215
Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 29. Sept. 92

Lieber Baron,

Ede und Gine sind die überraschendsten Leute, die es gibt. Heute morgen eine Postkarte von ihnen aus Bern 27./9./92 mit Schänzli-Aussicht, und heute mittag 1.30 stürzen sie persönlich herein, sehn beide recht gut aus, namentlich Gine, trotz ihrer noch nicht ganz vollendeten Halskur, und was die Hauptsache, Ede macht den Eindruck, daß er seine Neurasthenie überwunden hat. Da sie beide im Adressenschreiben in der letzten Zeit so Ausgezeichnetes geleistet haben, will ich ihnen zuvorkommen und Dir mitteilen, daß sie einstweilen 23, Compton Terrace, Highbury, N., wohnen, ganz dicht bei Highbury und Islington Station, North London Railway.

Der hiermit retournierte Brief Mehrings nötigt mich, wenn ich nicht beleidigend werden will, was mir natürlich nicht einfällt, ihm direkt zu antworten, was auf inl. Blatt geschieht, daß Du gefälligst vermitteln willst1.

Kowalewski habe ich Freitag gesagt, daß er Dir den Artikel schicken soll.2

Das „Centralbl[att]" bekommen wir hier im Hause sowohl wie bei Avelings. Die Brauns männlichen Geschlechts scheinen es nun einmal nicht lassen zu können, einen Fuß im kathedersozialistischen Lager zu behalten. Respectability!3

Da Du mir von dem Artikel über die Geschichte der sozialistischen Organisationen in England schriebst, schlag' ich Dir Tussy vor, weil sie die einzige ist, die mit E.A[veling] die Sache machen kann. Über diese Dinge existiert nur eine sehr mangelhafte, wenn auch massenhafte Literatur, und dabei enthält auch diese nichts von dem, was eigentlich vorgegangen ist und wovon das Publikum nichts erfahren sollte. Wer das nicht mitgemacht hat, kann nicht darüber urteilen, d. h. nicht die einzelnen Vorgänge kennen und objektiv wiedergeben. Ede z. B. müßte alle Jahrgänge von „Justice", „To-Day", „Labour Elector", „Commonweal" etc., die vor seiner Ankunft in London erschienen, durchnehmen und sich doch dann noch bei T[ussy] über die Bedeutung der Vorgänge unterrichten lassen, und dann wäre es doch alles zweiter Hand. Nun ist es aber eine heikle Sache, dem Ede, der soeben erst die Neurasthenie durchgemacht, dies auseinanderzusetzen, und da die Sache gar nicht pressiert, lass' ich sie einstweilen ruhen. Du hast von Ede mehr gesehn als ich, und wenn Du glaubst, er würde sich nicht unnötig aufregen bei der Sache, wäre es vielleicht am besten, wenn dann der Vorschlag von Dir ausginge. Jedenfalls überlasse ich Dir das Weitere.

Bebels Artikel, worüber ich Dir das Nötige gestern schrieb4, ist sehr gut.

Ganz einverstanden, daß mein Artikel5 erst jetzt erscheint. Ich weiß noch nicht einmal, ob das Buch heraus, Mendelson sagt mir, er habe es bestellt, aber die Antwort erhalten, es sei noch nicht zu haben. Im „D[aily] Chronicle" stand eine komische fabianische Kritik, meist Auszüge, 21/₂ Spalten.

Nach dem, was mir C. Schmidt schrieb, ist ihm die Lösung des Rätsels nicht gelungen, doch warte ich den Artikel ab. Sein Artikel über die Menger-Jevonsiade war sehr nett. Leider kann man ihn hier nirgends unterbringen.

Mehrings Arbeiten, sowohl die Leitartikel wie den Lessing, finde ich ganz vorzüglich und habe meine Freude dran.

Dein
F. E.