auch nur anzurühren. Das bedeutet Anmerkungen, das Nachschlagen längst vergangener Fakten sowie Durchsicht meines eigenen alten Briefwechsels mit Mohr – und ein diplomatisch geschriebenes Vorwort.
Dann der Stapel meiner eigenen Rückstände. Erstens die völlige Umarbeitung des „Bauernkrieges“, der seit Jahren vergriffen und als meine erste Arbeit nach Bd. III versprochen worden ist. Das erfordert ein beträchtliches Studium; ich hoffe, dies zusammen mit den Korrekturbogen zu machen. Aber unmöglich. Jedenfalls werde ich mich jetzt entschließen müssen, es zu machen.
Dann – ganz zu schweigen von anderen kleinen Aufgaben, die auf mir lasten – möchte ich zumindest die Hauptkapitel aus Mohrs politischem Leben schreiben: 1842–1852, und die Internationale. Das letztere ist das wichtigste und dringendste. Das will ich zuerst tun. Das erfordert jedoch, daß man mich nicht unterbricht, aber wann wird das sein?
Alle diese Dinge erwartet man von mir und darüber hinaus eine Neuausgabe von Mohrs und meinen frühen kleinen Schriften. Einiges habe ich dafür gesammelt, aber nicht sehr viel – manches ist noch im Parteiarchiv3 in Berlin. Ein großer Teil fehlt aber noch, beispielsweise ein Exemplar der ersten „Rheinischen Zeitung“. Wenn ich, sagen wir, 2/3 der alten Artikel von 1842–1850 zusammenbekäme, würde ich anfangen, da ich sicher bin, daß dann für eine 2. Auflage noch viel mehr gefunden werden würde. Aber bis jetzt sind wir noch nicht soweit.
Und dann Bd. IV. Davon gibt es nur ein sehr unfertiges Manuskript, von dem es im Moment noch unmöglich ist zu sagen, wieviel verwendet werden kann. Ich selbst kann mich nicht wieder an die Entzifferung machen und das Ganze diktieren, wie ich es mit Bd. 2 und Bd. 3 getan habe. Meine Augen würden völlig versagen, noch ehe ich die Hälfte durch hätte. Ich habe das schon vor Jahren festgestellt und einen anderen Ausweg versucht. Ich glaubte, es würde nützlich sein, ein oder zwei intelligente Leute der jüngeren Generation an die Entzifferung von Mohrs Handschrift zu gewöhnen. Ich dachte an Kautsky und an Bernstein. K[autsky] war damals noch in London (vor 6 oder 7 Jahren). Ich fragte ihn und er willigte ein; ich sagte ihm, daß ich hundert Pfund zahlen würde für die vollständige „Reinschrift“ von dem, was vorhanden ist, und daß ich ihm bei dem helfen würde, was er nicht entziffern könne. Er fing an. Dann fuhr er weg aus London, nahm ein Heft4 mit und hörte jahrelang nichts mehr davon. Er war zu sehr mit der „Neuen Zeit“ beschäftigt, darum ließ ich mir Ms. und das, was schon entziffert war, zurückschicken – ungefähr 1/8 oder 1/6 des Ganzen5. Auch Bernstein ist nicht nur sehr beschäftigt, er ist sogar überlastet, er hat bis jetzt seine Neurasthenie noch nicht ganz überwunden, und ich wage es kaum, ihn darum zu bitten. Ich werde sehen, ob Tussy es tut. Wenn er einverstanden ist, dann ist alles in Ordnung; wenn nicht, so will ich nicht riskieren, daß man sagt, ich hätte einen Rückfall seiner Krankheit verursacht, weil ich ihn mit Arbeit überhäuft habe.
Das ist meine Lage: 74 Jahre, die ich zu spüren beginne, und Arbeit genug für zwei 40jährige. Ja, wenn ich mich in den F. E. von 40 und den F. E. von 34 teilen könnte, was zusammen genau 74 ergeben würde, dann kämen wir bald klar. Aber so wie es ist, kann ich nur an dem weiterarbeiten, was vor mir liegt, und es soweit und so gut ich kann fertig machen.
Jetzt kennst Du meine Lage; und wenn Du ab und zu auf einen Brief von mir warten mußt, wirst Du nun wissen, warum.
Bonnier ist gestern abend aus Edinburgh gekommen und heute nach Oxford weitergefahren. Sein erster Zorn über meine „Bauernfrage“ hat sich erheblich abgekühlt – vous nous traitez d’imbéciles6, schrieb er mir. Jedenfalls war er sehr freundlich, und ich glaube, er ist überzeugt, daß man in Nantes einen Fehler gemacht hat. Er hat wirklich gedacht, daß es nicht nur möglich, sondern notwendig wäre, die Masse der französischen Bauern in der Zeit bis zu den nächsten allgemeinen Wahlen für den Sozialismus zu gewinnen.
Postzeit. Muß schließen. Ich schulde Dir für Deinen Anteil à conto Sonnenschein für das „Kapital“ (englisch) – £ 1.3.1
1/3 Anteil der £ 5.–, erhalten von der „Neuen Zeit“ für die 2 Kapitel aus Bd. III £ 1.13.4
Und erlaube mir, in dem Gedanken, daß Weihnachten vor der Tür steht, hinzuzufügen £ 5.–.–
Durch beigefügten Scheck beglichen £ 7.16.5
Puddings konnten in diesem Jahr nicht gemacht werden; Louises kleines Mädchen (das gedeiht und wöchentlich fast ein Pfund an Gewicht zunimmt) hat das verhindert. Aber Paul wird seine Kuchen haben.
Immer Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.