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Engels an August Bebel
in Berlin

London, 9. Nov. 91

Lieber August,

Dank für Brief vom 29./10. und die vielen Sendungen nebst Postkarte 30./10.

Lafargue hat also gesiegt. Das ist ein Ereignis, erstens wegen der Wirkung auf Frankreich direkt, die sehr groß sein wird, zweitens, weil hier wirklich alle sozialistischen Fraktionen, auch die Possibilisten, wenn auch stellenweise sauersüß, zusammengegangen sind, und drittens, weil es die eines Bismarck würdige Dumm schlauheit und Brutalität des Herrn Constans fertiggebracht hat, aus einer simplen Nachwahl eine Ministerien erschütternde Haupt- und Staatsaktion zu machen.

Das Ministerium hatte zwei Hauptstützpunkte: 1. den Sieg über Bou- langer, die gemeinsame Gefahr, 2. die äußerlich demonstrative Schaustellung eines intimen Verhältnisses mit Rußland. Dazu als 3. die wenigstens für den Pöbel gelungne Schaustellung der neu hergestellten militärischen Macht Frankreichs in den großen Manövern des September. Vermittelst dieser 3 Punkte hatte es die äußerste Linke gezwungen, es zu stützen: alle „Republikaner" bildeten eine Majorität gegen alle Monarchisten, Boulangisten und mehr oder weniger auch Sozialisten. Nun läßt Constans, entgegen der Praxis von 1869, Lafargue nicht frei, um seine Kandidatur zu vertreten. Da konnten die Radikalen nicht mitmachen. Daher bei Roches Inter- pellation die große Debatte am 31. Okt. und ein Pyrrhussieg des Ministe- riums – 240 fürs Ministerium, 160 dagegen, aber – 170 monarchische Ent- haltungen. Also wirkliche Majorität gegens Ministerium – 90. Abfall der Radikalen also = Sturz des Kabinetts, sobald die Monarchisten wollen und mit den Radikalen stimmen. Natürlich war nach der Abstimmung der Schreck bei den Radikalen ebenso groß wie beim Ministerium, besonders da dies mit Auflösung drohte und den Radikalen andeutete, sie würden die Wähler weit ministerieller finden als die jetzige Kammer, was sehr wahr- scheinlich ist. Genug, das Verhalten von Constans hat der „einen republi- kanischen" Masse gezeigt, daß, nachdem der eine Gegner verschwunden, der sie geeint hat, es innere Fragen gibt, die sie rettungslos trennen, der Riß ist da, ist nicht zu verkleistern, und jetzt, wo Constans durch sein fort- gesetztes Festhalten Lafargues in Ste-Pélagie jeden republikanischen An- stand mit Füßen tritt, wird's noch schöner werden. Nicht, daß ich einen Sturz des Ministeriums so bald erwarte infolge des Abfalls der Radikalen, im Gegenteil, diese werden noch mehrmals nach erfochten unfreiwilligen Siegen zu Kreuz kriechen und die Regierung um Verzeihung bitten – aber im Ministerium selbst herrscht offner Krieg zwischen Freycinet und Ribot hier, Constans und Rouvier dort, und ein wiederholtes zweifelhaftes Votum kann diesen Krieg zur Krise bringen, eine Spaltung hervorrufen, damit einen Ministerwechsel, erneuerte Unbeständigkeit der Ministerien, d.h. Er- kaltung der russischen Liebeswerbungen, da der Zar eine feste Regierung in Frankreich braucht; und endlich – Neuwahl unter veränderten Um- ständen und mit veränderten Resultaten.

