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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 4. Mai 1891

Mein liebes Löhr,
Gestern war es herrlich, sowohl das Wetter wie die Demonstration. Louise, Sam M[oore] und ich gingen um 2 Uhr hin. Die Tribünen zogen sich in einem weiten Bogen durch den Park1, der Demonstrationszug setzte sich um 2 Uhr 30 in Bewegung und hörte bis 4 Uhr 15 nicht auf; noch bis 5 Uhr kamen immer neue Marschkolonnen herein. Ich war mit Sam auf Edwards Tribüne, Louise auf Tussys. Die Menge war riesengroß, etwa soviel Menschen oder sogar noch mehr als im letzten Jahr.

Nun einen kleinen Schwatz über die Geschichte der Angelegenheit. Sie ist fast ausschließlich Edwards und Tussys Werk, und sie mußten sie von Anfang bis Ende durchkämpfen. Es gab natürlich allerhand Reibereien, doch der Trades Congress in Liverpool letzten Sept. und die veränderte Mehrheit (zugunsten des gesetzlichen Achtstundentages) hatten den Weg beträchtlich geebnet. Shipton war schrecklich höflich zu Edward, aber in vielen kleinen Dingen hinderlich und drohte, alles hinzuwerfen, wenn sein Recht (göttliches?), Anführer der Demonstration zu sein, jemals in Frage gestellt werden sollte. Nun, sie ließen ihn, es wird wahrscheinlich das letzte Mal sein, daß er hoch zu Roß2 erscheinen wird.

Die Hauptsache war, daß die Resolution in der von unseren Leuten vorgeschlagenen Form angenommen wurde und daß sie das gemeinsame Komitee gebildet haben (5 vom Trades Council, 5 vom Demonstrationskomitee).

Nun zur komischen Seite – zur Social Democratic Federation. Anfangs entsandte sie 3 Delegierte ins Demonstrationskomitee, in dem Edward Vorsitzender war. Nach einigen Zusammenkünften blieben diese jedoch weg und wurden aus den Listen gestrichen. Dann wandte sich die Social Democratic Federation an den Trades Council wegen 2 Tribünen für sich, wie sie sie im vergangenen Jahr hatte. Doch Shipton selbst legte Presseausweis für Friedrich Engels als Korrespondent der „Neuen Zeit“ über die Maidemonstration im Londoner Hyde Park am 3. Mai 1891 dem Gemeinsamen Komitee nahe, nicht darauf einzugehen, und so wurde der Antrag abgelehnt, da sonst mit dem gleichen Recht jede Trades Union hätte 2 Tribünen fordern können. Danach teilte die Social Democratic Federation in ihrem Moniteur mit, daß sie ein eigenes Meeting mit vier Tribünen und roten Fahnen abhalten würde. Leider mußte sie sich unserem Zuge vom Kai aus anschließen, um geordnet und genügend effektvoll in den Park zu gelangen; und kaum waren sie dort, marschierten sie etwa 100 Yards abseits und führten ihr angekündigtes Meeting durch – ohne richtige Tribünen; wir hatten große Wagen, sie nur Stühle. Sie waren gerade nahe genug, um mit einigen Nachzüglern von unserem Überfluß zu rechnen, und gerade weit genug entfernt, daß man sehen konnte, wie wenige von diesen sie anzuziehen vermochten.

Das Entscheidende war für sie der Beschluß des Demonstrationskomitees: daß jede ihnen angeschlossene Vereinigung für jede branch 5 sh. für allgemeine Ausgaben zahlen sollte. Folglich hätte die Social Democratic Federation entweder je 5 sh. für die vielen Scheinsektionen, von denen sie in ihrem Moniteur spricht, zahlen oder zugeben müssen, daß sie Schwindel wären. Und das entschied ihren endgültigen Rückzug.

Man hat sie fühlen lassen, welche Position sie in Wahrheit einnehmen, nämlich die gleiche wie die Deutschen der Socialistic Labor Party in Amerika, die einer Sekte. Und eben das ist ihre Position, obgleich sie echte Engländer sind. Es ist sehr charakteristisch für die angelsächsische Rasse und ihre besondere Art der Entwicklung, daß sowohl hier wie in Amerika diejenigen, die mehr oder weniger die korrekte Theorie im Hinblick auf ihre dogmatische Seite besitzen, zur bloßen Sekte werden, weil sie diese lebendige Theorie der Aktion, der Arbeit mit der Arbeiterklasse in jedem möglichen Stadium ihrer Entwicklung nur begreifen können als eine Sammlung von Dogmen, die auswendig zu lernen und aufzusagen sind wie eine Beschwörungsformel oder ein katholisches Gebet. Deshalb geht die wirkliche Bewegung außerhalb der Sekte weiter und wendet sich mehr und mehr von ihr ab. Die Canning Town branch der Federation hält trotz Hyndman zu Edward und Tussy und geht mit unseren Leuten, und das ist ihre stärkste branch. Seit dem Dockerstreik hatte die Social Democratic Federation einige Zeit lang aus dem allgemeinen Aufschwung der sozialistischen Bewegung profitiert, aber das ist jetzt vorbei; sie ist hinter dem Gelde her für ihre neue Halle in the Strand, und der Verfall hat wieder eingesetzt. Und da ihre Freunde und Verbündeten, die Possibilisten, einander auffressen, so schnell sie können, können sie sich nicht einmal ihrer großen ausländischen Verbindungen rühmen.

