London, 24. Okt. 91
Lieber Bebel,
Vielen Dank für die Postkarten und Sendungen, ohne die wir doch nur schlecht hätten den Gang der Dinge in Erfurt verfolgen können. Es ist ja ganz vortrefflich gegangen, Du, Auer, Singer, Fischer, Ihr habt Euch mit Ruhm bedeckt, und die Jämmerlichkeit der Opposition war das einzige, worüber Ihr Euch beklagen konntet, mit solchen Insekten sich herumschlagen ist kein Pläsier. Jedenfalls werden die Herren jetzt außerhalb der Partei zeigen, was sie machen können, da sind sie unschädlich, und den bessern Elementen unter den jugendlichen Krakeelern wird jetzt Zeit zur Besinnung gegeben. Daß Herr von Vollmar sich bequemt hat, dem neuen Kurs in Caprivis Arme abzusagen, wenn auch ohne „persönliche Spitze“, ist vielleicht für den Augenblick besser, mit dem seid Ihr aber noch lange nicht im reinen, und je gespannter die Lage, desto genauer muß ihm auf die Finger gesehn werden. Indessen jede große Partei hat einen Hauptklüngler, und würdet Ihr diesen los, so käme ein andrer.
Gefreut hat uns die viele Heiterkeit, die auf Eurer Seite herrschte, wir haben viel gelacht – bei der traurigen Opposition und dem würdevollen Vollmar schläft man ja fast ein.
Das Programm macht bei erster Lesung einen sehr guten Eindruck bis auf einige matte Stellen, auf die ich K.K[autsky] schon vorher aufmerksam gemacht1. Es war eine bittre Pille für den Liebk[necht], daß er den Bericht über das neue Programm machen mußte, worin der letzte Rest nicht nur von Lassalleanismus, sondern auch von seinen vielgeliebten volksparteilichen Phrasen ausgemerzt war. Die Rede – wenn dem „Vorwärts“-Bericht zu trauen, den er doch wohl selbst aufgesetzt – trägt auch schmerzliche Spuren davon. Und dann hatte er noch das Pech mit dem Kunertschen Antrag wegen seinem Schwiegersohn. Ich hoffe, es findet sich eine sanfte schiefe Ebene, worauf L[iebknecht] sich allmählich in die Pensionierung hineingleiten läßt – er ist merkwürdig veraltet in der Partei.
Montag, 26. Okt. – Inzwischen ist heute morgen Dein Brief eingesprungen. Daß Fischer sich Feinde gemacht, glaub’ ich gern, ich kenne das aus Erfahrung an mir selber; ich war in jüngeren Jahren genau so gern frech am unrechten Ort und zur unrechten Zeit wie er, wie ich denn überhaupt bei den Jüngeren selten irgendeinen Fehler entdecke, den ich nicht mehr oder weniger selbst gehabt. Das schleift sich allmählich ab, wenn man so von Zeit zu Zeit einen auf die Schnauze kriegt, von dem man sich sagen muß, daß er verdient war.
Ich weiß nicht, ob Ihr in Zukunft daran vorbeikommen werdet, derlei Sachen öffentlich zu erledigen. Ich halte es so für besser, trotz der kleinen Nachteile und großen persönlichen Unannehmlichkeiten. Aber das ist sicher, wenn Euer Zentralorgan2 nicht anders wird, so tätet Ihr besser, es ganz der Berliner Partei zu übergeben und Euch einen Wochen-Staatsanzeiger zu schaffen, der aber dann auch ordentlich redigiert sein könnte und müßte.
Sehr vernünftig, die 400 M. für Lafargues Wahl zu verwenden. Sie werden zur Stichwahl sehr erwünscht kommen. Da Genossenschaften und Partei bei Euch getrennt, ist es ganz in der Ordnung, wenn französische u. a. Strikes direkt von den Genossenschaften in Deutschland unterstützt werden und die Parteigelder für politische Zwecke frei bleiben. Allerdings sollte dann auch gesorgt werden, daß die Genossenschaften etwas für die Glasleute tun. Von hier ist relativ viel für sie geschehn.
Lafargue steht gut. Er hatte 5005 Stimmen, der Opportunist Depasse, Regierungskandidat, 2928, der zweite Opportunist Bère (lies Beer oder Bär) 1246 und der Radikale Roche 2272. Dieser tritt zurück zugunsten Lafargues. So daß Depasse, der eigentliche Konkurrent bei der Stichwahl, nur durchkommen kann, wenn entweder alle Stimmen Roches sich enthalten und noch ca. 1000 Stimmen aus der monarchischen Enthaltungsreserve dazukommen, oder wenn über 3000 monarchische Enthaltungsstimmen die 5005 + 2272 mehr als aufwiegen. Ich weiß nicht, wieviel eingeschriebene Wähler da sind, kann also nicht urteilen, jedenfalls steht’s besser, als wir zu hoffen wagten.