Während Liebk[necht] im „Vorwärts" Triumpflieder singt über die Nichtexistenz des Chauvinismus in Frankreich, hat mich die Pariser Presse, die ich während der Wahlzeit genau verfolgen konnte, und speziell die „Justice" von Clemenceau, die L[ie]bk[necht], glaube ich, auch täglich liest, überzeugt, daß der Pakt der „Republikaner" gegen Boulanger (Oppor- tunisten, Radikale, Possibilisten) zur geheimen Grundlage hatte: daß die Regierung den Boulanger an Patriotismus übertrumpfe, die russische Allianz herstelle, die Armee als schlagfertig der Welt vorführe, mit dem Säbel rassle, und wenn dadurch der Revanchekrieg herbeigeführt werde, ihn frisch und fröhlich führe – d.h. daß so direkt wie möglich der Revanche- krieg, der Herzenswunsch aller französischen Bourgeois, angestrebt werde. Wie die Republik 1849 und 1871 die Form war, die die Monarchisten am leichtesten einte, so der Revanchekrieg der Punkt, worin alle Republikaner, d.h. alle bürgerlichen – die Arbeiter zählen ja nur als Stimmvieh –, am sichersten unter einen Hut zu bringen sind – in der Tat der einzige Punkt, nach errungener und konsolidierter Republik, der das fertigbringt. Die Revanche war das Geheimnis des boulangistischen Erfolges – proklamieren wir die Revanche! Die Wiedererlangung Elsaß-Lothringens! Wenn Du die „Justice" der vorboulangistischen und boulangistischen Zeit mit der jetzi- gen vergleichst, so wirst Du schwerlich zu einem andern Resultat kommen. Aber das ist gegen Liebk[nechts] Prinzip. In Frankreich darf keine starke chauvinistische Strömung existieren, das ist gegen die ewigen Prinzipien, und daher wird's geleugnet. Gehn die Ereignisse weiter, so kann Euch diese „Vorwärts"-Politik teuer zu stehn kommen, und es wird sich rächen, daß Euer auswärtiger politischer Dirigent farbenblind ist. Ich weiß nicht, wie Hirsch jetzt in diesem Punkt denkt, er hat früher auch in Beziehung auf Frankreich manchmal sonderbare Ansichten gehabt, indes wird er wohl mit sich sprechen lassen.

10. Nov. Also Lafargue ist frei. Für die Sitzungsperiode – und selbst Meyer Oppen von Blowitz bezweifelt, daß er wieder nach Pélagie muß, wenn diese geschlossen. Das war wieder eine Niederlage von Constans. Der und seine Opportunisten wollten L[afargue] anfangs im Gefängnis lassen – aber die Gewißheit, daß dann Radikale und Monarchisten ihn durch Majori- tät gegen die Regierung freisprechen würden, zwang die Herren, klein bei- zugeben. Also zweimal ist die äußerste Linke gezwungen worden, sich von der Regierung zu trennen. – Übrigens ist die ganze französische Kammer- politik total unverständlich für jeden, der nicht fortwährend im Auge be- hält, daß Regierung und Opportunisten ihre Herrschaft in schamloser Weise zur persönlichen Bereicherung ausbeuten und daß die Masse der Radikalen dabei mit kompromittiert und interessiert ist – und nur auf die Zeit wartet, wo sie stark genug sind, das Ruder selbst zu ergreifen und den Rahm abzuschöpfen, den jetzt die Opportunisten einsacken.

Wie dumm-wütend die französische Regierung: wenige Tage vor der Liller Stichwahl wurden in Fourmies die Rekruten ausgehoben und dabei 30 junge Leute in das in Maubeuge garnisonierende Bataillon des 145. Re- giments gesteckt, das am 1. Mai in Fourmies auf dieselben Leute geschossen hatte – und unter den 30 war auch ein Bruder der am 1. Mai von dem- selben Bataillon erschossenen Marie Blondeau! Man meint, man wäre in Preußen. Der „Vorwärts" weiß von alledem nichts!

Eure Siege in Berlin und Vollmars sehr eklatante und für ihn eklige Niederlage in München haben uns viel Freude gemacht. Ich denke, Ihr habt auf einige Zeit Ruhe vor neuen Sezessionen resp. Hinauswurfungen, und inzwischen wächst die Partei so an, daß diese Methode der Opposition überhaupt eingehen dürfte. Ob es Euch angenehmer sein wird, wenn sich das Klüngelpack innerhalb der gesetzlichen Grenzen hält, ist allerdings fraglich.

Die Züricher Geschichte beweist Euch abermals, welche Last für Euch die Vereine im Ausland sind, könnt Ihr nicht die Gelegenheit benutzen, Euch ein für allemal mit der Bande ins reine zu setzen? Der „Vorwärts" hat Hans Müller vortrefflich abgefertigt, aber damit seid Ihr die Prätension der auswärtigen Narren, Euch ein Tadelsvotum zu erteilen, nicht losgewor- den. So auch hier mit dem Verein und Gilles1. Wenn Ihr nicht öffent- lich erklärt, gegenüber der Gillesschen Erklärung, wie der hiesige Verein zur Partei steht, so nützt alles Protestieren in Privatbriefen nichts. Hier werdet Ihr für den Blödsinn dieser Bande ohne weiteres verantwortlich ge- macht – die geschichtliche Vergangenheit des Vereins rechtfertigt das auch, solange Ihr schweigt.

