London, den 3. Januar 94
122, Regent's Park Road, N.W.
Mein lieber Lafargue,
Zunächst einmal all the compliments of the season1 für Laura und Sie von Louise und mir.
Nun zu Eurem Abrüstungsentwurf. Ich habe Vaillants Entwurf in „Le Parti Socialiste" gelesen, ich habe ihn nicht von Laura bekommen. Aber weder in diesem Blatt noch in Ihrem Brief steht etwas darüber, ob er schon vorgelegt worden ist oder ob das erst noch geschehen soll.
Die Deutschen haben seit Jahren die Umwandlung des stehenden Heeres in eine Miliz gefordert; das haben sie in all ihren Reichstagsreden über den Militarismus, über das Kriegsbudget usw. immer wieder bis zum Überdruß wiederholt. Ich sehe nicht, was die Einbringung des Gesetzentwurfs dem formal noch hinzufügen könnte. Dennoch wollen sie es tun.
Was den Vorschlag anbelangt, einen Abrüstungskongreß einzuberufen, so müßte dies – ebenso wie Vaillants Entwurf – von einer Konferenz der Delegierten der 3 Parlamente, des französischen, des deutschen und des italienischen, beschlossen werden – ein Delegierter von jeder Nation würde genügen. Unbedingte Voraussetzung für jede internationale Aktion muß sein, daß man sich im voraus über den Inhalt und die Form verständigt. Es scheint mir unzulässig, daß eine Nationalität allein öffentlich die Initiative ergreift und dann die anderen auffordert, ihr zu folgen. Die Herren Franzosen sind bisweilen selbst äußerst kitzlig in Fragen der Etikette und sollten ihrerseits demokratische Rücksicht walten lassen. Ich werde die Aufmerksamkeit der Deutschen nicht auf diesen Punkt lenken, aber ich würde mich nicht wundern, wenn diese reichlich naive Aufforderung, sich dem Schritt der französischen Partei anzuschließen, die gerade erst ins Parlament gekommen ist und aus so verschiedenen und zum Teil so wenig bekannten Elementen besteht, nicht sofort akzeptiert würde.
Jetzt zum Inhalt.
Vaillants Entwurf wird von den Militärs unter dem Vorwand bekämpft werden, daß Milizen nach dem Schweizer Vorbild vielleicht für ein gebirgiges Land geeignet, für ein großes Heer aber, das auf jedem Gelände aktionsfähig sein muß, nicht zuverlässig genug sind. Und darin hätten sie recht. Um ein gutes Milizheer zu haben, muß man bei der gymnastischen und militärischen Ausbildung der Jugend anfangen; das würde also 5 bis 8 Jahre in Anspruch nehmen; und eine solche Miliz hätte man dann erst gegen Ende des Jahrhunderts. Wenn man also einen Gesetzentwurf einbringen will, gegen den die Bourgeois und die Militärs keine gewichtigen Argumente vorbringen können, muß man dieser Tatsache Rechnung tragen.
Und gerade das habe ich versucht mit den Artikeln, die im vorigen Jahr im „Vorwärts" erschienen sind2 und die ich Ihnen geschickt habe. Ich sende Ihnen heute erneut ein Exemplar. Darin schlage ich einen internationalen Vertrag vor über die gleichzeitige und stufenweise gemeinsam und im voraus festgelegte Herabsetzung der Militärdienstzeit. Um den vorhandenen Vorurteilen soweit wie möglich Rechnung zu tragen, schlage ich vor, daß man eine Dienstzeit bei der Fahne von zwei Jahren zum Ausgangspunkt nimmt, die so bald wie möglich auf 18 Monate (zwei Sommer und den dazwischenliegenden Winter) und dann auf ein Jahr herabzusetzen ist und so fort, bis ein Jahrgang von jungen Leuten das militärpflichtige Alter erreicht, der die gymnastische und militärische Ausbildung erhalten hat, und fähig wäre, ohne weitere Vorbereitung zu den Waffen zu greifen. Dann hätte man eine Miliz, die nur einmal alle 2 oder 3 Jahre große Manöver durchführen müßte, um sich zusammenzufinden und zu lernen, als große Masse zu operieren.
Heute, wo die zweijährige Dienstzeit schon allgemein anerkannt ist, könnte man daher 18 Monate verlangen und in zwei oder drei Jahren die Herabsetzung auf 1 Jahr; in dieser Zeit könnte man die gymnastische und militärische Ausbildung der jungen Leute von 15 bis 18 Jahren organisieren, ohne die der 10- bis 15jährigen Jungen zu vernachlässigen.
Vaillants Entwurf bedarf unbedingt der Revision durch jemand, der sich auf militärische Dinge versteht; er enthält in Eile niedergeschriebene Sachen, deren ernsthafte Diskussion wir nicht unterstützen könnten. Nach Art. 9 (alle Landeskinder) müßten auch die Mädchen die „gesamte Entwicklung der Infanterie, Kavallerie und Artillerie" usw. usw. studieren.
Ein Ex. meiner Artikel schicke ich auch Vaillant.
Also, wenn es Ihnen gelingt, sich mit den Deutschen und den Italienern zu verständigen, daß diese einen entsprechenden Entwurf zur Einberufung eines Abrüstungskongresses einbringen, der den stufenweisen, gleichzeitigen und im voraus festgelegten Übergang zum Milizsystem vorsieht, so wäre das eine wunderbare Sache und sehr wirkungsvoll. Aber verderben Sie es bloß nicht, indem Sie die öffentliche Initiative ergreifen ohne vorherige Beratung mit den anderen. Die innerpolitischen Verhältnisse und besonders die Vorschriften eines jeden Parlaments sind so verschieden voneinander, daß ein solches Vorgehen für ein Land ausgezeichnet, für ein anderes jedoch absolut unmöglich oder sogar verderblich sein kann.
Die Anarchistenbombe wird ebenso vorübergehen wie die berühmten 2500 fr. der Deutschen vorübergegangen sind. Das wird sich auf die Polizei auswirken; denken Sie an das Urteil von Madrid in der Muñoz-Affäre, wo die Polizei auch für schuldig erkannt wurde, und in Frankreich riskiert sie, vor aller Öffentlichkeit in die Bombenaffäre hineingezogen zu werden; wenn es ihr diesmal gelingt zu entkommen, kann sie sich gratulieren. Dieser Krug ist ziemlich lange zu Wasser gegangen, jetzt ist er nahe daran zu zerbrechen.
Ich hoffe, daß Laura ihr Manuskript erhalten hat.3
Umarmen Sie Laura für mich. Grüße von Louise.
Freundschaftlichst
Ihr
F. Engels
Aus dem Französischen.