Gilles hat’s billig. Der Kerl muß flott leben auf Rechnung der Polizei. Er hat sich die Majorität im Kommunistischen Verein gekauft durch Pump, den er ihnen gemacht hat, sie dürfen ihn nicht hinauswerfen. Da der Kerl hier behauptet, als Mitglied dieses Vereins sei er ohne weiteres Mitglied der deutschen Partei, fragt sich, ob Ihr Euch diesen „Genossen“ wollt gefallen lassen. Die Gelder, die ihm zur Verfügung stehn für seine Pumpereien und seine Zirkulare – das Zeug kostet hier was –, kann er nur von der Gesandtschaft haben.
Über die Magdeburger Versammlung habe ich bis jetzt weder im „Vorwärts“ noch „Echo“ etwas gefunden. Daß der „V[orwärts]“ die Berliner Versammlung der Opposition unterdrücken würde, erwartete ich nach der bisherigen Praxis des Blatts. Ist aber elend dumm.
Ich schicke Dir einen Artikel des großen Paul Brousse, wo Du sehn wirst, wie dieser Erzkrakeeler, Erzstänkerer und Erzautoritär, jetzt, nachdem er total geschlagen und reine Null geworden, den Frieden und die Föderation Euch predigt, nachdem er jahrelang in Euch seine Hauptfeinde auf dem Kontinent bekämpft.
Inl. einige Ausschnitte über die russische Hungersnot, die noch weiter nach Westen greift, als ich glaubte. Solche Sachen finden sich in der hiesigen Presse täglich. Es steht in der Tat schlimm, und man schickt noch mehr Truppen nach Westen, nur um sie ernähren zu können, wie mir Mendelson gestern bestätigte. Die Russen müßten verrückt sein, Krieg anzufangen, aber die Militärpartei ist überall verrückt, und die russische Bourgeoisie ist borniert-dumm, unwissend, chauvinistisch und habgierig aufs äußerste. Muß Krieg sein, dann ist’s besser bald, denn dann werden die Russen dran glauben müssen.
Da ich es für nötig hielt, den Franzosen reinen Wein einzuschenken über unsre Lage, wenn’s zum Krieg kommt – allerdings eine verdammt schwierige Aufgabe –, habe ich einen französischen Artikel geschrieben und an Laura geschickt. Sie schreibt mir heute, daß sowohl sie wie Paul ganz entzückt von dem Artikel sind, das sei ganz das, was für die Franzosen nötig sei usw. Wenn Guesde auch der Ansicht ist – er ist noch in Lille, wo er Lafargue bei den Wählern vertritt –, soll der Artikel veröffentlicht werden. Er war ursprünglich für den französischen sozialistischen Kalender3 geschrieben, ist aber möglicher-(für mich wahrscheinlicher-)weise zu stark für die dabei beteiligten Mischmaschleute, dann kommt er wohl in den „Socialiste“, den Du hoffentlich siehst. Ich sage den Leuten: wir hätten die fast absolute Sicherheit, innerhalb 10 Jahren ans Ruder zu kommen; wir könnten nicht das Ruder ergreifen noch dran bleiben, ohne die Sünden unsrer Vorgänger gegen andre Nationalitäten wiedergutzumachen, also 1. die Wiederherstellung Polens offen anzubahnen, 2. die Nordschleswiger und Elsaß-Lothringer in die Lage zu versetzen, frei über ihre Zugehörigkeit zu entscheiden. Eine elsäß-lothringische Frage existiere überhaupt nicht zwischen einem sozialistischen Frankreich und einem ditto Deutschland. Also liege überhaupt kein Grund vor zu einem Krieg wegen Elsaß-Lothringen. Wenn aber dennoch die französischen Bourgeois einen solchen anfangen und sich zu diesem Zweck in den Dienst des russischen Zars stellen, der der Feind auch der Bourgeois von ganz Westeuropa ist, so ist das die Verleugnung der revolutionären Mission Frankreichs. Dagegen haben wir deutschen Sozialisten, die wir, bei bewahrtem Frieden, in 10 Jahren zur Herrschaft kommen, die Pflicht, diese von uns eroberte Position in der Avantgarde der Arbeiterbewegung zu behaupten, nicht nur gegen den innern, auch gegen den äußern Feind. Siegt Rußland, so werden wir erdrückt. Also druf, wenn Rußland Krieg anfängt, druf