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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

Berlin W., den 18.Sept. 1893
Großgörschen-Straße 22a

Mein liebes Löhr,
Enfin!1 Samstagabend hier angekommen, nach 6 Tagen in Wien und 1 in Prag (wo wir Deinen alten Verehrer Rudolph Meyer trafen). Wien ist eine außerordentlich schöne Stadt mit seinem prachtvollen Boulevard (Ringstraße), und der riesige Platz zwischen Rathaus und dem gegenüberliegenden neuen Burgtheater, mit dem Parlament zur Rechten und der Universität zur Linken, hat in der Welt nicht seinesgleichen. Aber Wien ist zu groß für seine Bevölkerung, sie fängt erst an zu lernen, diese Boulevards zu nutzen; in etwa 10 Jahren wird alles zehnmal schöner sein, weil 10mal mehr belebt.

Alles in allem hat der Kontinent geradezu eine Revolution durchgemacht, seit ich ihn zuletzt gesehen. Überall Leben, Geschäftigkeit, Entwicklung; verglichen damit scheint England zu stagnieren. Von Berlin habe ich nicht viel gesehen (bis jetzt noch keinen Quadratfuß von dem Berlin, das ich 1842 verlassen habe, alles, was ich bis jetzt gesehen habe, ist neu entstanden), allerdings ist es von außen wirklich prachtvoll, obwohl ich fürchte, daß es innen voller Unbehaglichkeit ist. Bebel2 (bei dem Louise und ich wohnen) hat eine sehr schöne und gemütliche Wohnung, aber Library, bei dem wir den gestrigen Abend verbrachten, lebt in einer Wohnung mit Räumen, die so schrecklich verbaut sind, daß ich entsetzt war. Hier in Berlin hat man das „Berliner Zimmer“3 erfunden, mit kaum einer Spur von Fenster, und darin verbringen die Berliner den größten Teil ihrer Zeit. Nach vorn hinaus gehen das Eßzimmer (die gute Stube, die nur bei großen Anlässen benutzt wird) und der Salon (noch vornehmer und noch seltener benutzt), dann die „Berliner Spelunke“4, dahinter ein finsterer Korridor, ein paar Schlafzimmer, donnant sur la cour4, und eine Küche. Unbequem und schrecklich lang, echt berlinerisch5 (das heißt bürgerlich berlinerisch5): Aufmachung und sogar Glanz nach außen, Finsternis, Unbehaglichkeit und schlechte Anordnung nach innen; die Palastfront nur als Fassade und zum Wohnen die Unbehaglichkeit. Jedenfalls ist das mein bisheriger Eindruck; hoffen wir, daß er sich bessert.

Gestern waren wir in der Freien Volksbühne – das Lessing-Theater, eins der schönsten und besten Theater Berlins, war dafür gemietet worden. Die Plätze werden von den Abonnenten wie in der Lotterie gezogen, und man sieht Arbeiter und Arbeiterinnen in den Orchestersesseln und Logen, während die Bourgeois auf den Olymp verbannt sind. Das Publikum ist von einer Aufmerksamkeit, einer Hingabe, ich möchte sagen, von einer Begeisterung sans égal6. Kein Applaus, bevor der Vorhang fällt – dann aber ein wahrer Orkan. Und in pathetischen Szenen Ströme von Tränen. Kein Wunder, daß die Schauspieler dieses Publikum jedem anderen vorziehen. Das Stück war ganz gut und das Spiel weit besser als ich erwartet hatte. Die Kleinbürgerei7 von ehemals ist von der deutschen Bühne verschwunden, sowohl in der Darstellung als auch im Charakter der Stücke. Ich werde Dir eine kurze Beschreibung des letzteren schicken.

In Wien mußte ich zweimal vor der „Partei“ erscheinen! Ich bin ganz begeistert von ihnen. Sie sind so lebhaft und erregbar wie die Franzosen, nur ein bißchen solider. Besonders die Frauen sind entzückend und begeistert; sie arbeiten sehr aktiv, was, zum großen Teil, Louise zu danken ist. Adler hat Wunder getan; der Takt, die ständige Wachsamkeit und Aktivität, mit der er die Partei zusammenhält (keine leichte Sache bei so lebhaften Menschen wie den Wienern), sind über jedes Lob erhaben, und wenn man überdies seine persönlichen Schwierigkeiten in Betracht zieht – eine Frau, die an nervösen Störungen leidet, drei Kinder und die sich daraus ergebenden unablässigen pekuniären Schwierigkeiten – so ist es nahezu unbegreiflich, wie er sich über Wasser halten kann. Und diese Österreicher – eine kelto-germano-slawische Rassenmischung – sind weit weniger lenkbar als unsere Norddeutschen.

Library sieht sehr gut aus; er beginnt, einen Schmerbauch anzusetzen; seine Frau machte uns eine Bowle aus Wein und Früchten; es war eine ziemlich zahlreiche Gesellschaft versammelt. Er wohnt au quatrième8 außerhalb des eigentlichen Zentrums von Berlin, in Charlottenburg, aber seine Wohnung kostet ihn an die 1800 Mark = 2250 frs.

Was Eure Wahlen betrifft, so hoffe ich, daß Pauls Erwartungen sich erfüllen werden. Da die meisten gewählten Leute mir völlig unbekannt sind, kann ich mir kein Urteil erlauben. Vaillants Brief in der „Petite Rép[ublique] fr[ançaise]“ sieht vielversprechend aus; hoffen wir, die Umstände mögen dazu beitragen, daß er auf dem richtigen Wege bleibt. Wenn unsere 12 Leute wirklich unsere und nicht so wie Thivrier und Lachize sind, dann kann ein guter Kern gebildet werden.

Als wir nach Prag kamen, herrschte dort der kleine état de siège9.Niemand in unserem Hotel dachte auch nur daran, nach unseren Namen zu fragen! Voilà ce que c'est que l'Autriche10: Despotismus, gemildert durch Schlamperei.11
Amitiés à Paul!12

Immer Dein
F. Engels

Louise, Bebel und Frau grüßen Euch beide herzlichst.13 Deine Abschrift von Pauls Artikel und Pauls Brief haben wir Adler gegeben, der sie für seinen sehr guten Artikel in der „A[rbeiter]-Z[eitung]“ verwendet hat.

Aus dem Englischen.