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Engels an Wilhelm Liebknecht
in Berlin

London, 28. Dez. 92

Lieber Liebknecht,

Prosit Neujahr Dir, Deiner Frau und Deinen Kindern!

Was die Franzosen angeht, so habe ich schon vor mehr als 8 Tagen Lafargue darauf aufmerksam gemacht, daß now’s the time1. Es ist aber immer möglich, daß die Leute ihr Pulver nicht zu früh verschießen wollen. Erstens ist die Panamageschichte noch in den ersten Stadien, die Hauptenthüllungen kommen erst nach Neujahr, und bewiesen ist bis jetzt, juristisch gesprochen, ja noch keinem lebenden Parlamentarier etwas Ernstliches; im Januar können Radikale wie Monarchisten noch ganz anders hineingeritten werden, und da läßt sich dann ganz anders effektvoll sprechen. Zweitens aber sitzen in der Kammer neben den Marxisten noch Blanquisten, Allemanisten und Wilde à la Cluseret – von den gänzlich verkommenen Leuten, die an unsern Rockschößen hängen, wie Lachize und Thivrier, gar nicht zu sprechen –, und da ist es den andern leicht, mit der Zerfahrenheit der sozialistischen Parlamentsfraktionen eine Art Retourkutsche zu spielen. Es wird ja jetzt eine Aktion auf gemeinsamem Boden versucht, gelingt das, wie’s scheint, dann wird sich eher was machen lassen.

Ich führe dies nur an als mögliche Erklärungsgründe für das Schweigen der Leute.

Mit Bonniers Enthusiasmus haben wir hier seit längerer Zeit zu kämpfen. Wegen der Maigeschichte hat er uns arg bombardiert. Ich bezog mich auf Deine Aussage im „Vorwärts“, daß Du in Marseille den Leuten vorhergesagt, was die Haltung der Deutschen am 1. Mai 93 sein würde, und daß sie sich damit zufrieden gegeben.

Dies schneide ihnen jedes Recht zum Klagen ab. Und dann sagte ich ihm, daß mit dem Panama in Paris und der Militärgeschichte in Berlin und einer allgemeinen Industriekrisis obendrein wir vielleicht am 1. Mai Beßres zu tun hätten, als zu demonstrieren.2 Dies letztere scheint er denn auch in Paris eingesehn zu haben. Der Mann hat den besten Willen, aber wenn man in die Arbeiterbewegung dreier Länder eingreifen will, darf man nicht in Oxford leben.

Herzliche Grüße an Euch alle.

Dein
F. E.

[Nachschrift von Louise Kautsky]

Liebe Frau Natalie,
Darf ich mich dem Brief und Wünschen Generals anschließen? Ich beantworte die Frage in einer für mich günstigen Weise und rufe Ihnen, Ihrem lieben Mann und Ihren Kindern ein herzliches Prosit Neujahr zu.

Herzlich die Ihrige
Louise Kautsky