71
Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

Helensburgh, Schottland, 14./9./91

Lieber Sorge,

Ich bin hier auf einer Spritztour mit Pumps und Louise Kautsky, wir sind seit 8 Tagen entweder im Hochgebirg oder auf dem Wasser, und das bekommt mir vortrefflich. In 8 Tagen sind wir wieder zu Hause.

Den Schlüters ist nicht zu helfen. Er kann die Seitensprünge nach allerhand Schürzen nicht lassen, und sie kann das Versöhnen und Verzeihen nicht lassen, nachdem sie die Krisis scheinbar aufs Äußerste getrieben. Bleibt sie aber diesmal dennoch in Deutschland – was ich nicht recht glaube –, so geschieht's infolge Zuredens von Leuten dort.

Herr Ferdinand Gilles, ein Lumpazius-Literat, der von der Fortschrittspartei zu uns hinübergetreten worden ist, den wir in Deutschland aber nicht haben wollten, hat sich in London mit Hyndman & Co. zusammengetan und hat auch noch im deutschen Kommunistischen Verein eine Partei für sich. Der Mann ist uns aus sicherer, aber nicht angebbarer Quelle als Polizeispion denunziert, was auch seine sonst nicht erklärlichen Geldmittel erklärt (für eine hier von Louise Michel gegründete Schule zeichnet er sechs Pfund Jahresbeitrag). Der Kerl hat am Brüsseler Kongreß die von Hyndman, Mutter Besant, ihrem Geliebten Herbert Burrows und andern im stillen verbreiteten Lügen über Aveling unter den Deutschen an den Mann bringen wollen: Aveling habe eine Frau und 3 Kinder im tiefsten Elend sitzenlassen, als er sich mit Tussy verheiratet, und sein Schwiegervater habe ihm den Schädel einschlagen wollen. (Nun hat Aveling sich vor über 8 Jahren von seiner Frau durch gegenseitige Übereinkunft getrennt, sie hat ihr Vermögen, das ihr über £ 500 jährlich einbringt, zurückgenommen, Kinder sind nie dagewesen, und der Schwiegervater war schon lange tot.) Da dies nicht zog, hat er die Lügen bei den Korrespondenten der Bourgeoisblätter unterbringen wollen, und das gelang natürlich. Die ganze Presse strotzte davon. In Brüssel konnte Aveling nichts machen, um der belgischen Polizei keinen Vorwand zur Störung des Kongresses zu geben. Aber nach London zurückgekehrt, legte er uns den Rummel vor, und wir waren einstimmig seiner Ansicht, daß Gilles gehauen werden müsse. Nachdem ein Versuch, dies im deutschen Verein zu tun, vereitelt, ging Aveling vorigen Dienstag, 8. ds., mit Louise K[autsky] als Zeugin – damit er nicht sich als von zwei Männern überwältigt herauslüge – in sein Haus und gab ihm zwei herzhafte Faustschläge ins Gesicht. Das wird wohl etwas besser fruchten. Ob die Sache weitere Folgen gehabt, weiß ich nicht, da wir desselben Tags abreisten und keine Nachricht erhalten konnten.

Aveling hat den Sachverhalt sofort an L[ie]bk[necht] zur Veröffentlichung im „Vorwärts“ geschickt, und so wird davon auch wohl in Amerika gesprochen werden.

Von amerikanischen Delegierten sah ich Mac-Vey und Abraham Cahan, den Judenapostel, sie haben mir beide gut gefallen.

Der Kongreß ist after all1 ein glänzender Sieg für uns – die Broussisten sind ganz weggeblieben, und die Hyndmanleute haben ihre Opposition in die Tasche gesteckt. Und am besten, daß sie die Anarchisten an die Luft gesetzt, ganz wie der Haager Kongreß. Wo die alte Internationale abbrach, grade da setzt die neue, unendlich größere und deklariert marxistische, wieder an.

Auch der Trades-Union-Kongreß in Newcastle ist ein Sieg. Die alten Unions, an der Spitze die Textilarbeiter, und die ganze Reaktionspartei unter den Arbeitern hatte alle Kräfte aufgeboten, den Achtstundenbeschluß von 1890 umzustoßen. Sie sind gescheitert, nur ein ganz kleines, momentanes Konzeßiönchen haben sie errungen. Das ist entscheidend. Die Konfusion ist noch groß, aber die Geschichte ist unaufhaltsam im Fluß, und die Bourgeoisblätter erkennen die Niederlage der bürgerlichen Arbeiterpartei vollständig und mit Schrecken, Heulen und Zähneklappern an. Besonders die schottischen Liberalen, diese intelligentesten und klassischsten Bourgeois des Reichs, sind einstimmig in ihrem Geheul ob des großen Pechs und der rettungslosen Verkehrtheit der Arbeiter.

Herzliche Grüße Dir und Deiner Frau.

Dein
F. E.