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Engels an Victor Adler
in Wien

London, 11.Okt. 1893

Lieber Victor,

Am 29.September sind wir wieder hier angekommen und haben uns mit steigender Todesverachtung in den Haufen Arbeit gestürzt, den wir vorfanden.

Die „einen Ringstraßen hinter den anderen“ in Berlin des Genossen Höger habe ich zwar nicht entdecken können, doch ist Berlin von außen wirklich schön, selbst in den Arbeitervierteln lauter Palastfronten. Was aber dahinter ist, davon schweigt man am besten. Das Elend der Arbeiterviertel ist allerdings überall, aber was mich überwältigt, ist das „Berliner Zimmer“, diese in der ganzen übrigen Welt unmögliche Herberge der Finsternis, der stickigen Luft, und – des sich darin behaglich fühlenden Berliner Philisteriums.1 Dank’ schönstens! Augusts Wohnung hat keins, sie ist die einzige, die mir gefällt, in jeder anderen ging’ ich kaputt.

Dieser Schrei aus gepreßter Brust ist aber nicht der Zweck des heutigen Briefes. Sondern vielmehr, Dir und den Wienern zu gratulieren.

Zuerst zu Deiner Schwenderrede, die wieder ein Beweis ist, wie sehr Du die vertuckten und verzwackten österreichischen Verhältnisse stets richtig zu fassen und in dem Gewirr stets den leitenden Faden festzuhalten verstehst. Und das ist gerade im jetzigen Moment von der höchsten Wichtigkeit.

Nämlich zweitens gratuliere ich Dir und den Österreichern überhaupt zu dem eklatanten Erfolg, den Eure Wahlrechtsagitation gehabt hat: dem Wahlreformen twurf Taaffes. Hier muß ich etwas weiter ausholen.

Seit ich mir Euer Land und Volk und Eure Regierung angesehen, ist mir immer klarer geworden, daß da für uns ganz besondere Erfolge zu holen sind. Eine in starker Entwicklung begriffene, aber infolge langjährigen hohen Zollschutzes meist noch mit zurückgebliebenen Produktionskräften arbeitende Industrie (die böhmischen Fabrikanlagen, die ich sah, beweisen mir das); die Industriellen selbst der Mehrzahl nach – die größeren meine ich – ebensosehr mit der Börse verwachsen wie mit der Industrie selbst; ein politisch ziemlich indifferentes, in Phäakentum aufgehendes Philisterium in den Städten, das vor allem seine Ruh’ und seine Genüsse haben will; auf dem Lande rapide Verschuldung, respektive Aufsaugung des Kleingrundbesitzes; als wirklich herrschende Klassen den Großgrundbesitz, der aber mit seiner politischen Stellung, die ihm eine mehr indirekte Herrschaft sichert, ganz zufrieden ist, und eine Großbourgeoisie, wenig zahlreiche haute finance2 und damit eng verknüpfte Großindustrie, deren politische Macht noch viel indirekter zur Geltung kommt, die aber ebenfalls damit ganz zufrieden ist; unter den besitzenden Klassen, also bei den Großen, kein Wunsch, die indirekte Herrschaft in eine direkte, konstitutionelle zu verwandeln, und bei den Kleinen kein ernsthaftes Streben nach wirklicher Beteiligung an der politischen Macht; Resultat: Indifferenz und Stagnation, die nur gestört wird durch die Nationalitätskämpfe der verschiedenen Adeligen und Bourgeois untereinander und durch die Entwicklung des Verbands mit Ungarn.

Darüber schwebend eine Regierung, die formell nur wenig und meist nur scheinbar in ihren absolutistischen Gelüsten gehemmt, auch sachlich wenig Hindernisse findet. Denn sie ist ihrer Natur nach konservativ, und das ist der Adel, der Bourgeois und der Philister bonvivant auch. Der Bauer aber kommt bei seiner ländlichen Zersplittertheit nicht zur organisierten Opposition. Was von der Regierung verlangt wird, ist leben und leben lassen, und das hat die österreichische von jeher verstanden. Daher die, auch aus anderen Gründen erklärbare, aber hierdurch auf die Spitze getriebene und zum Prinzip erhobene Fabrikation von nur papierenen Gesetzen und Vorschriften und die wundervolle administrative Schlamperei, die in der Tat alles übertrifft, was ich mir davon vorgestellt hatte.

Nun gut. In einem solchen stagnierenden Staatszustand, wo die Regierung trotz ihrer überaus günstigen Stellung gegenüber den einzelnen Klassen dennoch in ewigen Schwierigkeiten ist: 1. weil diese Klassen in x Nationalitäten geteilt sind und daher, gegen die strategische Regel, vereint marschieren (gegen die Arbeiter), aber getrennt schlagen (nämlich aufeinander), 2. wegen der ewigen Finanznot, 3. wegen Ungarn, 4. wegen auswärtiger Verwicklungen – kurz in dieser Situation, sagte ich mir, muß eine Arbeiterpartei, die ein Programm und eine Taktik hat, die weiß, was sie will und wie sie es will, die die hinreichende Willenskraft hat und dazu das lustige, erregbare, der glücklichen kelto-germano-slawischen Rassenmischung mit Vorwiegen des deutschen Elements geschuldete Temperament – die muß da nur die hinreichende Fähigkeit entwickeln, um ganz besondere Erfolge zu erlangen. Unter lauter Parteien, die nicht wissen, was sie wollen, und einer Regierung, die ebenfalls nicht weiß, was sie will, und von der Hand in den Mund lebt, muß eine Partei, die weiß, was sie will, und dies mit Zähigkeit und Ausdauer will, schließlich immer siegen. Und dies um so mehr, als alles, was die österreichische Arbeiterpartei will und wollen kann, nur das ist, was die fortschreitende ökonomische Entwicklung des Landes ebenfalls verlangt.

