London, 29. Okt. 89
Meine liebe Laura,
Ich muß Dir eine feierliche Danksagung für die neue, von Edward geschickte Sendung Birnen übermitteln, die zum großen Teil am Sonntag zum Portwein verzehrt worden sind. Sie waren ausgezeichnet, und was übriggeblieben ist, wird bis nächsten Sonntag gereift sein.
Außerdem wurde auch die Legende von der Weihnachtsreise durch Edward geklärt1 – es war der kleine Marcel2, der in Longuets Hirn das Mißverständnis verursacht hat. Wie dem auch sei, wann immer Du zu kommen bereit bist, wir werden zu Deinem Empfang gerüstet sein.
Ich muß mich ziemlich unklar ausgedrückt haben über die bevorstehende Herrschaft der französischen Bourgeoisie als Klasse.3 Ich meinte, daß zunächst4 die Masse der Royalisten und Bonapartisten – allmählich – in die Reihen der gemäßigten Republikaner hinüberwechselt und wie im Jahre 1851, als die Mehrzahl der Republikaner und Royalisten zu Bonaparte überlief, diejenigen Führer aufgibt, die an ihren überholten Parteilosungen festhalten. Das würde eine Stärkung der gemäßigten Republikaner bedeuten (wenn auch nicht unbedingt der Spekulantenclique der Ferryisten oder der Léon Sayisten), andererseits gleichzeitig die Macht der alten Losung: la république en danger5 ein für allemal beenden. Dann, und nur dann können die Radikalen auftreten als „Ihrer Majestät, der Republik, getreueste Opposition", und dann habt Ihr die realen Bedingungen für die Herrschaft der gesamten Bourgeoisklasse, für den Parlamentarismus in voller Blüte: zwei Parteien, die um die Majorität kämpfen und abwechselnd die Rolle der Ins and Outs spielen, der Regierung und der Opposition. Hier in England haben wir die Herrschaft der gesamten Bourgeoisklasse; doch das bedeutet nicht, daß Konservative und Radikale sich vereinigen, im Gegenteil, sie lösen sich gegenseitig ab. Wenn die Dinge ihren langsamen, klassischen Verlauf nähmen, dann würde sie schließlich das Aufkommen der proletarischen Partei zweifellos dazu zwingen, sich gegen diese neue und unparlamentarische Opposition zu vereinigen. Doch das wird kaum geschehen, denn es wird eine stürmische Beschleunigung der Entwicklung geben.
Der Fortschritt besteht meiner Meinung nach in dem Umstand, daß ein Kampf gegen die Republik aussichtslos geworden ist, in dem folgerichtigen allmählichen Aussterben aller antirepublikanischen Parteien, was bedeutet, daß sich alle Gruppen der Bourgeoisie an der Regierung beteiligen – als Regierung oder als Opposition, wobei gegenwärtig die Regierung von den verstärkten Gemäßigten und die Opposition von den Radikalen gebildet werden. Eine Wahl kann nicht alles auf einmal lösen; wollen wir zufrieden sein, daß diese eine den Boden geebnet hat.
Über die Niederlage der Sozialisten sind wir völlig einer Meinung. Nur daß ich sie erwartet habe – und eine weitaus schlimmere – und daß unsere Pariser Freunde Wunder erwarteten, die natürlich nicht eintrafen. Ich bin mit dem Ergebnis – unter den jetzigen Umständen – völlig zufrieden. Daß wir sechs oder sieben Leute hineinbekommen haben, gegen die Cadettisten oder gegen die Boulangisten, und ungefähr 120000 Stimmen, ist mehr, als ich erwartet habe.
Hinsichtlich der Politik gegenüber den Kerlen, die unter Boulangers Flagge hineingekommen sind, bin ich eher der Auffassung Vaillants und Guesdes als der Pauls. Wenn Ihr die Boulangisten aufnehmt, müßt Ihr auch die Cadettisten – Joffrin und Dumay – aufnehmen. Und überdies, nachdem sich die Boulanger-Blanquisten so unverschämt gegen Vaillant in seiner circonscription6 benommen und ihn zu Fall gebracht haben, sollten wir, meine ich, mit ihnen nichts zu tun haben. Außerdem haben wir kein Interesse daran, die sich in Auflösung befindliche blanquistische Fraktion als solche wiederherzustellen. Wir wissen, welche besonders „reinen" Elemente sie immer enthielt. Granger ist ein schwachsinniger chauvin7, daß wir den losgeworden sind, scheint mir ein Segen. Was Jourde betrifft (der mir derjenige zu sein scheint, nach dem sich Paul eigentlich sehnt), so kann man ihn vielleicht veranlassen, später hineinzurutschen, wenn er vaut la peine, ce que j'ignore8, und wenn er vollständig mit den Boulangisten bricht. Aber darin besteht kein Zweifel, Pauls frühere boulangistische Sympathien haben uns ungeheuer viel Schaden zugefügt und werden jetzt von Liebknecht ausgenutzt, der sie mir vor die Nase hält.
Wie die Dinge stehen, wird die neue sozialistische Fraktion schwer zu führen sein, und je weniger ihre Zahl durch zweifelhafte (noch zweifelhafte) Elemente vergrößert wird, um so besser. Besonders da Guesde nicht gewählt wurde. Wenn sich herausstellt, daß es gut geht, könnten Neuaufnahmen obiger Art weniger schaden und deshalb erwogen werden; und dann sollten die Neulinge öffentlich Buße tun, andernfalls würde die französische Partei vor den Deutschen, Schweizern, Holländern und sogar Belgiern als korrupt erscheinen. Welcher Triumph wäre es für die Possibilisten, wenn sie auf ausgesprochene Boulangisten in unseren Reihen weisen könnten! Und wie schwierig würde es dann für mich sein, den Deutschen Verständnis beizubringen für die Handlungen unserer französischen Partei!
Nun eine andere Sache. Percy ist vollständig bankrott. Um die Zwangsvollstreckung in ihrem Haus zu vermeiden, haben sie es abgeschlossen und sind alle hier. Verhandlungen werden mit seinem Vater und seinen Brüdern geführt, um den offenen Bankrott zu vermeiden, doch wie das enden wird, kann niemand sagen; und wenn nicht irgend etwas geschieht, wird er selbst noch in dieser Woche den Bankrott erklären müssen. Der alte Rosher ist halb idiotisch, hat seine Angelegenheiten unwiderruflich durcheinandergebracht, hat sein Geschäft den zwei jüngeren Söhnen übergeben und sagt, daß er selber ohne Geld oder Kredit sei (er hat den Ruin des letzteren fast absichtlich herbeigeführt). Ich hatte vor einigen Tagen eine Unterredung mit seiner Mutter – es ist insgesamt ein schreckliches Durcheinander. Wie immer es auch enden mag, es wird mich bestimmt eine Menge Geld kosten.
Kautsky ist noch nicht hier.
Großes Wehklagen bei allen hier, als sie hörten, daß Diane weggelaufen ist oder gestohlen wurde.
Herzliche Grüße von Nim und herzlichst Dein
F. Engels
Aus dem Englischen.