auf die Russen und ihre Bundesgenossen, wer sie auch seien. Dann haben wir dafür zu sorgen, daß der Krieg mit allen revolutionären Mitteln geführt und jede Regierung unmöglich gemacht wird, die sich weigert, diese Mittel anzuwenden; respektive im gegebenen Moment selbst an die Spitze zu treten. Wir haben das glorreiche Beispiel der Franzosen von 1793 noch nicht vergessen, und wenn man uns dazu zwingt, kann es kommen, daß wir das hundertjährige Jubiläum von 1793 feiern, indem wir zeigen, daß die deutschen Arbeiter von 1893 der Sansculotten von damals nicht unwürdig sind und wenn dann französische Soldaten über unsre Grenze kommen, so werden sie empfangen mit dem Ruf:
Quoi ces cohortes étrangères
Feraient la loi dans nos foyers?4 (Marseillaise)
Dies der allgemeine Gedankengang. Sobald der Text endgültig festgestellt (ich erwarte natürlich einzelne kleine Änderungsvorschläge) und der Abdruck in Angriff genommen, übersetze ich den Artikel ins Deutsche, und wir werden dann sehn, was damit zu machen. Ich bin nicht sicher, ob Eure Preßverhältnisse den Abdruck in Deutschland zulässig machen; vielleicht wenn Ihr einige Vorbehalte macht, geht’s doch – das wird sich finden. Meine Artikel binden ja ohnehin die Partei nicht – ein großes Glück für beide, obwohl Liebk[necht] sich einbildet, ich sähe darin ein Pech für mich, was mir gar nicht einfällt.
Die Berichte lassen Dich sagen, ich hätte den Zusammenbruch der bürgerlichen Gesellschaft auf 1898 gewissagt. Da ist ein kleiner Irrtum irgendwo. Ich habe nur gesagt, bis 98 könnten wir möglicherweise ans Ruder kommen. Die alte bürgerliche Gesellschaft könnte, falls dies nicht geschähe, noch einige Zeit fortvegetieren, solange nicht ein äußerer Anstoß den morschen Kasten zusammenkrachen macht. So eine faule alte Kiste kann ein paar Jahrzehnte vorhalten nach ihrem wesentlichen innern Tod, wenn die Luft ruhig bleibt. So etwas vorherzusagen würde ich mich also sehr in acht nehmen. Dagegen unsre Ankunft bei der Möglichkeit der Herrschaft, das ist eine pure Wahrscheinlichkeitsrechnung nach mathematischen Gesetzen.
Ich hoffe bei alledem, es bleibt Friede. Wir stehn so, daß wir nicht va banque zu spielen brauchen – und dazu zwingt uns der Krieg. Und dann in zehn Jahren sind wir ganz anders präpariert. Voici pourquoi.5
Um die Produktionsmittel in Besitz und Betrieb zu nehmen, brauchen wir Leute, die technisch vorgebildet sind, und zwar in Massen. Diese haben wir nicht, wir sind sogar bis jetzt ziemlich froh gewesen, daß wir von dem „gebildeten“ Volk großenteils verschont blieben. Jetzt ist das anders. Jetzt sind wir stark genug, jedes Quantum gebildeten Quarks vertragen und verdauen zu können; und ich sehe voraus, daß wir in den nächsten 8–10 Jahren hinreichend junge Techniker, Mediziner, Juristen und Schulmeister anwerben werden, um die Fabriken und großen Güter durch Parteigenossen für die Nation verwalten zu lassen. Dann ist also unser Eintritt in die Macht ganz naturgemäß und wickelt sich glatt ab – relativ. Kommen wir dagegen durch einen Krieg vorzeitig ans Ruder, so sind die Techniker unsre prinzipiellen Gegner, betrügen und verraten uns, wo sie können; wir müssen den Schrecken gegen sie anwenden und werden doch beschissen. Es ist, was den französischen Revolutionären im kleinen stets passierte, sie mußten, selbst in der gewöhnlichen Verwaltung, die wirklich arbeitenden Unterposten mit den alten Reaktionären besetzt lassen, und diese hemmten und lähmten alles. Daher hoffe und wünsche ich, unsre famose, sichere, mit der Ruhe und Unausweglichkeit eines Naturprozesses fortschreitende Entwicklung bleibt in ihrem naturgemäßen Geleise.
Herzlichen Gruß an Deine Frau und Dich.
Dein
F. E.