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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 8. April 91

Lieber Sorge,

Heute endlich kann ich Dir ein paar neue Photographien schicken, 2 kleine hierbei, eine größere (sog. panel1)) geht als bookpacket registriert an Dich ab. Sie sind im Febr. d. J. genommen, repräsentieren also den gegenwärtigen Stand der Dinge ziemlich genau.

Was Deine Bantingkur angeht, so ist die Gicht ganz normale Folge des verstärkten Konsums von Fleisch, Eiern und andern stickstoffhaltigen Nahrungsmitteln. Diese sollen eigentlich nur dazu dienen, Muskelfleisch und andre stickstoffhaltige Körperbestandteile (Fibrin, kurz alle Eiweißkörper) zu erneuern und deren Verschleiß wieder gutzumachen. Nimmst Du aber mehr, als dazu nötig, so werden sie im Körper als gewöhnliche Nahrung zum Ersatz der Körperwärme verbrannt und lassen dann als Hauptrest nach der Verbrennung die sog. Harnsäure, die dann in größerer Quantität im Körper auftreten kann, als durch die Nieren ausgeschieden wird. Der Überschuß bleibt dann entweder in den Muskeln hängen oder kristallisiert in den Gelenken, und das heißt man dann Rheumatismus und Gicht. Entweder mußt Du Dir mehr Bewegung machen oder aber Deine Diät ändern und mehr Brot usw. essen und weniger Fleisch und Eier. Bier solltest Du allerdings meiden.

Dank wegen Antwort bezüglich Avelings. Die Sache wurde hier einmal, ich weiß nicht mehr von wem, hypothetisch angeregt, und damit nichts Voreiliges geschehe, übernahm ich’s, Dich deswegen zu befragen.2

Singer und Bebel haben in sehr liebenswürdiger Weise an mich geschrieben. Die Deutschen können sich noch immer nicht dran gewöhnen, daß jemand in Amt und Würden nicht Anspruch auf zarteres Anfassen hat als andre Leute. Das war im Grunde die Hauptursache der Kränkung. Da ich auf die Liebknechtsche pomphafte Schmiralia nicht geantwortet, überhaupt gar keine Notiz genommen von allen Anzapfungen, wird L[ie]bk[necht] sich einbilden können, er habe einen großen Sieg über mich erfochten. Das Vergnügen lass’ ich ihm. Er redigiert ihnen das „Vorwärts“ ohne rasch genug zuschanden, alle schimpfen darüber. Mit L[ie]bk[necht] ist und bleibt nichts zu machen, wie er ja auch in Amerika noch immer mit Rosenberg zu mogeln scheint. Die entscheidende Rolle in der Partei geht mehr und mehr auf Bebel über, und das ist sehr gut. B[ebel] ist ein ruhiger klarer Kopf, der sich auch theoretisch ganz anders herausgearbeitet hat als L[ie]bk[necht]. Aber man kann eben L[ie]bk[necht] nicht abschütteln, er hat dabei wegen seiner Phrasenmacherei und Leidenschaftlichkeit des Tons in Volksversammlungen noch recht viel Wirkung, und so gibt es allerhand Kompromisselei.

Hier geht’s gut voran. Die Angriffe Hyndmans gegen Aveling können ihm teuer zustatten kommen. H[yndman] ist unfähig, seine Kräfte im Vergleich zu dem, was er leisten soll, richtig abzuschätzen. Er hat geglaubt, mit A[ve]ling fertig zu werden, und jetzt sitzt er selbst im Dreck. Infolge des vorigen Liverpooler Trades Union-Kongresses hat sich die Majorität des Londoner Trades-Council zugunsten des legal 8 Hours Day3 umgestaltet. H[yndman] suchte ihn gegen die Legal 8 Hours League auszuspielen, dies mißlang; seine Federation war vertreten auf dem Legal 8 Hours Committee, aber er zog seine Delegierten zurück und schrieb an den Trades Council, für die Federation 2 separate Rednertribünen im Park4 bei der Demonstration verlangend. Der Trades Council wird aber wahrscheinlich entschieden ablehnen, wie das 8 Hours Committee schon getan, und dann sitzt H[yndman] zwischen zwei Stühlen.5 Aveling erhält von allen Vereinen, wo er arbeitet, Vertrauensvoten, da H[yndman] sich weigere, seine Anklagen in offner Debatte zu vertreten, und nach dem 1. Mai wird er wohl seine Taktik ändern müssen. Er ist hier noch der einzige Krakeeler, der im Wege steht. Er beweist, wie nutzlos eine – theoretisch großenteils richtige – Platform ist, wenn sie nicht an die wirklichen Bedürfnisse der Leute anzuknüpfen versteht. Obwohl die Leute hier Engländer, stehn sie doch fast ebenso außerhalb der wirklichen englischen Bewegung wie die Sozialistische Arbeiter-Partei in Amerika. Die Bewegung hier vollzieht sich in den neuen Trades Unions, vor allen der Gasworkers, und in der legal 8 Hours (Achtstundenbill) Agitation, und in beiden stehn Avelings an der Spitze. In beiden Agitationszweigen sind viele Leute, die auch der Social Democratic Federation angehören, aber grade diese entziehn sich dem besondern Einfluß Hyndmans und behandeln die Social Democratic Federation als pure Nebensache. Und wenn Hyndman seine Krakeelerei gegen A[ve]lings auf die Spitze treibt, kann er’s grade mit diesen Leuten zu tun bekommen.

In Frankreich haben unsre Leute, dank der Spaltung unter den Possibilisten, augenblicklich auch in Paris das Heft in der Hand. Erst haben die Allemanisten (in Paris nach Lafargue die Mehrzahl, was ich aber bezweifle) Delegierte zur Maidemonstrationskommission geschickt und dann endlich auch die Broussisten – sie bequemen sich also, einen marxistischen Beschluß auszuführen. Und da die Allemanisten die Broussisten herauswerfen wollen, sind unsre Leute in die Lage gekommen, als Verteidiger der gleichen Rechte der Broussisten aufzutreten!! Das beste ist, daß unsre Franzosen gegenüber den Possibilisten genau die Taktik befolgen, die Marx den Eisenachern gegenüber den Lassalleanern anempfahl! Und soweit mit Erfolg.

Der Pariser Bergarbeiterkongreß wäre beinah am belgischen Blödsinn des general strike ... gescheitert. Um diesem zu entgehn, verlangten die Engländer Abstimmung nach Kopfzahl der vertreten Arbeiter. Das hätte den Engländern die fast unbedingte Mehrheit gegeben, und da rebellierten die andern. Ich wollte fast, die wallonischen Kohlenarbeiter, die den ganzen general-strike-Unsinn diesmal angestiftet, trieben es in Belgien zum general strike wegen allgemeinem Stimmrecht, sie würden heillos gehauen, und der Unsinn wäre begraben. Aber die andern in Deutschland und Frankreich würden die Folgen auszufressen haben.

Schorl[emmer] war 8 Tage hier, ist sehr empfindlich gegen Wetterwechsel geworden, kämpft mit Taubheitsanfällen infolge von Erkältung, sollte einmal einen Winter im Warmen zubringen. Sam ist in Derbyshire, ich erwarte ihn täglich. Aber arbeiten wird er hier schwerlich, er soll sich Kräfte holen für neue 1½ Jahr am Niger. Er soll übrigens das dortige Klima sehr angenehm finden und über das unsrige schimpfen.

Herzliche Grüße an Deine Frau.

Dein
F. E.

Das doppelte Bild ist für Schlüter, den Du grüßen willst.