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Engels an Filippo Turati
in Mailand

4, Royal Parade
Eastbourne, den 16.August 1894

Mein lieber Bürger Turati,

Ich danke Ihnen vielmals für die Mühe, die Sie sich wegen P[asquali] gemacht haben.1 Glücklicherweise „seccatore di prima sfera“ ha cessato di seccare la nostra sfera2. Zu meiner Zeit sagte man in Mailand von denen, die wegen Geldgeschichten verfolgt wurden und sich auf den Weg in die Schweiz machten: l'è andà a Varés3; P[asquali] ist nach Edinburgh gegangen, wo er wahrscheinlich sein Glück versuchen wird. Er hatte mir seinen Besuch „colla mia moglie e col mio piccolo Marx Guglielmo“4 angekündigt, aber er ist nie gekommen, und als einer unserer Freunde in seiner Wohnung vorsprach, wurde ihm mitgeteilt, Herr P[asquali] sei mit seiner Familie nach Edinburgh abgereist. Wahrscheinlich werden sich einige „christliche Sozialisten“, von denen es hier eine ganze Anzahl und mehr als eine religiöse Sekte gibt, für diese interessante Persönlichkeit interessieren. Wünschen wir ihm gute Reise!

Ihre Marx-Büste findet hier nicht allzu viele Bewunderer. Sie hat zuwenig von Marx und zuviel von Garibaldi. Außerdem würde es, selbst wenn die Büste ähnlich wäre, schwierig sein, sie außerhalb Italiens zu verkaufen. In Paris hat man jetzt ein ziemlich großes Medaillon gemacht, das man zu verkaufen versucht, und in Deutschland, in Österreich und in der Schweiz wimmelt es von Marx-Büsten aus Gips bis zur Unverkäuflichkeit.

Ihr Verdächtigungsgesetz übertrifft tatsächlich noch unseres von 1878 und das der Franzosen von 1894. Das ist die Verbannung auf administrativem Wege wie in Rußland. Ich hoffe jedoch, daß dies einer der Fälle ist, in denen sich das deutsche Sprichwort bewahrheitet: Es wird nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird5. Feststeht, daß von allen Ländern Europas Italien das Land ist, wo sich alle politischen Krankheiten zu einem akuten Entzündungsherd entwickeln: offene gewaltsame Rebellion auf der einen Seite, übertrieben heftige Reaktion auf der anderen. Aber wo Bismarck gescheitert ist, wird Crispi bestimmt nichts erreichen: Die Verfolgung wird damit enden, daß sich der Sozialismus in Italien festigt, und ich wünsche Ihnen nur, daß dieser Sturmwind vorübergeht, ohne Sie zeitweilig in die Hölle des Roten Meeres oder in das Fegefeuer von London zu zwingen.

Da ich gerade von London spreche, die Social Democratic Federation, eine der fünf oder sechs sozialistischen Sekten hier – sie hat ein marxistisches Programm, aber eine ausgesprochen sektiererische Taktik –, hat eben ihren Kongreß6 abgehalten, auf dem zwei ziemlich wichtige Beschlüsse gefaßt wurden. Der erste ist für diese Föderation charakteristisch: es wurde vorgeschlagen, daß die Föderation bei den nächsten Parlamentswahlen die Kandidaturen der „Independent Labour Party“ unterstützen soll, wenn diese Kandidaten sich offen als Sozialisten erklärten. – Mit einer starken Mehrheit zurückgewiesen. Die „unabhängige Arbeiterpartei“ ist eine konkurrierende Gruppe, die ebenfalls „die Sozialisierung der Produktionsmittel“ in ihr Programm aufgenommen hat, die folglich sozialistisch ist, wenn sie sich auch nicht dafür ausgibt, und die das Ziel hat, Arbeiterkandidaten wählen zu lassen, die von beiden Parteien – Konservativen und Liberalen – unabhängig sind. Alle haben gehofft, daß diese beiden Gruppen bei den Wahlen zusammen marschieren würden. Aber die Föderation sagt nein: entweder ihr seid Sozialisten, und dann ist euer Platz in unseren Reihen, oder ihr weigert euch, bei uns einzutreten und bildet eine eigene Gruppe, dann seid ihr keine Sozialisten. Machen Sie mal mit solchen Elementen eine Bewegung!

