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Engels an August Bebel
in Berlin

London, 2. Febr. 92

Lieber August,

Freut mich, daß Dir der Artikel1 gefallen hat. Die Weglassung der beiden Namen, das zweite Mal, hat meine volle Zustimmung. Für Frankreich war die Wiederholung nötig, für Deutschland könnte sie schaden, ist jedenfalls überflüssig.

Warum die Russen dennoch kriegerisch tun und Truppen im Westen konzentrieren? Sehr einfach. Gleich im ersten Brief, worin ich behauptete, die Hungersnot lege die russische Kriegslust lahm, sagte ich Dir, die Säbelrasselei werde darum keineswegs aufhören, eher verstärkt werden.2 So machen sie es immer. Das ist aber bloß für das inländische und ausländische Publikum, von der Diplomatie des Auslands verlangt man nicht, daß sie es glaubt, sondern nur, daß sie es ruhig geschehn läßt. Der Rückzug Rußlands soll vor der Öffentlichkeit aussehn wie ein Rückzug der andern vor Rußland. – Diesmal aber kommt ein zweites dazu: Der Südosten und Osten ist verhungert und kann keine Truppen ernähren. Das Mißwachsgebiet wird ungefähr begrenzt durch die Linie: Odessa–Moskau–Wjatka–Perm zum Uralgebirge; entlang dem Ural zur Nordspitze des Kaspischen, von da zur Ostspitze des Asowschen Meeres, zurück nach Odessa. Dies beweist, daß nur östlich von Odessa–Moskau Truppenmassen zu ernähren sind; was nördlich liegt, braucht selbst fortwährend Kornzufuhr. Außerdem verbreiten die Russen jetzt direkt falsche Nachrichten über Truppenverschiebungen nach Westen.

Mit Deinen Angaben über Deine Korrespondenz mit Franzosen wegen Elsaß-Lothringen stimmt absolut nicht eine Notiz im Sonntags-„Vorwärts“. Scheint gemacht zu sein, ohne Dich zu konsultieren. Mit dem „Figaro" tust Du indes am besten, auf Deiner Hut zu sein, es ist ein grundgemeines Blatt.

Sehr amüsiert hat uns Deine Unterhaltung mit Köller. Der Mann ist der echte Preuß'. Schon Herkner hatte die Leute mit der Nase darauf gestoßen, wie borniert es sei, die französierten und rabiat französischen Notabeln zu kajolieren und die Arbeiter, die nicht einmal französisch verstehn und nach Sprache und Charakter noch vollständige Deutsche sind, abzustoßen und den Franzosenfreunden in die Arme zu treiben. Da war die schönste Gelegenheit, mit kolossalem Erfolg Demagogie von oben zu treiben. Mit Oktroyierung nur der deutschen Fabrikgesetze, Koalitionsgesetze etc. und mit tolerantem Verfahren gegen die Arbeiter konnte man sie in 10 Jahren haben und hatte dann mit den Protestanten, den Wein- und Tabakbauern mehr als ein Gegengewicht gegen die französisierten Bourgeois, Spießer und Adligen. Aber wie ging das an für dieselben Leute, die in Deutschland das Sozialistengesetz einführten und die Arbeiter in jeder Weise bekämpften? Du siehst, die deutschen Bourgeois kommen immer zu spät, und selbst die preußische Regierung, die jenen gegenüber doch noch so viel Bewegungsfreiheit hat, durfte diese Art bonapartistischer Politik nicht riskieren. Und, wie Du sagst, es geht dem preußischen Bürokraten, Militär und Junker gegen die Natur, irgendeine, selbst nutzlose oder gar ihm selbst Schaden bringende Machtposition freiwillig aufzugeben – die kleinliche Schinderpolitik, die ihr eins und alles ist, litte ja darunter!

Daß G[illes] endlich mit Glanz an die Luft gesetzt, weißt Du. Es ist aber albern vom „Vorwärts", bei dieser Nachricht den Namen zu unterdrücken. Man verkleinert doch nicht seine eignen Erfolge, indem man ihnen im Bericht die Spitze abschneidet. Und der Verein und die Leute, die ihn soweit gebracht, verdienten doch auch, daß ihre Aktion für die Partei im amtlichen Parteiorgan wenigstens wahrheitsgetreu berichtet werde. Indes ich weiß, da könnt Ihr vorderhand nichts machen, aber es scheint mir fast, als ob jemand es darauf anlegte, einen Konflikt zu provozieren.

