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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Mount Desert

Ryde, Insel Wight, 9.Aug. 91

Lieber Sorge,

Deine beiden Briefe vom 14. und 20. Juli sind mir hieher nachgeschickt. Ich bin seit 14 Tagen mit Schorl[emmer] hier bei Pumps, deren Mann hier Agent für seine Brüder ist, gehe in ca. 8 Tagen zurück.

Sehr dankbar für die Information wegen des „]ournal] of the K[nights] of L[abor]" – ich habe solch einen Haufen von Zeitungen durchzusehn, daß mir ohne solche Benachrichtigung die Orientierung oft sehr schwerfällt. Ditto wegen Gompers und Sanial, falls ich solche in London sehn sollte, sehr wichtig.

Anna1 muß sehn, wie sie fortkommt, dieser Blödsinn übersteigt alles.

Der possiblistisch-hyndmanitische Schwindel wird wohl auf dem Brüsseler Kongreß Fatales erleben. Die Spaltung der Possibilisten in Paris hat Brousse allen Boden entzogen. In der Provinz sind sie Null, und in Paris geht die Masse mit Allemane gegen Brousse. Das hat dann dazu geführt, daß die Possibilisten beiderlei Art die Kontrolle über ihren letzten großen Stützpunkt, die Bourse du travail, verloren haben. So steht im „Socialiste" vom 24. Juli; Die Brüsseler, die selbst im innersten Herzen Possibilisten sind und so lange wie möglich zu ihnen gehalten haben, sind ganz umgesprungen2; sie wollen Generalrat einer neuen Internationale werden und machen den alles überflügelnden „Marxisten" den Hof; daher possierliches Geheul seitens der Pariser und Londoner im Stich gelaßnen Freunde. Ich fürchte, ich fürchte, Herr Hyndman wird aufhören, offiziell unser „Feind" zu sein und wird sich als unser „Freund" gerieren wollen. Das wäre schlimm, man hat eben nicht die Zeit, solch einem Klüngler stets und überall auf die Finger zu passen.

Tussy, Aveling, Thorne und andre von den Gasworkers, Sanders (John Burns' Sekretär) und diverse andre Engländer von unsrer Seite gehn nach Brüssel. Wie's mit den alten Trades Unions steht, weiß ich nicht.

Die Dockers sind am Kaputtgehn. Ihr Strike war gewonnen einzig und allein durch die blindbegeisterten £ 30 000 von Australien, sie glauben aber, sie selbst hätten's getan. Daher machten sie Fehler über Fehler – zuletzt den, die Listen zu schließen, keine neuen Mitglieder mehr aufzunehmen, also selbst ihre eignen scabs3 zu züchten. Dann weigerten sie den Gasworkers ein Kartell. Viele sind Dockers im Sommer, Gasworkers im Winter – die Gasworkers schlugen vor, das Ticket als Mitglied der einen Union solle für beide gelten bei dieser abwechselnden Beschäftigung – abgeschlagen! Bis jetzt haben die Gasworkers das Ticket der Dockers trotzdem respektiert – wie lange noch, ist nicht zu sagen. Dann schreien die Dockers gegen Einwanderung von foreign paupers (russischen Juden). Von ihren Führern ist Tom Mann brav, aber grenzenlos schwach und durch seine Ernennung zum Mitglied der Royal Commission on Labour halb verrückt gemacht; Ben Tillet ein ehrgeiziger Intrigant, Gelder sind keine vorhanden, Mitglieder fallen haufenweis ab, Disziplin ist verschwunden.

Aus Petersburg schrieb man mir vor einer Woche: We are on the eve of a famine.4 Bestätigt gestern durch das Ausfuhrverbot von Korn aus Rußland. Das sichert uns erstens den Frieden auf ein Jahr; mit Hungersnot im Land wird der Zar wohl säbelrasseln, aber nicht losschlagen. Wenn aber nächstes Jahr Gladstone hier ans Ruder kommt, was wahrscheinlich, wird versucht werden, England und Frankreich zu bewegen, die Schließung der Dardanellen gegen alle Flotten, auch im Krieg, zu bewilligen, d. h. dem Sultan zu verbieten, sich gegen die Russen Hülfe zu holen. Das ist also das nächste Stück orientalische Frage.

Zweitens aber bedeutet das Verbot der russischen Kornausfuhr die Übertragung der Hungersnot ins roggenessende Deutschland; nur Rußland kann das kolossale Roggendefizit in Deutschland decken. Das heißt aber kompletter Zusammenbruch der Kornzollpolitik in Deutschland; und das bedeutet eine unabsehbare Reihe politischer Erschütterungen. Z.B. der Latifundienadel verzichtet nicht auf seine Schutzzölle, ohne auch die Industriezölle der Bourgeois ins Wackeln zu bringen. Die Schutzzollparteien verlieren Kredit, die ganze Situation verschiebt sich. Und unsre Partei wächst riesig – diese Mißernte bringt uns um fünf Jahre vorwärts, abgesehn davon, daß sie den Krieg verhindert, der hundertmal mehr Opfer kosten würde.

Diese beiden Gesichtspunkte werden nach meiner Ansicht die europäische Politik zunächst beherrschen, und wenn Schlüter in der „Volkszeitung" darauf aufmerksam machen will, so wäre dies sehr nützlich. Sobald der Kongreß vorüber, werde ich sie in der europäischen Presse auch zur Sprache bringen. Nur kann ich natürlich nicht verantwortlich sein für das, was andre Leute dort aus diesen meinen Mitteilungen machen.

Ich freue mich, daß Mount Desert Dir wie immer guttut. Auch mir bekommt die Luft am Wasser gut – nur ist das Wetter heuer in Europa so wacklig, daß man nichts Rechtes unternehmen kann. Gruß von Schorlemmer. Ich schließe den Brief noch nicht, morgen kann mehr zu schreiben sein.

11.Aug. Das Kornausfuhrverbot in Rußland ist noch nicht offiziell, aber doch wohl sicher; die offizielle Proklamation wäre abzuwarten.

In Ostpreußen waren 2 Reichstagswahlen – enormer Zuwachs unserer Stimmen. Also die Landbezirke endlich eröffnet – cela marche!5 Da können wir mit Hülfe der Teurung bis 1900 was erleben, wenn wir nicht vorher kaputtgehn.

Louise K[autsky] ist in Wien, geht mit Wiener Mandat nach Brüssel, bringt Adler mit nach London, vielleicht auch Bebel, dem ich nach der Schweiz geschrieben, aber noch keine Antwort.

Tussys Bericht an den Brüsseler Kongreß im Namen der Gasworkers und andrer sehr gut, ich schicke ihn Dir. Tussy geht nach Brüssel mit Mandat des Dubliner Kongresses der Gasworkers und General Labourers, vertritt also 100 000 Mann. Auch Aveling hat 3–4 Mandate. Wie's scheint, werden die alten Trades Unions schwach vertreten sein – um so besser diesmal!

Grüße von Schorl[emmer] und mir an Deine Frau.

Dein alter
F. E.