Aber was uns noch näher angeht: nach einer Debatte, in der die Tatsache betont wurde, daß die Kongresse von Paris, Brüssel und Zürich keine rein sozialistischen Kongresse gewesen wären und daß es für die Sozialisten an der Zeit sei, sich von dem (korporativen) trades-unions-Element, das nicht sozialistisch ist, zu lösen, hat die Föderation formell beschlossen, einen rein sozialistischen Kongreß für 1896 einzuberufen, der drei Tage vor dem allgemeinen Kongreß von London eröffnet werden soll.

Beachten Sie, daß die Gruppe, die alle Sozialisten zu einem Spezialkongreß einberuft, ohne irgendein Mandat zu haben, auf ihrem oben erwähnten Kongreß erklärte, daß sie 4500 Mitglieder zähle; aber nach den Worten des Sekretärs7 hatte man im vergangenen Jahr 7000 Namen in der Mitgliederliste verzeichnet, so daß man also fast ebenso viele verloren wie behalten hat; und ein anderes Mitglied hat sich gebrüstet, daß in den vierzehn Jahren des Bestehens dieser Organisation nicht weniger als eine Million Mitglieder eingetreten und ausgeschieden sind (immer ohne die oben erwähnten 4500)!

Eine Organisation, die eine derartige Kraft der Attraktion (und der Repulsion) besitzt, die außer ihren Kandidaturen alle anderen sozialistischen zurückweist (beachten Sie, daß die Independent Labour Party in der Provinz in bester Harmonie mit der Social Democratic Federation lebt!) und die auch die trades-unions in dem Augenblick zurückweisen will, wo diese (das breiteste und günstigste Feld für unsere Propaganda) sich wahrscheinlich in Norwich zum zweiten Mal für die Sozialisierung der Produktionsmittel (in Belfast 1893 angenommen, 1894 zum zweiten Mal durch den London Trades Council angenommen) aussprechen werden –, eine solche Organisation ist wirklich sehr dazu geeignet, die Initiative in einer solchen Frage zu ergreifen.

Die Sozialisten des Kontinents, die sich jetzt in allen Ländern zusammengeschlossen haben, werden sich überlegen, ob sie damit einverstanden sind, sich zu einem Kongreß einladen zu lassen, auf dem sie Beschlüsse annehmen müßten, die ihnen schon vorher ihre Aktionslinie auf dem allgemeinen Kongreß vorschreiben. Das könnte die Delegierten des großen Kongresses, die von den noch nicht rein sozialistischen Gruppen entsandt werden, nur – und mit Recht – verärgern. Und da wir aus Erfahrung wissen, daß diese Gruppen allein durch die Tatsache ihrer Anwesenheit auf unseren Kongressen unbewußt in den sozialistischen Kreis hineingezogen werden – die englischen Trade-Unions sind der beste Beweis dafür –, sollten wir da so engstirnig sein, uns diese Tür zu verschließen?

Sie haben keine Vorstellung von den Intrigen, die hinsichtlich dieses Kongresses hier angezettelt werden. Das Parlamentarische Komitee des Trade-Union-Kongresses will, so sagt man, sich unseres Kongresses bemächtigen, um ihn in einen ausgesprochenen Kongreß der Trade-Unions zu verwandeln, wie der hier von 1888 einer war, über den Ihnen C.Lazzari einiges sagen kann. Natürlich würde man einen solchen Versuch auf dem Kontinent mit Lachsalven beantworten. Aber die Social Democratic Federation scheint diese Gerüchte ernst genommen zu haben und daraus ihrerseits Nutzen ziehen und sich des Kongresses bemächtigen zu wollen, um daraus etwas Besonderes zu machen. Da die Resolution dieser letzteren offiziell ist und veröffentlicht wurde, kann man darüber in der Presse sprechen. Besser wäre jedoch, dem nicht zuviel Gewicht beizumessen, es ist offenbar ein Versuchsballon, der nur in dem Fall Bedeutung erlangt, wenn ihm Anzeichen einer Tätigkeit, ein Einladungs-Zirkular usw. usw. folgen würden.

Grüße an Sie und Frau Anna von Frau Freyberger und mir.

Freundschaftlichst Ihr
F. E.

Ich bitte Sie, diesen Brief als privat und vertraulich anzusehen.

Aus dem Französischen.