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Engels an Laura Lafargue
in Le Perreux

London, 30. März 1891

Meine liebe Laura,

Vielen herzlichen Dank für Dein freundliches Anerbieten, Ravé durchzusehn, qui en sera ravi1 – aber ich fürchte, Du wirst nicht ravie sein. Ich habe mir eine Probe anfertigen lassen – zwei Abschnitte aus dem letzten Kapitel, S. 121 und 140 –, die ich durchgesehen habe und Dir nun mit meinen Bemerkungen und vorgeschlagenen Änderungen überlasse. Sieh sie Dir bitte an, und dann entscheide selbst, ob Du die Arbeit übernehmen willst. Wie alle professionellen Übersetzer ist er der Sklave des Originals und vergißt, daß man einen Satz, der aus dem Französischen ins Deutsche, und vice versa, übersetzt werden soll, völlig umstülpen muß. Überdies versteht er nicht die Nuancen, die in zahlreichen deutschen Synonymen zum Ausdruck kommen; er weiß, welchen Geschlechts ein Wort ist, er kennt jedoch nicht seine besondere Bedeutung und noch weniger seine Mannigfaltigkeit. Aber in dieser Beziehung, fürchte ich, versagen die meisten Übersetzer.

Ich werde an R[avé] schreiben, daß ich das Ms. Monsieur Lafargue geschickt habe (den er als Bearbeiter vorschlägt) und daß ich ihm keinen definitiven Bescheid geben kann, bis dieser mir geschrieben hat. Da er Paul erwähnte, hielt ich es für das beste, Dich im gegenwärtigen Stadium nicht in die Angelegenheit hineinzuziehen.

Heute abend kommt Jollymeier endlich. Weihnachten hatte er eine Erkältung und scheint sie bis jetzt noch nicht los zu sein. Er wollte vergangenen Donnerstag2 kommen, doch seine Erkältung verschlimmerte sich, und da das Wetter schlecht war, schob er sein Kommen von Tag zu Tag hinaus. Gestern war es schön und warm, aber er ließ sich nicht blicken; heute schreibt er endlich und kündigt seine Ankunft für heute abend „aber sicher“3 an. Seine Taubheit scheint ihn sehr zu quälen.

Sam kam letzten Donnerstag in Liverpool an und ist bei seinen Eltern in Rumford, er wird gegen Ende dieser oder Anfang nächster Woche hier eintreffen. Er hat sich nach seiner Ankunft von Gumpert gründlich untersuchen lassen, der ihn für vollkommen gesund hält, bis auf eine geringe Vergrößerung seiner Milz, die er bald zu kurieren hofft.

Pumps und Percy wohnen augenblicklich bei den alten Roshers; sie haben ihr Haus aufgegeben und die Möbel untergestellt bis zu ihrem Umzug nach Ryde, Isle of Wight, wohin Percy diese Woche mit seinen Brüdern gehen wird, um die geschäftlichen Anordnungen für die neue Agentur für Roshers Zement, Kunststein und Bau- und Gartenbaumaterialien allgemein zu treffen. Danach wird er Pumps holen, mit ihr ein Haus suchen, und dann wird der Umzug losgehen. Ich hoffe, daß Percy endlich lernt, seinen Lebensunterhalt selbst zu verdienen; sie haben mich ein schönes Stück Geld gekostet, und das Schlimmste dabei ist, daß die Partei absolut nichts davon hat. Natürlich werde ich sie noch ein oder zwei Jahre unterstützen müssen, bis man annehmen kann, daß das neue Geschäft sich auszuzahlen beginnt.

Annie hat uns verlassen und wird diese Woche heiraten. Wir haben zwei Mädchen eingestellt, da ich möchte, daß mir Louise bei meiner Arbeit hilft und ihre Zeit nicht in der Küche vertrödelt. Es war verteufelt schwer, Mädchen zu bekommen, aber ich glaube, wir haben Glück gehabt; bisher – es ist die erste Woche – sind wir zufrieden. Es sind zwei Mädchen, die zusammen gearbeitet haben und gerne wieder auf einer Stelle zusammenarbeiten möchten.

Die Maidemonstration wird für die Social Democratic Federation und Hyndman ein schwerer Schlag werden. Durch ihre Überschlauheit, den Trades Council gegen die Legal Eight Hours League auszuspielen, haben sie sich zwischen zwei Stühle gesetzt; sie haben ganz vergessen, daß der Trades Council dieses Jahr eine ganz andere Mehrheit hat als im vergangenen Jahr.4 Sie forderten wieder zwei Tribünen für sich, werden sie aber nicht bekommen, da sie weder im Trades Council noch im Legal Eight Hours Committee vertreten sind (sie haben oben drei Delegierte geschickt, diese blieben jedoch bald weg, und ihre Namen wurden deshalb aus der Liste gestrichen). Überdies geht Edward jetzt als Antwort auf die verleumderischen Angriffe Hyndmans zur Offensive über und wird die Angelegenheit vor die East End branch der Social Democratic Federation bringen. Jedenfalls scheint H[yndman] bereits Angst zu bekommen.

Bernstein sagt, er habe in „La Justice“ gelesen, daß die Broussisten beim 1. Mai-Komitee in Paris ihre Aufnahme beantragt hätten, die Blanquisten und Allemanisten dagegen gewesen seien, sie aber auf Guesdes Vorschlag mit einer Mehrheit von 5 Stimmen aufgenommen worden wären. Kannst Du mir irgendwelche Einzelheiten mitteilen? die diese Information widerlegen oder bestätigen? Ich höre jetzt absolut nichts über Brousse und Co., liegen sie nur auf der Lauer, oder sind sie so vollständig erledigt, daß sie sich nicht zu rühren wagen? Ich möchte in dieser Angelegenheit gern ständig au courant5 sein, weil der Brüsseler Kongreß sehr wahrscheinlich eine Änderung der Beziehungen der Social Democratic Federation und der Possibilisten zu den Deutschen nach sich ziehen wird. Wenn diese beiden Intrigantengruppen nach Brüssel gehen und dort öffentlich auf ihre Ansprüche verzichten, die Parteien in England und Frankreich zu sein, die als einzige anerkannt werden müssen, dann werden die Deutschen es nicht ablehnen können, mit ihnen Verbindung aufzunehmen. Und bei L[ieb]k[necht]s gegenwärtigem Verhalten würde ich mich nicht wundern, wenn er versuchte, die Possibilisten gegen Euch auszuspielen und die Social Democratic Federation gegen uns hier, um Euch und uns ihm gegenüber nachgiebiger zu machen. Ich weiß nicht, ob Du den „Vorwärts“ liest, doch wir ärgern uns hier alle sehr über ihn. Niemals hatte eine große Partei eine so miserable Zeitung. Jedenfalls habe ich gerade jetzt, um vor Eventualitäten geschützt zu sein, ein besonderes Interesse an den Taten, Äußerungen und der Haltung von Brousse und Co.

Herzliche Grüße von Louise.

Immer Dein
F. E.

Wird Paul mal einen Sprung übers Wasser machen, wenn er in Calais ist?

Aus dem Englischen.