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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 14. Okt. 1893

Mein liebes Löhr,

Ich habe 3 Exemplare der französischen Ausgabe „Origine de la famille“ usw. erhalten. Zu meiner Überraschung sind die Worte „entièrement revue par Mme Laura Lafargue“1, die auf dem Titelblatt des Probebogens standen, jetzt nicht mehr vorhanden.2 Ist dies, wie ich vermute, ein kleiner Verrat von Ravé? Wenn ja, werde ich protestieren.

Voilà2 Fortin aus Beauvais, der mir mitteilt, daß er folgendes zu übersetzen beabsichtigt:

1. Die „Kritik der Hegelschen Rechtsphilosophie“ in den „Deutsch-Französischen Jahrbüchern“ (von Mohr, 1844);
2. die 3 Kapitel „Gewaltstheorie“ aus meinem „Anti-Dühring“.3

Ich habe absolut keine Zeit, seine Arbeit durchzusehen – und Nr. 1 ist außerordentlich schwierig. Aber vielleicht könntest Du, anstatt Fortins Arbeiten durchzusehen (die Du aus Erfahrung kennst), das Ganze lieber selber machen. Was Nr. 1 betrifft, so halte ich ihn für völlig ungeeignet, Mohrs epigrammatischen Stil wiederzugeben. Das könntest nur Du.

Er will sie in der „Ère nouvelle“ veröffentlichen.

Was soll ich ihm Deiner Meinung nach antworten?

Brillanter Sieg in Österreich.3 Taaffe schlägt ein Wahlgesetz vor, das ebensoviel bedeutet wie das allgemeine Stimmrecht, wenigstens in den Städten und Industriebezirken, sagt Adler. Taaffes Politik soll die Macht der Deutschliberalen Partei (die die deutsche und die jüdische Bourgeoisie vertritt) brechen und wahrscheinlich auch die bürgerlichen Liberalen durch so viele Sozialisten ersetzen, wie notwendig wären, um die anderen Parteien enger zusammenzuschließen und ihm so eine wirksame Mehrheit zu verschaffen. Das Abgeordnetenhaus in Österreich besteht aus 85 Vertretern der Großgrundbesitzer, 21 der Handelskammern (diese 106 werden von dem neuen Gesetz nicht berührt), 97 aus den Städten und 150 aus den Landbezirken (in beiden wird nach dem neuen Gesetz gewählt werden).

Vorläufig werden die Landbezirke etwa die gleiche Zahl von katholischen und konservativen Vertretern entsenden wie bisher, und der Ausschluß von Analphabeten wird hier das Stimmrecht beträchtlich einschränken; aber in den Industriezentren des Westens und Nordens (Vorarlberg, das eigentliche Österreich, Böhmen, Mähren, vielleicht auch die Steiermark) wird das neue Wahlgesetz praktisch sehr nahe an das allgemeine Wahlrecht herankommen. Die bürgerlichen Zeitungen rechnen darauf, daß die Wählerzahl 5200000 statt wie bisher 1770000 betragen wird, und die Zahl der sozialistischen Sitze wird auf 20 bis 60 geschätzt! Wir brauchten nur 20 bis 24 (das ist die Anzahl der Unterschriften, die notwendig ist, damit ein Antrag zur Diskussion gestellt wird), und wir würden diese ganze altmodische Versammlung umkrempeln. Es ist eine vollständige Revolution, unsere Leute in Wien frohlocken, obgleich sie natürlich auf dem vollen allgemeinen Stimmrecht, auf direkten Wahlen und Abschaffung der 106 privilegierten Vertreter bestehen.

Herzliche Grüße von Louise.

Immer Dein
F. E.

Aus dem Englischen.