London, den 21. Mai 94
Mein lieber Plechanow,
Zunächst einmal verschonen Sie mich mit dem „Meister" – ich heiße ganz kurz Engels.
Alsdann Dank für Ihre Informationen. Ich habe Herrn Kritschewski in einem eingeschriebenen Brief mitgeteilt1, daß die „Einleitung zu ‚Наёмный трудъ и кап[италъ]'"2 sowie die Artikel über Rußland in „Internationales aus dem ‚Volksstaat'" gemäß der Berner Konvention mein literarisches Eigentum sind und jede Übersetzung meiner Einwilligung bedarf; daß ich im Interesse der Sache verpflichtet bin, meine Rechte geltend zu machen, um Übersetzungen durch unbefähigte oder sonst unbefugte3 Personen zuvorzukommen; daß es folglich einfach seine Pflicht war, mich um meine vorläufige Genehmigung zu ersuchen, was er nicht getan hatte; daß ich folglich offiziell meinen Protest gegen sein Verfahren erkläre und mir alle meine Rechte vorbehalte; daß ich, was die Artikel über Rußland betrifft, um so mehr protestiere, als ich mich bereits gebunden und das Übersetzungsrecht für die russische Sprache hierüber und über andere Arbeiten an Frau Vera Sassulitsch vergeben hatte.
Sollte er also darauf bestehen, die Arbeit zu veröffentlichen, dann werden wir weitersehen. Seien Sie bitte so gut und teilen Sie mir auf jeden Fall mit, ob die Sache erscheint, und schicken Sie mir ein Exemplar.
Da er auch eine Übersetzung von Kautskys „Эрфуртская программа" ankündigt, habe ich es für meine Pflicht gehalten, diesen von dem Benehmen mir gegenüber in Kenntnis zu setzen. Ich habe ihm nichts von dem mitgeteilt, was Sie mir geschrieben haben, aber ich habe ihm gesagt, daß die Sache unsauber ist und er sich an Sie wenden soll, um Genaueres zu erfahren.
Ich hoffte Mendels[on] gestern abend zu sehen, hörte aber, daß seine Frau erkrankt ist; wenn ich kann, werde ich ihn diese Woche besuchen.
Im voraus Dank für das Ex. Ihres „Tschernyschewski", ich warte mit Ungeduld darauf.
Hier geht es vorwärts, wenn auch langsam und im Zickzack. Schauen Sie sich zum Beispiel Mawdsley an, den Chef der Textilarbeiter von Lancashire. Er ist Tory, Konservativer in der Politik und sehr fromm. Vor drei Jahren zeterten diese Leute gegen den 8-Stunden-Tag, jetzt fordern sie ihn mit Nachdruck. Kürzlich erklärte Mawdsley – vor einem Jahr noch heftiger Gegner jeder selbständigen Politik der Arbeiterklasse – in einem Manifest, daß sich die Textilarbeiter mit der Frage ihrer direkten Vertretung im Parlament beschäftigen müssen, und eine Arbeiterzeitung in Manchester rechnet damit, daß die Textilarbeiter von Lancashire allein in dieser Grafschaft zwölf Sitze im Parlament beherrschen werden. Sie sehen also: die Trade-Union wird ins Parlament einziehen; nicht die Klasse, sondern der Industriezweig fordert vertreten zu sein. Aber das ist immerhin ein Schritt vorwärts. Zuerst muß man erreichen, daß sich die Arbeiter aus der Abhängigkeit von den beiden großen bürgerlichen Parteien befreien, daß die Textilarbeiter, wie bereits die Bergarbeiter, ins Parlament kommen. Sobald etwa zehn Industriezweige vertreten sein werden, wird das Klassenbewußtsein ganz von selbst durchbrechen.
Als Gipfel der Komik fordert Mawdsley in diesem Manifest den Bimetallismus, um die Vorherrschaft des englischen Kattuns auf dem indischen Markt aufrechtzuerhalten.
Solche Leute wie diese englischen Arbeiter – mit ihrem Gefühl eingebildeter nationaler Überlegenheit, mit ihren im wesentlichen bürgerlichen Ideen und Ansichten, mit ihrer Beschränktheit der „praktischen" Sicht, mit ihren Führern, die stark angesteckt sind von parlamentarischer Korruption – können einen wirklich zur Verzweiflung bringen. Aber es geht trotzdem voran. Nur, die „praktischen" Engländer werden als letzte ankommen, aber wenn sie ankommen, werden sie ein solides Gewicht in die Waagschale werfen.
Viele Grüße an Axelrod und seine Familie.
Freundschaftlichst Ihr
F. Engels
Aus dem Französischen.