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Engels an Karl Kautsky
in Stuttgart

London, 28. Sept. 91

Lieber Kautsky,

Grade wollte ich Dir heute schreiben wegen dem Programm – da kommt Dein Brief.

Dein Programmentwurf ist weit besser als der offizielle, und ich höre mit Vergnügen, daß Bebel seine Annahme vorschlagen will. Ich werde ihn darin bestärken. Du hast den einen Fehler Deines ersten Entwurfs – die Länge – beseitigt und den amtlichen an Kürze übertroffen. Doch möchte ich folgendes beantragen:

1. Abschnitt, S.785/86 „Neue Zeit“, Absatz 2, Zeile 3: Wachstum des Produkts der menschlichen Arbeit, statt Ertrags. Marx hat darauf hingewiesen, wie zweideutig „Ertrag“, der sowohl das Produkt selbst bedeuten kann wie seinen Wert oder gar die zufällige realisierte Preissumme.
Ferner: Privateigentum an den Produktionsmitteln durchweg. Gemeint sind ja die sämtlichen gesellschaftlichen Produktionsmittel oder aber die eines bestimmten arbeitenden Individuums, Bauern oder Handwerkers –, jedesmal sehr bestimmte, also den Artikel erfordernde. Weglassung des Artikels verursacht Schwanken über den Sinn, wenigstens geht mir’s so.

2. Abschnitt, „N[eue] Z[eit]“, S.788, Absatz 1, ist etwas schwach redigiert. „Die unter den heutigen Zuständen leidet“ ist gar zu matt. Zu sagen wäre, daß durch den Klassengegensatz auch die herrschenden Klassen intellektuell und moralisch verkrüppeln, und zwar noch mehr als die unterdrückte Klasse. Das redigiere Dir zurecht, wenn Du bestimmst. Ebenso ist der Schlußsatz matt, das Proletariat sei die einzige Klasse, deren Interesse usw. … drängt. Ich würde etwa sagen: deren Befreiung ohne Vergesellschaftung der Produktionsmittel unmöglich ist oder Ähnliches.

Absatz 2. ... Sie kann ihre ökonomischen Kämpfe – und ihre Organisation als kämpfende Klasse nicht herstellen ohne politische Rechte (sie bedarf zu ihren ökonomischen Kämpfen und ihrer Organisation als kämpfende Klasse eines mit ihren Erfolgen wachsenden Maßes politischer Freiheit und Gleichberechtigung?) – der Rest wie im Text.

Diese kurze Andeutungen, zu mehr habe ich leider nicht Zeit, da ich überhäuft von allerlei Arbeit.

Diesen Artikel habe ich noch nicht einmal lesen können.
In Deinem ersten Artikel machst Du auch ein bißchen in „Utopie“. Wo ist das Land, wo und wann hat sich das ereignet, was Du auf S.726 (gleichzeitig mit dieser Umwandlung ging eine andre vor sich) bis 730 beschreibst? Da scheint mir Zeit und Ort verschiedener Richtungen bequemlichkeitshalber stark durcheinandergeworfen. Doch das macht nichts, die große Masse Deiner Leser merkt’s nicht und kann jeder das herausnehmen, was auf seinem Privatschädel die richtige Kappe ist.

Dank für die Blätter. Es ist gut, daß die Partei stark genug ist, um L[ie]b[knecht]s Reden ohne Schaden passieren zu lassen – mit dem Blatt1, was wichtiger, wird ja nun auch bald eine Änderung vorgehn. Ich muß sagen, der Alte erstaunt mich auch durch den Grad, in dem er zurückgeblieben ist. Aber wir sind jetzt eine Macht, und da kann man so ein Erbstück schon mitschleppen und ihm die Freude gönnen, alles erledigt zu glauben, sobald er eine Phrase gefunden hat, die ihn über den jedesmaligen Fall beruhigt.

Herr J. Wolf hat mir sein Machwerk auch zugeschickt. Ich hab’s ungelesen in den Schrank gelegt, wo es ruhen sollte bis zur Vorrede zum 3. Band. Jetzt kommt der von Dir eingeschickte Brief aus Neumünster. Dieser lautet wörtlich:

„Zürich, 20. Sept. 91. Hochgeehrter Herr! Im neuesten Heft der Conradschen ‚Jahrbücher für N[ational]ö[konomie] und Statistik‘ erfrecht sich der Brünner Jude Wolf, Professor am Polytechnikum hier, Sie zu beschuldigen, Sie hätten Marx’ Wertlehre mißverstanden und wollten darum den 3. Band unterschlagen. Werden Sie ihn ohrfeigen? Ein Verehrer."

Dieses nun zwar nicht, aber ich werde den Schund doch ansehn müssen.
Daß C. Schmidts Lösung nicht die Marxsche ist, habe ich ihm gleich geschrieben, aber es sind in dem Buch sonst so vortreffliche Sachen, daß ich es für das Bedeutendste halte, was seit M[arx’s] Tod ökonomisch geleistet.
Indes geht’s jetzt, sobald ich die laufenden Geschäfte erledigt, schonungslos an den 3. Band, und alles andre fliegt beiseite.

C. Schmidt war in Berlin, hat während der Ferien den „Vorwärts“ recht gut redigiert, wird wohl jetzt in Zürich seine gegen die Professoren durch Stößel durchgesetzte Privatdozentenschaft antreten.

Du hast recht, zum Kongreß zu gehn. Die Leute werden viel an der „N[euen] Z[eit]“ auszusetzen haben, das ist nun einmal so. Du solltest alles anhören, möglichst wenig antworten und nachher Deinen eignen Weg gehn. Solange Bebel an der Spitze, wird alles schon wieder ins Gleise kommen.

Die Gillesiade2 werden wir hier gehörig ausnutzen. Hyndman & Co., die ihre ganze großangelegte internationale Intrige mit den Possibilisten so jämmerlich haben scheitern sehn, sind natürlich wütend und stehn hinter der ganzen Geschichte. Etwas Besseres konnte uns natürlich nicht passieren, als daß sie sich mit Gilles identifizieren – sie schwenken leider schon ab. Du weißt, die Courage ist nicht die starke Seite einiger dieser Herren, und Ohrfeigen schmecken nicht süß.

Gruß von Louise.

Dein
F. E.