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Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 3.Nov. 93

Lieber Baron,

1. Howell. Das Buch „Conflicts“ etc. ist eine dicke Kompilation, 536 Seiten, und würde meiner Ansicht nach in Deutschland wenig ziehn, da zudem die ganze Vorgeschichte und auch Späteres aus – Brentano abgeschrieben. Ein kürzerer Auszug ist H[owell]s 1891 erschienener: „Trades Unionism new and old“, 235 S., und auch um ein Jahr neuere Daten enthaltend. Dies unter Kontrolle und mit Noten, gekürzt übersetzt, würde möglicherweise ziehn.

Nur muß Dietz sich nicht wieder prellen lassen, wie durch Stepniak von Sonnenschein mit den £ 25, die rein zum Fenster hinausgeworfen waren und obendrein den englischen Verlegern einen falschen Begriff von der Geschäftstüchtigkeit ihrer deutschen Kollegen beibringen. Man soll sich nicht von solchen Leuten auslachen lassen, den Engländern imponiert man nur dadurch, daß man auf seinem Recht besteht.

Also: Nach internationalem Recht muß, um das Übersetzungsrecht zu schützen, innerhalb eines Jahrs vom Erscheinen des Originals ein Anfang von der betreffenden Übersetzung veröffentlicht sein, dann ist man in dem betreffenden Land und der betreffenden Sprache auf 3 Jahre geschützt. Wo nicht, nicht. Hiernach hat weder Howell noch sein Verleger1 Anspruch auf irgend etwas von Rechts wegen. Nur Anstandsrücksichten können in Frage kommen. Wenn Dietz die Unterhandlung mit H[owell] durch Aveling mündlich will führen lassen (der in diesen Dingen gut Bescheid weiß) und diesen bevollmächtigen, im Notfall sage £ 2.10 = 50 Mark dem H[owell] zu bieten, so wird H[owell] die Einwilligung zur Übersetzung wahrscheinlich ganz gratis geben. Ich sehe nicht ein, warum den hochmütigen Engländern ohne Not Geld in den Rachen geworfen werden soll, damit sie uns Kontinentalen gegenüber dicktun mit dem kommerziellen Wert ihrer Bücher auch drüben, während wir armen Teufel dankbar sein sollen, wenn sie uns die Ehre antun, uns auch ungefragt zu übersetzen. Und noch dazu dieser Lumpazius von Howell!

2. Daß Du nach Wien willst, begreife ich. Österreich ist jetzt das wichtigste Land in Europa, wenigstens für den Moment. Hier liegt die Initiative, die in 1–2 Jahren auf Deutschland und andre Länder zurückwirken wird. Der brave Taaffe hat einen Stein ins Rollen gebracht, der so bald nicht wieder zum Halten kommt. Da ist es natürlich, daß jeder Östreicher mitarbeiten will; zu tun wird’s genug geben. Ich habe mich über die Wiener sehr gefreut, es sind famose Kerle, aber sanguin, sanguin, daß die Franzosen es nicht besser machen könnten, und da heißt’s nicht: antreiben, sondern eher: hemmen, damit nicht die Früchte langjähriger Arbeit in einem Tage verspielt werden. Ede las mir gestern abend vor, was Du ihm wegen eines Artikels über den Strike als politisches Kampfmittel geschrieben. Ich habe ihm entschieden abgeraten, den Artikel zu schreiben. Meiner Ansicht nach hat er sich durch die Dreiklassenwählereigeschichte schon hinreichend in den Ruf eines Mannes gebracht, der die Fühlung mit den Massen verloren hat, und von außen her, aus der Studierstube, doktrinär über Fragen der unmittelbaren Praxis räsoniert. Aber ich bin auch überhaupt der Ansicht, daß ein solcher Artikel grade jetzt höchst schädlich wirken müßte. Er könnte noch so vorsichtig, noch so unparteiisch abwägend gehalten sein; die Wiener „Volkstribüne“ würde die ihr passenden Stellen herausreißen, mit fetter Schrift abdrucken und gegen die Leute ausspielen, die ohnehin Mühe genug haben, die Wiener vor kopflosen Streichen abzuhalten. Du sagst selbst, Barrikaden seien veraltet (sie können aber wieder nützlich werden, sobald die Armee zu 1/3–2/5 sozialistisch ist und es drauf ankommt, ihr Gelegenheit zum Umfallen zu geben), aber der politische Strike muß entweder sofort siegen – bloß durch die Drohung (wie in Belgien, wo die Armee sehr wacklig war) – oder aber in einer kolossalen Blamage endigen oder schließlich direkt auf die Barrikaden führen. Und das in Wien, wo man Euch durch Tschechen, Kroaten, Ruthenen etc. ohne weiteres über den Haufen schießen kann. Wenn die Geschichte in Wien, so oder so, mit oder ohne politischen Generalstreik, entschieden ist, dann ist die Frage noch immer aktuell genug für die „N[eue] Z[eit]“. Aber jetzt das allgemeine theoretische Pro und Kontra dieses Kampfmittels öffentlich zu diskutieren, könnte den firebrands2 in Wien nur Wasser auf die Mühle liefern. Ich weiß, welche Mühe Victor hat, der Zaubermacht, die die Phrase vom Generalstrike auf die Wiener Massen hat, entgegenzuarbeiten, und wie froh er ist, wenn er die Entscheidung nur auf die lange Bank schieben kann, und da sollten wir uns, meiner Meinung nach, absolut davor hüten, irgend etwas zu tun oder zu sagen, was der leidenschaftlichen Strömung Vorschub leisten kann.