Stolp-Lauenburg und Dein Artikel im „Vorwärts" darüber, der ganz meine Ansicht ausspricht, haben uns sehr gefreut. Die Masse der ost- elbischen Landtaglöhner ist wirklich noch zu sehr tatsächlich leibeigen (wie die englischen auch), als daß unsre direkte Propaganda da viel wirken könnte, ehe sie die Vorschule des Fortschritts durchgemacht. Da hat der Fortschritt den Beruf, den Boden für uns vorzubereiten, und das wird er erfolgreich tun. Wenn er also in Berlin, uns gegenüber und bei seiner Schlappheit, zur reaktionären Masse zählen könnte, so tritt er auf dem Land aus dieser Stellung entschieden, einstweilen noch, heraus. Lange wird's freilich nicht dauern.

Die Reichstagsverlängerung auf 5 Jahre wird doch wahrscheinlich unterbrochen. Wenn der Druck fort dauert, fällt die Majorität auseinander, und die Regierung muß auflösen, weil sie sich sonst nicht helfen kann. Kommt Krieg, dann erst recht. Ihr könnt schon diesen Winter possierliche Dinge erleben.

Ich bin froh zu erfahren, daß schon jetzt in den technisch gebildeten Kreisen soviel Hinneigung zu uns herrscht. Ich habe aber bei den französi- schen Republikanern, die doch selbst Bourgeois waren, 1848 und 1870/71 zu schöne Erfahrungen gemacht, wie weit man mit solchen, in Zeiten der Gefahr, stillen Anhängern und Sympathisierern kommt und wie greulich man sich da blamieren kann, um nicht zu wünschen, daß wir bei einem so wichtigen Geschäft wie die Vergesellschaftung der großen Industrie und des großen Ackerbaus ein paar Jahre Zeit haben, uns die Herren nach Kapa- zität und Charakter vorher genauer anzusehn. Das erspart nicht nur Rei- bungen, das kann auch in einem kritischen Moment eine sonst unvermeid- liche entscheidende Niederlage abwenden. Es werden ohnehin kolossale Böcke in Masse geschehn, das ist ja unvermeidlich. Du selbst sagst ja, daß unter den Offerten genug sind von Leuten, die mehr Ansprüche haben als Talent und Kenntnisse, und ich vergesse nicht, was Singer mir gelegentlich des Nonne sagte von den Studenten, die die Furcht vor dem Examen in die Sozialdemokratie treibt. Indes ist die Tatsache, daß sie kommen, Anzeichen von dem, was heranrückt.

Die Hungersnot in Rußland wird scheußlich. In Simbirsk werden die rebellischen Hungerleider mit 500 Hieben zu Tode gepeitscht. Das Winterkorn im Süden hat entweder wegen Dürre nicht gesät werden kön- nen oder ist durch frühen Frost getötet. Also neue Not fürs nächste Jahr.

Mir scheint, daß die Russen stark abwiegeln (Giers' Reise nach Mailand) und auch den zu rasch voraneilenden Franzosen ein Zäumchen angelegt haben und daß grade deswegen der Zar sich glaubte erlauben zu können, dem jungen Wilhelm besuchslos durchs Land zu reisen, was doch eine derbe Majestätsbeleidigung ist. Wenn nun erst das französische Mini- sterium wackelt, dann sollst Du sehn, wie friedfertig der Zar wird – natür- lich ohne den Übergriffen im Orient und Zentralasien Einhalt zu tun.

Salisbury hat gestern abend den City-Eseln und Schwindlern erklärt, kein Wölkchen trübe den Friedenshorizont. Das wäre ein schlimmes Vor- zeichen, 1870 hatte Granville, auswärtiger Minister, 14 Tage vor dem Krieg dasselbe gesagt.

Die französischen Manöver vom September mit 4 Armeekorps waren arger Schwindel. Sir Ch. Dilke, der Ehebruchskollege von Parnell – obwohl auf verschiedner Grundlage – hat sie franzosenbegeistert beschrieben, aber sein Artikel beweist, daß vieles sehr faul und manches noch wie Anno 70 war. Namentlich Untüchtigkeit der Offiziere. Wenn die Leute erst im großen mobilisieren, wird's da noch mehr hapern.

Gruß von Louise.
Dein
F. Engels

Die russische Anleihe liegt den Pariser Bankiers schwer im Magen. Ist 4% unter Emissionspreis gefallen, und die Leute lassen hier massen- weis andre Fonds und Aktien losschlagen. um in Paris am 20. cr. neu an die Russen einzahlen zu können.