41, Regent’s Park Road
[London] Nov. 24th 1894
Lieber Liebknecht!
Ich habe an B[ebel] geschrieben und ihm nahegelegt, daß man in politischen Debatten sich alles ruhig überlegen und nichts in der Eile tun soll oder im ersten Eifer, sintemal ich mir selbst dadurch des öfteren die Finger verbrannt. Dahingegen habe ich nun aber auch an Dich eine kleine Ermahnung zu richten.
Ob B[ebel] in der Versammlung ungeschickt vorgegangen, darüber läßt sich streiten. Aber in der Sache hat er entschieden recht. Du allerdings bist als Redakteur des Zentralorgans verbunden, ausgleichend zu wirken, selbst wirklich vorhandene Differenzen weg zu disputieren, to make things pleasant all round1, auf die Einigkeit in der Partei hinzuwirken bis zum Tage des Bruches. Da mag Dir als Redakteur Bebels Vorgehen fatal sein. Aber was dem Redakteur unangenehm, sollte dem Parteiführer erwünscht sein: daß es Leute gibt, welche die obligate Redaktionsbrille nicht immer auf der Nase zu tragen genötigt sind und auch den Redakteur daran erinnern, daß er in seiner Eigenschaft als Parteiführer gut tut, von Zeit zu Zeit über die Harmoniebrille weg sich die Welt mit seinen natürlichen Augen zu betrachten.
Die Bayern bilden direkt vor dem Frankfurter Parteitag einen förmlichen Sonderbund in Nürnberg. Sie kommen nach Frankfurt mit einem unverkennbaren Ultimatum. Um dies zu vervollständigen, spricht Vollmar vom getrennt marschieren, Grillo2 vom: Beschließt, was ihr wollt, wir gehorchen nicht. Sie proklamieren bayrische Reservatrechte und behandeln ihre Gegner in der Partei als „Preußen“ und „Berliner“. Sie verlangen Billigung der Budgetbewilligung und einer Bauernpolitik, die schon übers Kleinbürgerliche hinaus nach rechts geht. Der Parteitag, anstatt wie früher stets geschehen, energisch den Stock vorzustecken, wagt keinen Beschluß zu fassen. Wenn da nicht die Zeit da war für Bebel, vom Vordringen des kleinbürgerlichen Elements in der Partei zu sprechen, dann weiß ich nicht, wann sie kommen soll.
Und was tut der „Vorwärts“? Klammert sich an die Form des B[ebel]-schen Angriffs, sagt, es sei nicht so schlimm, und stellt sich so sehr in „diametralen Gegensatz“ zu ihm, daß Du erst durch die – hiernach unvermeidlichen – „Mißverständnisse“ der Gegner B[ebel]s genötigt bist zu der Erklärung, Dein diametraler Gegensatz beziehe sich bloß auf die Form des B[ebel]schen Angriffs, in der Sache – die Budgetgeschichte und Bauernfrage – habe er recht und Du stehst auf seiner Seite. Ich sollte meinen, die bloße Tatsache, daß Du zu dieser Erklärung nachträglich gezwungen wurdest, beweist Dir, daß Du weit mehr nach rechtshin gefehlt hast, als B[ebel] nach linkshin gefehlt haben kann.
Und in der ganzen Debatte handelt es sich schließlich nur um die in diesen beiden Punkten gipfelnde Aktion der Bayern: Um den Opportunismus der Budgetbewilligung als Kleinbürgerfang, und den Opportunismus der Vollmarschen Landpropaganda zum Fang des Mittel- und Großbauern. Das und die Sonderbundstellung der Bayern sind die einzigen vorliegenden praktischen Fragen, und wenn B[ebel] hier ansetzt, wo der Parteitag die Partei im Stiche gelassen hat, so solltet ihr ihm des Dank wissen. Wenn er die durch den Parteitag geschaffene unerträgliche Lage als Einwirkung wachsender Spießbürgerei in der Partei darstellt, so bringt er nur die Spezialfrage unter ihren richtigen allgemeinen Gesichtspunkt, und das ist ebenfalls anzuerkennen. Und wenn er die Debatte über alles dies forciert, so tut er seine verdammte Schuldigkeit und sorgt dafür, daß der nächste Parteitag in voller Sachkenntnis urteilt in dringenden Fragen, wo er in Frankfurt stand, wie der Ochs am Berge.
Die Gefahr der Spaltung liegt nicht bei B[ebel], der die Sache beim richtigen Namen genannt. Sie liegt bei den Bayern, die sich eine Handlungsweise vermessen, wie sie bisher in der Partei unerhört war, und der Jubel der – in Vollmar und den Bayern ihre Leute erkennenden – Vulgärdemokraten der „Frankfurter Zeitung“ erweckt hat, und die sich freut und noch verwegener geworden.
Du sagst, V[ollmar] sei kein Verräter. Mag sein. Daß er selbst sich für einen hält, glaube ich auch nicht. Aber wie nennst Du einen Menschen, der einer proletarischen Partei zumutet, sie soll den oberbayrischen Groß- und Mittelbauern, Eignern von 10–30 Hektaren, ihren jetzigen Zustand verewigen, der zur Grundlage hat die Ausbeutung von Gesinde- und Taglöhnern. Eine proletarische Partei, expreß gestiftet zur Verewigung der Lohnsklaverei! Der Mann mag ein Antisemit sein, ein bürgerlicher Demokrat, ein bayrischer Partikularist, was weiß ich, aber ein Sozialdemokrat?! Übrigens ist die Zunahme des kleinbürgerlichen Elementes in einer wachsenden Arbeiterpartei unvermeidlich und auch kein Schaden. Ebenso wie die Zunahme der „Akademiker“, durchgefallenen Studenten etc. Vor ein paar Jahren waren sie noch eine Gefahr. Jetzt können wir sie verdauen. Aber man muß auch dem Verdauungsprozeß seinen Lauf lassen. Dazu gehört Salzsäure; wenn nicht genug vorhanden ist (wie es Frankfurt konstatiert), soll man B[ebel] danken, wenn er sie zugießt, damit wir die nichtproletarischen Elemente eben gut verdauen.
Darin besteht eben die Herstellung der wirklichen Harmonie in der Partei, nicht darin, daß man jede wirkliche innere Streitfrage wegleugnet und totschweigt.
Du sagst, es handelt sich um „Herbeiführung wirksamen Handelns“. Soll mir sehr angenehm sein, aber wann geht das Handeln denn eigentlich los?
Nach einer maschinengeschriebenen Abschrift.