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Engels an Filippo Turati
in Mailand

London, den 12. Juli 1893

Lieber Bürger Turati,

Samstag habe ich Ihnen mit der Post eingeschrieben das italienische „Kapital"1 mit Dank zurückgeschickt. Ich habe einige Stellen besonders des 1.Kapitels und des vorletzten (allgemeine Tendenz der kapitalistischen Akkumulation) verglichen. Wie Sie sagen, ist es gänzlich nach dem französischen Text übersetzt worden, der natürlich populärer ist als der deutsche. Die Teile, die ich verglichen habe, waren ziemlich getreu wiedergegeben, was übrigens nicht sehr schwierig ist angesichts der Verwandtschaft beider Sprachen und der viel größeren Bewegungsfreiheit des Italienischen gegenüber dem Französischen.

Ich habe festgestellt, daß die Rückseite des Titelblatts den Vermerk „Proprietà letteraria"2 trägt, was Domanico hindern wird, diese Übersetzung zu benutzen, so wie sie ist. Bis heute habe ich keine Antwort von ihm erhalten3, vielleicht fängt er an, die Schwierigkeiten seines Vorhabens zu begreifen.

Der „letzte Teil", von dem ich in meinem Briefe sprach, war natürlich der des 2.Bandes, 2.Auflage, der gegen September erscheinen wird. Der 3.Band macht mir immer noch Arbeit, aber glücklicherweise ist das Ende abzusehen. Es ist mir jedoch nicht gelungen, wie ich es mir vorgenommen hatte, diese Arbeit vor meinen Sommerferien abzuschließen. Und das kann zu einer neuen Verzögerung von einigen Monaten führen.

Es wird ziemlich schwierig sein, für eine französische Übersetzung des 2. und 3.Bandes einen Übersetzer zu finden, wie er sein müßte. Das ist eine Arbeit, die zu vollenden nur wenige Leute Neigung, Fähigkeit und Ausdauer hätten. Der 2. hat 500 Seiten, der 3. wird 11–1200 haben.

Der arme Martignetti! Wäre es nicht möglich, ihn aus diesem benedetto4 Nest Benevento herauszuholen und irgendeine Beschäftigung für ihn in einem Ort zu finden, wo er gleichzeitig die literarische Sprache seines Landes lernen könnte? Er ist von einer Emsigkeit und einem guten Willen, die erstaunlich sind, er übersetzt meine Arbeiten mit einem Fanatismus, der einer besseren Sache würdig wäre; aber was die Geschäfte angeht, so scheint er kein Glück zu haben und ein Pechvogel zu sein.

Werden wir uns in Zürich sehen? Offen gesagt, wenn alles klappt, könnte ich womöglich am letzten Tag des Kongresses, in Zürich sein; ich habe die Absicht; aber da das nicht nur von mir, sondern von einer Menge mehr oder weniger zufälliger Umstände abhängt, so ist es sehr ungewiß, und wahrscheinlich tun wir beide gut daran, nicht davon zu reden. Wenn mich etwas schreckt, so ist es Ihre Drohung, mit mir meneghino5 zu sprechen. 1841 habe ich es leidlich gesprochen und sehr gut verstanden. Aber als ich mich etwa 30 Jahre später ein oder zwei Tage in Como aufhielt, habe ich kein einziges Wörtchen mehr verstanden; mein Ohr war dessen vollkommen entwöhnt. Ich muß Ihnen ganz ehrlich sagen, daß ich noch einige Worte Ihres so ausdrucksvollen Dialekts spreche, aber absolut nichts mehr verstehe.

Was Ihr Französisch anlangt, so ist es immer noch viel besser als meins, und übrigens hindert Sie nichts daran, mir italienisch zu schreiben.

Lesen Sie Englisch? Wenn ja, so könnte ich Ihnen von Zeit zu Zeit irgendeine Zeitung schicken.

Salut cordial.6

Ihr
F. Engels

Gruß an Frau Kulischowa von Frau Kautsky und mir.

Aus dem Französischen.