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Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 20.März 93

Lieber Baron,

Leßners Artikel liest sich sehr gut, allerdings hat er Ede eine kolossale Arbeit gemacht, bis dieser ihn in irgendeine literarische Form gebracht hat. Was die Revue der „N[euen] R[heinischen] Z[eitung]" angeht, so erwähnte ich einmal – die Idee ging mir plötzlich durch den Kopf –, es wäre gar nicht übel, wenn man das ganze Dinge en bloc wieder abdrucken ließe, man könnte das Dietz vorschlagen; bei weiterer Überlegung fand ich natürlich, daß dies doch allerlei Haken hat und mir neue Arbeit aufladen würde, die ich doch nicht unternehmen könnte, bis der III.Band1 fertig, und dachte dann nicht mehr daran. Aber Leßner scheint sich mit derselben Heftigkeit auf die Literatur zu werfen, wie s. Z. auf die Malerei.

Über die Profitrate lese ich aus Prinzip nichts mehr, weder Schmidtchens2 zweiten Artikel noch den von Landé hab' ich gelesen, das muß warten, bis ich an die Vorrede zum 3.Band komme. Inzwischen hat mir Dein ununterdrückbarer Leibgegner Stiebeling sein neustes Opus auch wieder zugeschickt, er hofft – aber wahrscheinlich vergebens – wohl auch auf gefällige Notiznahme.

Woher der Schwindelbericht von meiner Erkrankung kam, ist mir total unbegreiflich, es lag aber auch nicht der geringste Vorwand dazu vor. Ich kann auch nicht herausbekommen, wo er zuerst erschien und in welchem Blatt, so daß mir jeder Anhaltspunkt fehlt. Nun, wir haben auf den hochgradigen Kräfteverfall und das stündlich erwartete Ableben diverse Flaschen geleert.

Im 3.Band sind fünf von sieben Abschnitten fertig bis auf die – formelle – Schlußredaktion, die Hauptschwierigkeit, der Kreditabschnitt3, ist überwunden. Jetzt bin ich an der Grundrente4, die möglicherweise noch einigen Zeitverlust macht, so daß ich noch nicht sagen kann, wann. Dies unter uns. Hätte ich gewußt, daß Du noch auf Weiterarbeiten am Ms. der „Theorien über den Mehrwert" Dich einlassen wolltest, so hätte ich es Dir gelassen, aber da ich seit Jahren nichts davon hörte und doch beim 3.Band manchmal Vergleichung des Ms. wünschenswert ist, schrieb ich darum.5 Es würde bei Deiner sonstigen Beschäftigung doch wohl sehr unsicher gewesen sein, wann Du mit diesem und ferneren Heften fertig geworden. Die Rechnung darüber machen wir nächstens.

Die mannigfaltigen Pläne wegen der „N[euen] Z[eit]" scheinen so ziemlich in Vergessenheit gekommen zu sein – hoffentlich geht's auch ohne so gewaltige Revolutionen. Aber der Grundmangel scheint mir immer noch, daß der Inhalt für ein Publikum bestimmt ist und der Preis auf ein anders berechnet.

Hier geht's mit der Bewegung sehr gut voran. Die Gefahr der Sektiererei – sowohl von seiten der Social Democratic Federation wie der Fabians – ist der Hauptsache nach überwunden, die Independent Labour Party wird sie entweder absorbieren oder weitertreiben, resp. die unbrauchbaren Führer abschütteln. Die Massen, bes. im Norden, in den Industriebezirken, sind endlich unzweifelhaft in Bewegung. Dummheiten und Schweinereien werden noch genug passieren, aber man wird damit fertig werden. Aveling war vorgestern in Manchester, wo die Exekutive der Independent Labour Party ihre erste Sitzung hielt, die Beschlüsse sind ganz zufriedenstellend, A[veling] ist als Repräsentant nach Brüssel und später auch, mit K.Hardie und Shaw Maxwell, nach Zürich gewählt. Weiteres wirst Du wohl von Ede hören. (Dies natürlich privatim, ich weiß nicht, was die Leute veröffentlichen wollen.)

Besten Gruß.

Dein
F. E.