London, 1. Nov. 91
Lieber Schmidt,
Vor allen Dingen meinen Glückwunsch zu Ihrer Verlobung und hoffentlich recht baldigen Heirat. Lassen Sie mich wissen, wann der entscheidende Tag sein wird, damit wir [auf] Ihre und Ihrer jungen Braut Gesundheit trinken können, einstweilen soll das heute mittag in einem Glase Portwein einleitungshalber geschehn.
Auch zum Abschluß mit Guttentag gratuliere ich Ihnen, die Arbeit ist der Mühe wert, aber Zeit müssen Sie sich dazu nehmen. Nächste Woche gehe ich an den 3.Band1 (das ist mit schuld dran, daß ich Ihnen so rasch antworte, ich muß alle Korrespondenz vorher erledigen) und denke nicht aufhören zu müssen, bis alles erledigt. So daß Sie auch diesen notwendigen Abschluß noch einbegreifen können.
Ohne Hegel geht's natürlich nicht, und der Mann will auch Zeit haben, bis er verdaut ist. Die kurze Logik in der „Encykl[opädie]" ist ein ganz guter Anfang. Sie müssen aber die Ausgabe im 6.Band der „Werke" nehmen, nicht die Separatausgabe von Rosenkranz (1845), da in jener weit mehr erklärende Zusätze aus den Vorlesungen sich befinden, wenn auch von dem Esel Henning oft selbst nicht verstanden.
In der Einleitung haben Sie § 26 etc. zuerst die Kritik der Wolfschen Verarbeitung von Leibniz (Metaphysik im historischen Sinn), dann des englisch-französischen Empirismus § 37 etc., dann Kants § 40ff., endlich des Jacobischen Mystizismus § 61. – Im ersten Abschnitt (Sein) sollten Sie sich nicht zu lange bei dem Sein und Nichts aufhalten, die letzten § der Qualität, dann Quantität und Maß sind viel schöner, die Lehre vom Wesen aber ist der Hauptteil: die Auflösung der abstrakten Gegensätze in ihre Haltlosigkeit, wo, sobald man die eine Seite allein festhalten will, sie sich unvermerkt in die andre verwandelt usw. Dabei können Sie sich die Sache immer an konkreten Beispielen klarmachen. Z.B. von der Untrennbarkeit von Identität und Unterschied haben Sie als Bräutigam ein schlagendes Exempel an sich selbst und Ihrer Braut. Es ist absolut nicht festzustellen, ob die Geschlechtsliebe die Freude ist an der Identität im Unterschied oder an dem Unterschied in der Identität. Nehmen Sie den Unterschied (hier des Geschlechtes) weg oder die Identität (die Menschheit beider), und was bleibt Ihnen übrig? Ich erinnere mich, wie mich im Anfang grade diese Untrennbarkeit von Identität und Unterschied geplagt hat, obwohl wir keinen Schritt tun können, ohne darüber zu stolpern.
Keinesfalls aber dürfen Sie Hegel lesen, wie der Herr Barth ihn gelesen hat, nämlich um die Paralogismen und faulen Kniffe zu entdecken, die ihm als Hebel der Konstruktion dienten. Das ist pure Schuljungenarbeit. Viel wichtiger ist, unter der unrichtigen Form und im erkünstelten Zusammenhang das Richtige und Geniale herauszufinden. So sind die Übergänge von einer Kategorie oder einem Gegensatz zum nächsten fast immer willkürlich – oft durch einen Witz gemacht, wie wenn Positiv und Negativ § 120 „zugrunde gehn", damit Hegel auf die Kategorie des „Grundes" kommen kann. Darüber viel zu spintisieren, ist Zeitverlust.
Da jede Kategorie bei Hegel eine Stufe in der Geschichte der Philosophie vertritt (wie er auch meist solche angibt), werden Sie gut tun, die „Vorlesungen über Gesch[ichte] der Phil[osophie]" – eins der genialsten Werke – zu vergleichen. Zur Erholung kann ich Ihnen die „Ästhetik" empfehlen. Wenn Sie sich da etwas hineingearbeitet haben, werden Sie erstaunen.
Die Verkehrung der Dialektik bei Hegel beruht darauf, daß sie „Selbstentwicklung des Gedankens" sein soll und daher die Dialektik der Tatsachen nur ihr Abglanz, während die Dialektik in unserm Kopf doch nur die Widerspiegelung der sich in der natürlichen und menschengeschichtlichen Welt vollziehenden, dialektischen Formen gehorchenden, tatsächlichen Entwicklung ist.
Vergleichen Sie einmal die Entwicklung bei Marx von der Ware zum Kapital mit der bei Hegel vom Sein zum Wesen, und Sie haben eine ganz gute Parallele, hier die konkrete Entwicklung, wie sie sich aus den Tatsachen ergibt, dort die abstrakte Konstruktion, worin höchst geniale Gedanken und stellenweise sehr richtige Umschläge, wie der der Qualität in Quantität und umgekehrt, zu einer scheinbaren Selbstentwicklung eines Begriffs aus einem andern verarbeitet werden, deren man auch ein Dutzend andrer hätte fabrizieren können.
Der edle Wolf hat mir sein Opus in Separatabdruck geschickt. Trotzdem aber ein anonymer „Verehrer" mich fragt2, ob ich den Kerl „ohrfeigen" werde, habe ich es noch nicht angesehn. So ein Professor, das hat immer noch Zeit.
Der Parteitag ist sehr gut verlaufen. Die lange Beschäftigung mit der „Opposition" hat gar nicht geschadet, die Philister mögen sich dran ergötzt haben, in der Partei selbst hat's sicher sehr gut gewirkt.
Nach dem Brüßler Kongreß waren Bebel und Adler ein paar Tage hier, wir waren sehr heiter. Bernsteins sehr gute Einleitung zu Lassalle kommt englisch heraus.
Nun ich hoffe, Sie haben ein gutes Häuflein Studenten und Studentinnen für Ihren ersten Kurs.
Besten Gruß.
Ihr
F. Engels
Frau Kautsky gratuliert Ihnen und Ihrer Braut ebenfalls herzlichst.