Lieber S[orge],
Deine Briefe bis zum 9. cr. erhalten. Meine Briefe benutze nach Gutdünken. Daß Du Dich bei Schl[üter] wegen der Honorarfrage1 erkundigt und die Sache in Ordnung, ist mir lieb. Für deutsche Verhältnisse ist das Gebotene sehr anständig. Der Sch[oenlan]k übrigens, der jenes schrieb, ist ein sehr verbummeltes Subjekt, der sich in der Tat nicht geniert, jede Gelegenheit zu benutzen, um Geld aus der Partei zu pressen. Beim Haller Kongreß hat er davon wieder Beweis geliefert.
Ich bin sehr überarbeitet, daher diese bloße Karte heute. Ich habe Herrn Brentano vor, und der muß „reinlich und zweifelsohne“ abgeführt werden.
Louise K[autsky] hat sich entschlossen, ganz bei mir zu bleiben. Ich bin natürlich hocherfreut und dem guten Kind von Herzen dankbar. Sie opfert mir viel, doch bin ich glücklicherweise imstande, ihr auch wieder manches zu bieten, das sie in Wien nicht haben konnte. Außer der Haushaltung führt sie mir auch ein gut Stück Sekretariat – grade was ich brauchte. Du siehst also, vorderhand kann ich auf Eure freundliche Einladung zur Übersiedlung nach Hoboken noch nicht eingehn, ich miete eben mein Haus auf neue drei Jahre2.
Ich hoffe, Deine Frau ist bei Ankunft ds. wieder ganz wohl. Schorl[emmer] kann auch diese Weihnachten wegen hartnäckigen Ohrenkatarrhs nicht kommen, um nicht taub zu werden. Also nächstens mehr. Vergnügte Feiertage.
Dein alter
F. E.
[London] 20./12./90