London, 21. März 94
122, Regent’s Park Road, N.W.
Lieber Sorge,
Heute schickte ich Dir per Book Post, registered1, die „Heilige Familie“ mit bestem Dank zurück, nachdem sie ihre Römerfahrt2 glücklich bestanden.
Das Bax-Morrissche Buch und die Berliner Bernsteinsche Gesamtausgabe von Lassalle schicke ich Dir in einem Paket sogleich nach Ostern.
Soeben war Tante Motteler mit Gertrud Liebknecht hier, letztere scheint sich vorläufig bei ersterer häuslich einrichten zu wollen. Was Liebknecht (sie sagt, er habe ihre Rückkehr gewünscht) mit ihr anfangen will, ist Geheimnis, wahrscheinlich auch für ihn selbst. Seine älteste Tochter, Frau Geiser, ist selbst in möglichst schlechten Verhältnissen, und seine Frau und Gertrud sind wie Hund und Katz. Auch glaub’ ich nicht, daß er grade auf ihre Rückkehr gedrängt hat.
Hast Du im „Vorwärts“ den Roman „Helena“ von der alten Mutter Kautsky gesehn? Sie bringt eine Masse lebender Parteigenossen auf die Bühne, u.a. Motteler und seine Frau, es ist ein schlechter Abklatsch der Gregor Samarow3 (Spion Meding)schen Reklameromane. Ich bin begierig, ob das so ruhig hingeht, ich wundre mich einigermaßen, daß der „Vorwärts“ das genommen; Mutter Natalie Liebknecht zensiert da das Feuilleton.
Die „Pionierkalender“ dankend erhalten.
Hier geht’s mit Macht auf die Parlamentsauflösung los. Bei der Neuwahl werden mehr Arbeiterkandidaten aufgestellt als je vorher, aber noch lange nicht genug, und ich bin nicht sicher, ob nicht wieder eine ganze Menge davon mit Torygeld aufgestellt werden. Die Liberalen wie die Tories halten beide fest an dem indirekten Wählbarkeitszensus, der in der Belastung der Kandidaten mit den sämtlichen Kosten der Wahl liegt – von £ 100 im Minimum bis zu £ 4–600 und selbst mehr allein für die amtlichen Kosten: polling places4 etc. Wenn da die Arbeiter in Champions Klauen fallen, der ihnen £ 100 per Wahlbezirk offeriert (er hat das Geld von dem Seifenfabrikanten Hudson erhalten), so haben die Liberalen keinen Grund, sich zu beklagen. Überhaupt gehn sie der Wahl mit merkwürdig hartnäckiger Verkennung der Sachlage entgegen. Sie tun, als wollten sie das Oberhaus abschaffen, aber weigern sich, das Unterhaus so umzugestalten (durch Stärkung der Arbeitermacht), daß es allein imstande ist, so etwas in Angriff zu nehmen. Andrerseits sind die Tories so dumm wie noch nie, und das will viel sagen. Seit 2 Jahren haben sie mit der liberalen Regierung geradezu Schindluder im Unterhaus und Oberhaus getrieben; die Liberalen haben es sich ruhig gefallen lassen und der massenhaft konservativ gewordne Philister hat sich gefreut darüber, weil es unter dem Vorwand geschah, die hochverräterische reichsfeindliche Homerulebill-Homeruleregierung zu beseitigen. Aber jetzt setzen sie das Spiel auch fort bei ernstlichen englischen Maßregeln, und das könnte dem friedlichen Philister doch etwas zu arg werden. So daß die Sache sehr ungewiß steht und die Neuwahl jedenfalls überraschende Resultate ergeben wird, unter allen Umständen Stärkung der Arbeiter und Notwendigkeit für die Liberalen, den Arbeitern weitere Konzessionen zu machen.
In Östreich, Belgien, Holland ist ebenfalls Wahlreform auf der Tagesordnung, es wird bald kein europäisches Parlament mehr geben ohne Arbeitervertreter. In Östreich geht die Sache sehr gut. Adler leitet die Bewegung ganz ausgezeichnet geschickt, der Parteitag am Sonntag wird weiterhelfen.
Wenn bei Euch erst die Tarifgeschichte in einige Ordnung gebracht und der Zoll auf Rohstoffe beseitigt ist, wird die Krisis wahrscheinlich abnehmen und die Überlegenheit der amerikanischen Industrie über die europäische sich entschieden geltend machen. Dann erst wird’s hier in England ernsthaft, dann aber auch rasch.
Mit den ersten beiden Dritteln des 3. Bandes5 wurde ich rascher fertig als ich erwartete, und da der Druck rasch voranging (12 Bogen Korrektur schon hier), war ich genötigt, die kurze Anzeige6 zu machen. Das letzte Drittel ist noch nicht ganz schlußredigiert, nächste Woche komme ich wieder dran.
Louise K[autsky] hat Dir ihre Verheiratung mit Dr. med. L. Freyberger aus Wien angezeigt. Er ist ein junger Arzt, der, wie ich glaube, eine bedeutende wissenschaftliche Karriere vor sich hat, er praktiziert an hiesigen Spitälern. Einstweilen ist er zu uns gezogen, so daß Louises Adresse bis auf den Namen unverändert.
Dein
F. Engels
Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau von Louise und mir.
Hoffentlich geht’s besser mit der Gesundheit.