Sam Moore war sehr beeindruckt von dem großen Fortschritt, der hier in den 2 Jahren seiner Abwesenheit erzielt worden ist. Er fühlt sich übrigens sehr wohl, ihm gefällt das Klima und das leichte Leben erstaunlich gut, und er wird, dessen bin ich beinahe sicher, nach einer Weile Heimweh nach Afrika bekommen.

Ich sah Cunninghame-Graham auf unserer Tribüne (Nr. 6, Edwards, siehe „Chronicle), doch er konnte mir nicht viel mehr über Paris erzählen als in Pauls Brief vom Freitag nachmittag stand. Nach allem hoffe ich, daß die Demonstration des Komitees am Abend kein Mißerfolg war, wie es nach Grahams Worten die Demonstration der Broussisten war. Wenn wir nicht zusammenarbeiten können, so haben wir doch alle ein Interesse daran, soviel von einer Demonstration zu haben wie möglich.

Geschehene Dinge sind nicht mehr zu ändern, aber ich kann mir nicht helfen, ich glaube, unsere Freunde begingen dank dem üblichen Hang der Franzosen, die Stärke der entsprechenden Kräfte falsch einzuschätzen, einen kleinen Fehler. Manchmal eine sehr heroische Neigung, „mais ce n’est pas la guerre3. Schließlich wollten wir wie gewöhnlich mit den Blanquisten zusammenarbeiten, und sie waren nicht durch die Resolutionen von Calais und Lille gebunden. Diese Resolutionen konnten nur unsere Leute binden; die Blanquisten hätten ebenfalls Resolutionen über den 1. Mai annehmen und dann sagen können, sie wären durch sie gebunden. Warum also im voraus allein und ohne unsere einzigen Verbündeten entscheiden, wie die Demonstration in Paris durchzuführen sei, wo wir gegenwärtig unzweifelhaft in der Minderheit sind? Warum unsere einzigen Verbündeten so froisser4? Wozu sie noch mehr froisser durch den Plan, Delegationen zu den mairies5 zu entsenden und alle élus6 aufzufordern, die Delegierten dort zu treffen? Ein Plan, den sie sicher sofort zurückweisen würden? Ich bin absolut nicht erstaunt, daß sie daraufhin den Allemanisten in die Hände fielen. Wenigstens ist das die Meinung, die ich mir anhand der Informationen gebildet habe; es mag noch eine andere Seite der Angelegenheit geben, doch die kenne ich nicht.7

Wir haben heute sehr wenig Nachrichten aus Deutschland. Hamburg hatte eine glänzende Demonstration, 80 000 laut „Daily Telegraph“. Von Berlin sehr wenig Neues; Wolff, der Havas von Berlin, hat Anweisungen von der Regierung, alles totzuschweigen, und die Londoner Korrespondenten stehen alle unter dem Einfluß der Freisinnigen und machen es ebenso.8

Als wir gestern abend nach Hause kamen, beendeten wir den Tag mit einer Maibowle, wozu Percy uns das Maikraut9 aus Ryde geschickt hatte. Wir haben 4 Flaschen Mosel, 2 Flaschen Rotwein und 1 Flasche Champagner hineingetan und sie ausgetrunken – wir, die Bernsteins und die Tussys10. Spät am Abend kam Cunninghame-Graham und hat tatsächlich zwei oder drei Gläser davon getrunken – er scheint seine Abstinenz in Tanger gelassen zu haben. Es ist ein leichter, aber ganz angenehmer Kater vorhanden, der heute morgen durch eine Flasche Pilsener in angemessenen Grenzen gehalten wird.

Warum ist Paul nicht gekommen? Graham sagt, er sei zu müde gewesen – sein Name stand auf der Rednerliste für Tribüne 8, mit Jack Burns.

Viele Grüße von Louise.

Dein alter11
F. E.

Aus dem Englischen.