London, 4. Dez. 93
122, Regent's Park Road, N. W.
Lieber Baron,
Vor allem herzlichsten Dank für Eure Glückwünsche zum 73., den ich munter und gesund überstanden.
Entweder habt Ihr meine Bemerkungen wegen der „Verleger"1 falsch ausgelegt, oder ich habe mich schlecht ausgedrückt. Es ist mir nicht eingefallen, Dietz einen Vorwurf machen zu wollen oder überhaupt irgendeinem einzelnen; dazu weiß ich zu wenig von dem, was in der Stepniak-Sache drüben, ehe sie zu meiner Kenntnis kam, vorgefallen ist. Ich führte sie nur an als ein warnendes Exempel, das man nicht wiederholen soll. Und bei der hiesigen Stellung der Verleger war dies eine klar: daß Sonnenschein vom deutschen Verleger (so muß er's auffassen) £ 25 unnötigerweise geschenkt erhalten hat und daß ihm dies einen ziemlich geringen Begriff von der Geschäftstüchtigkeit deutscher Verleger beibringen muß. Und das werdet Ihr in Stuttgart nicht bestreiten können. Und als sicherstes Mittel, dergleichen zu verhüten, machte ich Euch darauf aufmerksam, daß hierzulande die Einwilligung des Autors allein nicht schützt, da in 9 Fällen aus 10 der englische Verleger das entscheidende Wort zu sprechen hat, denn meist ist das literarische Eigentum an ihn übergegangen inkl. aller Übersetzungsrechte (dies steht z.B. in Sonnenscheins sämtlichen Kontraktsformularen bereits gedruckt), oder aber er hat sich das Recht vorbehalten, ein Wort mitzusprechen. Also bitte sage Dietz, daß es mir nicht eingefallen ist, auf seine Geschäftstüchtigkeit den geringsten Schatten zu werfen.
Was nun die internationalen Verträge angeht, so hat Sam Moore sie damals in den parliamentary publications2 nachgesehn und ausgezogen, und das wegen des 1 und der 3 Jahre war damals unbedingt richtig. Von der Berner Konvention und ihrer Schutzfrist von 10 Jahren für Übersetzungen ist mir nichts bekannt, und ich bitte Dich, mir das Datum dieser Konvention anzugeben, ich kann mir dann den fürs Parlament gemachten Abdruck verschaffen.
Victor schreibt, der Generalstrike in Österreich sei tot und begraben, eine Diskussion könne also schwerlich schaden.3 Gleichzeitig aber kommen uns aus der österreichischen Provinz Anfragen zu, was wir hier vom Generalstreik halten.
Ich glaube noch immer, daß die Wahlreform, zum mindesten in der von Taaffe und Franz Joseph ausgeklügelten Form, in Österreich sicher ist. Selbst wenn das Koalitionsministerium eine Kurienwahlrechtserweiterungs-Vorlage fertigbringt und auch durchsetzt, ohne dabei, oder inzwischen sonstwie, in die unvermeidliche Brüche zu gehn, ist die Sache damit noch lange nicht abgemacht. In einem so künstlich equilibrierten Staat wie Österreich ist stabiles Gleichgewicht, einmal erschüttert, nur schwer wiederherzustellen, fast nur durch Gewaltschritte, und die Regierung weiß nur zu gut, daß auch diese nur auf Zeit helfen und den Staat schwächer hinterlassen als sie ihn vorgefunden. Und die Tatsache, daß Franz Joseph diese Art Wahlreform genehmigt, ja sie für sein eigenstes Werk erklärt, hat das bisherige Österreich ein für allemal unmöglich gemacht. Es heißt jetzt
Humptius in muro sedebat, Dumptius alto,
Humptius de muro Dumptius, heu! cecidit
Nec equites regis, nec agmina cuncta tyranni
Humpti te Dumpti restituere queunt.
Oder:
Humpty Dumpty sat on a wall,
Humpty Dumpty had a great fall,
All the king's horses and all the king's men,
Cannot put Humpty Dumpty together again.
Aller Wahrscheinlichkeit nach kommt Taaffe nach einigem Intervall wieder dran, er scheint sich den Disraeli von 1867 zum Vorbild genommen zu haben. Dieser übertriebne Schlauberger und der schwachmatische Franz Joseph bringen wider Willen momentan Österreich an die Spitze der politischen Bewegung Europas, wie Pio IX. 1846 Italien.
Daß Ihr die „N[eue] Z[eit]" einstweilen laßt, wie sie ist, ist recht. Man soll an so etwas nicht ohne dringende Not rütteln, ist's einmal wöchentlich, dann auch bis wirklicher Zwang zur Änderung da ist.
Wegen des III.Bandes4 sei ruhig. So oder so sollt Ihr in die Lage versetzt werden, gleich mit Erscheinen des Buchs die Kritik zu geben.
Beste Grüße von Haus zu Haus.
Dein
F. E.