Hier also ist die Lage eine so günstige für rasche Erfolge wie nirgendwo, selbst in Deutschland, wo die Entwicklung zwar rascher, und die Partei stärker, aber auch der Widerstand weit fester. Dazu kommt noch eins: der herabgekommene Großstaat Österreich schämt sich noch vor Europa, ein Gefühl, das dem heraufgekommenen Kleinstaat Preußen stets fremd geblieben ist. Und seit man 1866 in die Reihe der „modernen“ Staaten eingetreten, schämt man sich in Österreich auch von wegen innerer Blößen, was beim offen reaktionären Österreich von früher nicht nötig war. Ja, je weniger man Lust hat, wirklich ein moderner Staat zu sein, desto mehr möchte man einer scheinen, und je strammer sich die – dort weit mehr als in Österreich gebändigte – Reaktion in Preußen auf die Hinterbeine bäumt, desto liberaler stellt man sich aus Schadenfreude in Österreich.

Nun nähert sich die europäische Lage – ich meine die innere der einzelnen Staaten – immer mehr der von 1845. Das Proletariat nimmt mehr und mehr die Stellung ein wie dazumal die Bourgeoisie. Damals fingen die Schweiz und Italien an; die Schweiz mit dem innern Krakeel der demokratischen und katholischen Kantone, der im Sonderbundskrieg zum Austrag kam; Italien mit Pio Nonos liberalen Versuchen, den liberalnationalen Wandlungen in Toskana, den kleinen Herzogtümern, Piemont, Neapel, Sizilien; der Sonderbundskrieg und das Bombardement von Palermo wurden bekanntlich die unmittelbaren Vorspiele der Pariser Februarrevolution 1848.

Heute, wo die Krisis auch schon in fünf bis sechs Jahren reif werden kann, scheint Belgien die Rolle der Schweiz, Österreich die von Italien, und Deutschland die von Frankreich übernehmen zu wollen. Der Wahlrechtskampf fängt in Belgien an und wird in großartigem Maßstab aufgenommen von Österreich. Daß die Sache mit einer beliebigen halben Wahlreform abgemacht werden könne, davon kann keine Rede sein; ist der Stein einmal in Rollen, so wirkt der Anstoß nach allen Seiten fort, und ein Land wirkt dann sofort aufs andere. Neben der Möglichkeit großer Erfolge ist also auch die Gelegenheit, also auch die Wahrscheinlichkeit gegeben.

Das ist so ungefähr der Inhalt dessen, was ich gestern nachmittags der Louise als meine Ansicht vom nächsten Beruf Österreichs auseinandersetzte. Und abends 8 Uhr brachte der „Evening Standard“ die – noch ganz unbestimmt gehaltene – Nachricht von Taaffes Kapitulation, und heute kennen wir den Vorschlag wenigstens in seinen allgemeinsten Umrissen. Nun, jetzt ist der Stein im Rollen, und Ihr werdet schon dafür sorgen, daß kein Moos darauf wächst. Ich will über den Entwurf nichts sagen, ehe ich mehr davon weiß, nur das scheint mir sicher, daß Taaffe à la Bismarck die städtische Repräsentation aus einer liberalen in eine geteilte verwandeln, die Arbeiter gegen die Bourgeoisie ausspielen will. Das kann uns soweit recht sein; die Liberalen und andere Bourgeoisparteien werden versuchen, die Zulassung zum Wahlrecht noch mehr zu beschneiden, so daß Ihr in die angenehme Lage kommen könnt, den biederen Taaffe gegen sein Parlament zu unterstützen. Jedenfalls ist die Abschlagszahlung schon anzunehmen, und so wirst Du wohl, ehe ich wiederkomme, wohlbestallter Reichsratsabgeordneter sein. Der „Daily Chronicle“ spricht schon von 20 sicheren Arbeitervertretern. Mit 20 und selbst mit weniger ist der Reichsrat eine ganz andere Körperschaft als bisher. Die Herren werden sich wundern über das Leben, was dann in die wackelige Bude kommt. Und wenn es gelingt, neben den deutschen ein paar tschechische Leute hineinzubringen, dann wird der Nationalitätenhader einen Damm vorgesetzt bekommen, und Jungtschechen und Alttschechen und Deutschnationale werden einander mit ganz anderen Augen ansehen. Hier kann man sagen: vom Eintritt der ersten Sozialdemokraten in den Reichsrat datiert eine neue Epoche für Österreich.

Und das habt Ihr fertiggebracht, und weil jetzt diese neue Epoche anbricht, deshalb sind wir alle froh, daß wir einen so klaren Kopf in den Reichsrat bekommen wie Dich.

Herzliche Grüße von Louise und

Deinem F. Engels

Gruß von Louise an Dich und auch von mir an Popp, Reumann, Adelheid, Ulbing und tutti quanti.

Nach: Victor Adler, „Aufsätze, Reden und Briefe“, Heft 1, Wien 1922.