Eastbourne, 28, Marine Parade
14.März 1893
Meine liebe Laura,
Das war wirklich ein erfreulicher Brief von Dir. Wir erwarten Euch also so bald wie möglich im Laufe der nächsten Woche1, und wenn Du erst einmal hier bist, lassen wir Dich nicht vor mindestens vierzehn Tagen oder drei Wochen wieder über den Kanal zurück; selbst wenn das „ehrenwerte Parlamentsmitglied"2 seine Agitationsreise nicht so lange unterbrechen könnte.
Wir werden am Freitag nach London zurückkehren. Louise und ich haben versprochen, am Samstag3 bei der gemeinsamen Kommune-Feier des Vereins und der Bloomsbury Society zu sprechen – einem gemeinsamen Fest, obgleich mir der Festbraten eines guten Fleischers lieber wäre. Am Sonntag darauf ist die Brüsseler Konferenz – das heißt, am nächstfolgenden Sonntag, nämlich am 26.; Du schreibst nicht, ob Paul dort sein wird, obgleich es sehr wichtig wäre wegen gewisser Intrigen, die von der alten Clique der Hyndman-Brousse-Allemane angezettelt und zur Zeit von Seidel, dem Sekretär des Züricher Komitees, unterstützt werden; offensichtlich unternimmt diese verkommene Sippschaft einen letzten Versuch, um sich eine günstigere Position auf dem Kongreß zu verschaffen. Es ist fast sicher, daß Bebel für einige Tage von Brüssel aus nach London kommt und vielleicht auch Liebknecht. Ich würde mich nun ungemein freuen, wenn ich Paul und Bebel einige Tage zusammen hier hätte, um ein für allemal mit gewissen französischen Vorurteilen gegen B[ebel] aufzuräumen, weil er bei weitem der beste Mann ist, den wir in Deutschland haben, ungeachtet dessen, was von den Franzosen als seine teutonische Rauhbeinigkeit angesehen werden mag. Deshalb habe ich, wie Du siehst, außer dem persönlichen ein besonderes politisches Interesse daran, daß Ihr Euch Anfang der Woche hier sehen laßt.
Ich habe absolut nichts gegen eine tour de France4, die Paul während einer organisierten Wahlkampagne unternimmt, ich halte sie im Gegenteil für eine großartige Sache. Aber ein Deputierter hat schließlich auch gewisse Pflichten in der Kammer, besonders in dieser Panamazeit, und da jede Wahl am Ende von den Stimmen einer ganz hübschen Zahl plus ou moins5 gleichgültiger Philister abhängt, fürchte ich, daß Pauls Wiederwahl durch die Vernachlässigung seiner parlamentarischen Pflichten gefährdet sein könnte. In der Tat habe ich schon einiges gehört, was auf diese Möglichkeit hindeutet. Und als ich sah, daß er ständig abwesend war, während sich sehr bedeutsame Dinge in der Panamakrise abspielten, mußte ich befürchten, daß er einige sehr wichtige Chancen verliert und man all dies gegen ihn vorbringen könnte. Après tout6, es wäre zu viel Großmut von seiner Seite, anderen die Sitze vorzubereiten und seinen eigenen zu verlieren. Wenn Ihr in Frankreich so stark wäret wie unsere Leute in Deutschland, wo wir über zwanzig Sitze haben, die wir fast alle et par droit de conquête et par droit de naissance7, dann wäre es etwas anderes, aber dann wäre auch keine so heftige Kampagne erforderlich.
Heute ist Mohrs Todestag und genau der zehnte. Nun, ich kann Dir streng vertraulich sagen, daß der 3. Band8 so gut wie fertig ist. Der schwierigste Abschnitt, Banken und Kredit9, ist beendet; es bleiben nur noch zwei Abschnitte übrig, von denen nur einer (Grundrente10) einige formale11 Schwierigkeiten bereiten kann. Doch alles, was noch zu tun bleibt, ist ein reines Kinderspiel gegen das, was ich zu tun hatte. Nun brauche ich nicht länger Unterbrechungen zu fürchten. Bis zu diesem Winter gelang es mir nicht, einmal 4–5 Monate ohne derartige Unterbrechungen zu arbeiten, jetzt habe ich diese Zeit gehabt, und die Sache ist so gut wie getan. Nur sage es noch keinem, da ich noch nicht bestimmen kann, wann das Ms. innerhalb der nächsten Monate in Druck gehen kann.
Was Du über Jaurès schreibst, entsetzt mich. Normalien et ami, sinon protégé, de Malon11 – was von beiden ist schlimmer? Und doch kommt keine dieser Eigenschaften der Überlegenheit eines Mannes gleich, der in lateinischer Sprache über den Ursprung des deutschen Sozialismus schreiben kann.
Nun muß ich schließen. Je früher wir in London von Dir den Tag Deiner Ankunft erfahren und einen je früheren Zeitpunkt Du festlegst, um so besser. Ainsi donc, au revoir12 von Louise und
Deinem alten
F. Engels
Natürlich werde ich Dir ein verpflichtendes Dokumentchen schicken – eine Kleinigkeit von einem – chèque, der Deine Anwesenheit sichert! Ich habe hier keine bei mir, sonst würde ich ihn beilegen.