London, 3. Febr. 1891
Lieber Kautsky,
Du glaubst, wir würden hier mit Briefen bombardiert wegen des Marx-Artikels – ganz im Gegenteil, wir hören und sehen nichts.
Als Samstag1 keine „N[eue] Z[eit]" kam, dachte ich gleich, es sei wieder etwas los. Sonntag kam Ede und teilte mir Deinen Brief mit. Ich dachte nun, der Unterdrückungsstreich sei doch noch gelungen. Endlich kam Montag die Nummer, und nach einiger Zeit entdeckte ich auch den Abdruck im „Vorwärts".
Da die sozialistengesetzliche Maßregelung mißraten, war dieser kühne Sprung das Beste, was die Leute tun konnten. Er hat aber außerdem das Gute, daß er ein gut Stück der schwer überbrückbaren Kluft ausfüllt, von der August im ersten Schrecken spricht. Dieser Schrecken war jedenfalls wesentlich begründet auf die Erwägung: was werden die Gegner daraus machen? Indem man das Ding im amtlichen Organ abdruckt, schneidet man der gegnerischen Ausbeutung die Spitze ab und stellt sich in Positur, sagen zu können: seht, wie wir uns selbst kritisieren – wir sind die einzige Partei, die sich das erlauben kann; macht uns das einmal nach! Und das ist auch der richtige Standpunkt, den die Leute hätten von vornherein einnehmen sollen.
Eine Maßregelung gegen Dich wird damit auch schwer in Szene zu setzen. Meine Bitte, das Ding eventuell an Adler zu schicken2, sollte einerseits auf Dietz drücken, andererseits aber auch Deine Verantwortlichkeit decken, indem ich Dich gewissermaßen in eine Zwangslage setzte. Ich schrieb auch an August, daß ich die ganze Verantwortlichkeit auf mich allein nähme.
Fällt sonst noch Verantwortlichkeit auf jemand, dann auf Dietz. Er weiß, daß ich mich in solchen Dingen ihm gegenüber stets sehr coulant benommen. Ich habe nicht nur alle seine Milderungswünsche erfüllt, sondern noch darüber hinaus gemildert. Hätte er mehr angestrichen, so wäre das auch berücksichtigt worden. Aber woran Dietz keinen Anstoß nahm, warum sollte ich das nicht passieren lassen?
Im übrigen werden die meisten außer L[iebknecht] nach dem ersten Schrecken mir dankbar sein, daß ich das Ding veröffentlicht. Es macht jede Halbheit und Phrasenhaftigkeit im nächsten Programm unmöglich und liefert unwiderstehliche Argumente, die die meisten von ihnen vielleicht kaum den Mut gehabt hätten, aus eigner Initiative vorzubringen. Daß sie das schlechte Programm unter dem Sozialistengesetz nicht änderten, weil sie nicht konnten, ist kein Vorwurf. Und jetzt haben sie's ja selbst aufgegeben. Und daß sie vor 15 Jahren bei der Einigung sich tölpelhaft benommen und sich von Hasselmann etc. über den Löffel barbieren lassen, das können sie jetzt wahrhaftig ungeniert eingestehn. Jedenfalls sind die 3 Bestandteile des Programms: 1. spezifischer Lassallianismus, 2. volksparteiliche Vulgärdemokratie, 3. Unsinn, dadurch nicht besser geworden, daß sie 15 Jahre lang als offizielles Parteiprogramm im Essig gelegen, und wenn man das heute nicht offen heraussagen darf, wann denn?
Wenn Du was Neues hörst, laß es uns bitte wissen. Viele Grüße.
Dein
F. E.