London, 1. Dez. 91
Meine liebe Laura,
Dein Brief vom 28. – mit Poststempel Le Perreux 30. – kam heute an und hat mir einen schweren Stein vom Herzen genommen. Ich habe sofort eine Übersetzung an Bebel1 geschickt und ihn bevollmächtigt, sie, falls notwendig, zu benutzen.
Glücklicherweise sind unsere Feinde in Deutschland so ungeheuer dumm, daß sie, wenigstens bisher, anscheinend die ganze Angelegenheit übersehen haben. Vor allem befürchtete ich, daß sie in Deutschland großen Lärm machen würde, ehe es uns gelang, die Tatsachen festzustellen und uns mit dem Material für eine vernichtende Antwort zu wappnen. Ein Zögern seitens der deutschen Führer oder unüberlegte Behauptungen, die hätten widerlegt werden können, wären gleichermaßen gefährlich gewesen. Jetzt ist die erste Gefahr vorüber, und obwohl es durchaus möglich ist, daß die deutsche Botschaft in Paris Berichte geschickt hat, die infolge der üblichen bürokratischen Verzögerung eine Woche zu spät in die Presse gelangen, haben wir eine starke Position und können dem Angriff begegnen, wenn er kommen sollte.
Dennoch wäre es zu diesem Zweck wichtig, Rancs Artikel zu haben. Wenn es möglich war, ihm solchen Unsinn anzuheften, muß er doch von besonderem Stoff gewesen sein, und nicht nur der gefälschte Bericht über Pauls Rede2, sondern auch Rancs Äußerungen können zitiert werden, und deshalb müssen wir sie kennen. Paul teilte nur mit, daß Ranc in bezug auf Bordeaux 1870 zu seinen Gunsten geschrieben habe. Könntest Du uns die Nummer besorgen und, wenn nicht, wenigstens sagen, in welcher Zeitung der Artikel erschienen ist, damit wir versuchen können, sie hier aufzutreiben?
Nun etwas anderes.
1. Vor einiger Zeit schickte ich Dir in Sorges Auftrag 10 sh. für den „Socialiste"3, laß mich bitte wissen, ob Du sie erhalten hast; Du weißt, wie genau der alte Sorge ist.
2. Hast Du das Exemplar der 4. Auflage des „Ursprung der Familie"4 bekommen, das ich vor mehr als 3 Wochen abgeschickt habe? Ich habe eine Menge Exemplare nach dem Kontinent gesandt und noch keine einzige Empfangsbestätigung erhalten. Da die englische Post Buchsendungen ins Ausland einfach konfisziert, wenn ein halber Penny an der Postgebühr fehlt, fange ich an, unruhig zu werden.
3. Tussy wird dauernd von Greenwood belästigt, dem Sekretär der Glasarbeiter, der den streikenden französischen Glasarbeitern viel Geld geschickt und keine einzige Empfangsbestätigung erhalten hat. In einem Brief an Tussy vom 28.Nov. sagt er, daß er am gleichen Tage an Paul £ 49 zu diesem Zweck geschickt habe. Willst Du bitte Dein Möglichstes tun, damit Paul alle Summen bestätigt, die über ihn gegangen sind, und auch Pierre Morrier aus Lyon, der mehrere Beträge erhalten hat, veranlassen, das Gleiche zu tun? Die Glasflaschenmacher aus Castleford haben sich ihren französischen Kameraden gegenüber sehr anständig benommen, und das mindeste, was letztere tun können, ist, den Empfang zu bestätigen, damit die Absender in der Lage sind, vor ihren Auftraggebern über das Geld abzurechnen. Bevor diese elementare Pflicht nicht erfüllt ist, ist nicht sicher, ob die englischen Trade-Unions es nicht müde werden, Streikende auf dem Kontinent zu unterstützen; und sicherlich könnte sie niemand deswegen tadeln.
Bebels Budgetrede war sehr gut. Sobald ich einen wirklich vollständigen Bericht habe, werde ich ihn Dir schicken.
Gestern abend kam ein Brief von Sam Moore, er sei in Lagos am Niger-Delta angelangt und werde in etwa einer Woche oder zehn Tagen wieder in den Armen seiner schwarzen Gattin sein.
Immer Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.