Mein Rat an Julius wegen Redekürzung würde genau dieselbe Wirkung haben wie der Eurige an L[ie]bk[necht], keine indiskreten Briefe zu schreiben. Ich mische mich in Julius' Angelegenheiten sicher nicht, wenn ich nicht absolut muß. Bei der absichtlichen Isolierung der beiden Leute von uns allen bleibt mir nichts andres übrig. Die Tante3 verlangt Besuch gegen Besuch, formelle Spießeretikette, und derlei ist unter uns kommunistischen bohemians erstens absolut nicht Mode und zweitens absolut unmöglich. Dieser Spießerfuß, was man hier social treadmill heißt, die soziale Tretmühle, ist nur für Leute zulässig, die an Zeitüberfluß leiden, und wer arbeiten will, kann sich nicht auf derlei einlassen und tut es auch nicht. Ich habe es selbst unter den Bourgeois in Manchester nicht mitgemacht und kann es auch jetzt erst recht nicht. Wer was beim andern zu suchen hat, der geht hin, und damit basta. Daß dem aber so ist, das ist die Grundsuppe alles Kummers in Hugo Road.

Daß Geiser wieder am „Vorwärts", hatte ich vermutet an der unübertrefflichen, nur ihm zuzuschreibenden öden Langweiligkeit und Inhaltsleere gewisser Artikel. Sonst ist der „Vorwärts" während der Dresdner Landtagssession manchmal merklich besser.

Ja, die „Lage der ar[beitenden] Klasse"! Der gute Dietz läßt mich nun schon zum x-tenmal anzapfen und bekommt immer dieselbe Antwort, die ich ihm schon selbst geschrieben: sobald der III. Band „Kapital" fertig, mit Vergnügen, bis dahin kann ich absolut nichts übernehmen. Dein Vorschlag, ihn zu beauftragen, mit Wigand zu verhandeln, hat allerhand Haken, ich habe bisher stets gefunden, daß bei solchen Sachen nutzlose und oft nicht wieder gutzumachende Fehler gemacht wurden. Vor allen Dingen muß ich doch wissen, was meine rechtliche Stellung gegenüber Wigand ist. Ich gebe Dir auf incl. Zettel den Sachverhalt, kannst Du mir wie früher einmal ein juristisches Gutachten darüber verschaffen, so können wir weiter verhandeln. Dein früheres Gutachten klärte mich vollständig darüber auf, daß ich kraft der saubern, Verleger schützenden und Verfasser opfernden, sächsischen Gesetzgebung noch sehr in Wigands Händen stecke, aber nicht über den, damals nicht, aber jetzt gestellten Fall, wenn Wigand die Neuauflage zu den alten Bedingungen ablehnt. Bin ich dann ebenfalls noch in seinen Krallen, dann müssen wir allerdings sehn, was geschehn kann.

Den Buchdruckern geschieht, was sie sich selbst eingebrockt haben. Wenn sie jetzt in die Partei getrieben werden, ist's schon gut.

Vor Freude beinahe auf den Tisch gesprungen bin ich gestern beim Lesen des Korpsbefehls von Prinz Georg von Sachsen. Das wird da oben eine Wut erregen! Daß so etwas in die gottlose sozialdemokratische Presse kommt – haben die Kerle wirklich schon solche Verbindungen in „Meinem herrlichen Kriegsheer"? Die „Daily News" bringt heute schon ein spaltenlanges Telegramm darüber – es wird in aller Welt einen Heidenlärm setzen. Und mit solcher Behandlung glaubt man, die Soldaten dahin zu bringen, daß sie „alles über den Haufen schießen", besonders Eltern, Brüder usw.? Sont-ils bêtes, ces Prussiens!4

Daß Louise eine sehr gute Hausfrau ist, bin ich bereit, trotz etwaiger gegenteiliger Behauptungen envers et contre tous5 zu vertreten, und auch, daß sie eine ausgezeichnete Köchin ist. Ich bin aber nicht ganz sicher, ob diese Hausfräulichkeit nicht mit darauf beruht, daß wir zwei nicht verheiratet sind, und sollte dies sich bestätigen, so wäre dies ein Glück für mich von wegen des Umstandes, daß bei unserem Altersunterschied Eheliches und Außereheliches gleichmäßig ausgeschlossen ist und daher nichts übrigbleibt als eben die Hausfräulichkeit.

Herzliche Grüße an Deine Frau und Dich von Louise und
Deinem
F. E.

Postskriptum. Louise ist entrüstet darüber, daß Du die Briefe, die sie Dir schreibt, an mich sechs Seiten lang beantwortet. Ich sagte, das solle sie Dir selbst schreiben, aber sie antwortet, dazu sei sie viel zu entrüstet.

Das Inliegende ist des Gilles letztes Meisterstück, hier im Verein wird es absichtlich zu Hunderten verbreitet, als worin er sich selbst den Hals bricht.