Die Wiener Arbeiter sollen warten, bis sie durch das Stimmrecht das Mittel erhalten, sich und ihre Freunde in der Provinz zu zählen, dann kennen sie ihre Kräfte und das Verhältnis dieser Kräfte zu den gegnerischen.

Übrigens kann es ja dahin kommen, daß der allgemeine Strike durchgeführt wird unter dem Schutz und mehr oder weniger zugunsten des Wahlreform-Ministers Taaffe. Das wäre der Gipfel der Ironie.

3. Den „Parlamentarismus“ hast Du mir in Zürich persönlich verehrt, nochmals Dank dafür.

4. Was den Heinebrief angeht, so sagt mir Tussy, sie habe Dir gegenüber auch Lauras Einwilligung sich vorbehalten. Ich habe T[ussy] die letzte Zeit, seit ich wieder hier bin – fast gar nicht und nur auf Momente gesehn, sie sind beide kolossal beschäftigt, und fast keinen Sonntag zu sehn wegen Meetings. Ich möchte aber doch den Brief nochmals ansehn, ehe ich Bestimmtes sage, die Geschichte ist arger Mißdeutung fähig, und man muß sich das sehr überlegen.

5. III.Band3, Aushängebogen. Ich will sehn, daß, wenn es soweit ist, Dir oder Ede diese Bogen abschnittweise zur Verfügung gestellt werden, wenn ich sie nämlich aus Meißner herausschlage. Denn ich brauche schon einen Extra-Abzug für die russische Übersetzung, und M[eißner] wird alt und tut nicht mehr so kulant wie früher. Ich werde aber mein Bestes tun; im ganzen sind’s 6 Abschnitte, von denen ich Euch jeden nach seiner Drucklegung separat schicken würde.

6. Das Ding von Guillaumin und V.Pareto ist mir soeben von Laf[fargue] zugekommen. Die Auszüge sind von Laf[fargue], die Einleitung scheint von einem vulgärökonomischen Scharlatan.

Um nochmals auf den Generalstrike zurückzukommen, darfst Du nicht vergessen, daß niemand froher war als die belgischen Führer, nachdem die Sache so gut verlaufen war. Die haben Angst genug ausgestanden, sie möchten gezwungen sein, mit ihrer Drohung Ernst zu machen; sie selbst sahen nur zu gut, wie wenig sie zu leisten imstande waren. Und das in einem vorwiegend industriellen Lande und bei einer durchaus wackligen, schlaff disziplinierten, milizartigen Armee. Wenn aber hier noch Aussicht war, etwas mit dieser Waffe durchzusetzen, wie soll’s in Österreich gehn, wo der Bauer vorherrscht, die Industrie sporadisch und relativ schwach, die großen Städte wenig zahlreich und weit zerstreut, die Nationalitäten gegeneinander verhetzt, die Sozialisten keine 10% der Gesamtbevölkerung (der erwachsenen männlichen natürlich)! Laß uns da um alles in der Welt jeden Schritt vermeiden, der eine ohnehin ungeduldige, tatendurstige Arbeiterschaft dazu verleiten könnte, ihr alles auf eine Karte zu setzen – und obendrein zu der Zeit, wo die Regierung dies wünscht und durch Provokation es erzwingen kann.

Der „Vorwärts“ wird immer der „Vorwärts“ bleiben, davon habe ich mich in Berlin überzeugt. Daher bin ich froh, daß das Wochenblatt4 erscheint, damit wenigstens vor dem Ausland die Partei die Chance erhält, in einer nicht blamablen Gestalt zu erscheinen. Der „Vorwärts“ erscheint in Berlin, wird fast nur in Berlin gelesen (9/10 des Absatzes) und dort als Berliner Gewächs immer milde beurteilt. Das Wochenblatt wird dem Einfluß des „V[or]w[ärts]“ auf die übrige Parteipresse auch ein Gegengewicht liefern. Wie sich das gegenseitige Verhältnis der beiden Organe machen wird, muß man abwarten; ich glaube nicht, daß es zum Äußersten kommt. Auf den Nebentitel des „V[or]w[ärts]“ als „Zentralorgan“ kommt es gar nicht an, die Phrase kann man ihm gern lassen.

Jedenfalls gibt’s allerlei Umschwung in unsrer Parteipresse, ich bin begierig, was aus der „N[euen] Z[eit]“ wird, die Rückverwandlung in eine Monatschrift ist immer gewagt; ich glaube nicht, daß das Wochenblatt auf die Dauer ihr ernstliche Konkurrenz macht.

Also viel Glück auf der Reise nach Wien. Wenn Du hinkommst, grüß mir den Löwenbräu neben dem Burgtheater, da war unser Mittagshauptquartier.

Grüße von Haus zu Haus.

Dein
F. E.