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Engels an Friedrich Adolph Sorge
in Hoboken

London, 8. Juni 89

Lieber Sorge,

Es tut mir fast leid, daß Du die Wisch[newetzkys] ernsthaft genug genommen hast, um mit ihnen zu brechen. Ich ließ ihnen gern die Genugtuung, mir durch sein Wegbleiben ihr allerhöchstes Mißfallen zu bezeugen; indes muß ich doch annehmen, daß er Dich durch ungehobeltes Benehmen Dir gegenüber dazu gezwungen.

Die Stimmung über den Kongreß, in der Dein Brief geschrieben, hat mich auch von Mitte März bis fast Mitte Mai beherrscht. Wunderbarerweise ist alles jetzt gerettet, wie Dir das gesandte zweite Berufungszirkular mit den Unterschriften von fast ganz Europa gezeigt hat (vervollständigt im Anhang zu Bernstein Nr. II, heute gesandt).

Die erste Broschüre, gezeichnet Bernstein, war von mir redigiert wie alles, was englisch in der Sache erschienen. Was Du daran zu tadeln finden kannst, war von hiesigem Standpunkt notwendig. Namentlich die Aufklärungen über die Possibilisten, die Dir als Angriffe erscheinen. Am allernotwendigsten aber war die Veröffentlichung der Haager Beschlüsse, die die weisen Leute in Haag beschlossen hatten, geheimzuhalten, und zwar in infinitum. Glücklicherweise wußte hier und in Paris niemand von diesem gescheuten Beschluß, und so legten wir los, da die Possibilisten und ihre hiesigen Anhänger grade auf diesen Beschlüssen tagtäglich herumritten, die größten Lügen darüber erzählten usw.

Natürlich mußte nun, nachdem die Possibilisten abgelehnt, rasch gehandelt werden. Aber die Belgier, die ja mit den Schweizern den Kongreß einberufen sollten, rührten sich nicht – sie wollten die Sache bis zu ihrem Kongreß, Ostern in Jolimont, verschleppen und sich hinter den dort zu fassenden Beschlüssen verschanzen. Und von den Schweizern war Scherrer auch a bissel faul, unter dem Vorwand, mit L[ie]bk[necht]s Einwilligung die Masse der Possibilisten „über die Köpfe von Brousse und Co. weg“ zum Übertritt auf unsre Seite zu verführen!! L[ie]bk[necht] aber hielt Festreden in der Schweiz, und Bebel kannte das Terrain viel zu wenig, um in seiner Abwesenheit selbständig vorzugehn.

Der eigentliche Kampfplatz war hier. Bernsteins Broschüre Nr. I hatte wie das Donnerwetter hier eingeschlagen. Die Leute sahen, daß sie von Hyndman & Co. schmählich angelogen worden. Wurde unser Kongreß sofort einberufen, so hatten wir sie alle, und Hyndman und Brousse waren allein. Die hiesigen Unzufriednen der Trades Unions wandten sich an uns, an die Deutschen, Holländer, Belgier, Dänen. Aber von keinem erhielten sie Auskunft über unsern Kongreß, wann, wo und wie. Für sie aber war Beschickung eines Kongresses, einerlei welches, als Opposition gegen Broadhurst, Shipton & Co. die Hauptsache, und da entschieden sie sich für den, der berufen war.

So verloren wir hier Terrain Schritt vor Schritt, auch unser foot hold1 in der hiesigen radikalen Presse wankte stark, und zuletzt kam noch der belgische Kongreßbeschluß: beide Kongresse mit je einem Delegierten zu beschicken. Und selbst in der deutschen Parteipresse traten Auer und Schippel dafür auf, man müsse zu den Possibilisten gehn, schon um zu beweisen, daß man nicht franzosenfeindlich-chauvinistisch sei. Kurz, ich gab die Sache verloren, wenigstens für England.

Ich schrieb aber gleich an die Franzosen2 (die von vornherein darauf bestanden, der Kongreß müsse am 14./21. Juli neben dem possibilistischen gehalten werden, sonst sei er nicht der Mühe wert), der belgische Beschluß gebe ihnen ihre Freiheit wieder, und sie sollten jetzt den Kongreß auf diese Zeit sofort berufen. Und Monsieur Liebk[necht], dem die Artikel von Auer und Schippel das Feuer unter dem eignen Arsch angezündet, fand jetzt plötzlich, daß er lange genug die Sache verschleppt und daß jetzt rasch gehandelt werden müsse – er gab den Franzosen denselben Rat3. Die Berufung erfolgte – die Wirkung war über alle Erwartung gut, die Adhäsionen4 strömten zu und kommen noch immer. Und selbst hier haben wir mehr als einen succès d'estime5, und die Veröffentlichung der Unterschriften wirkt hier noch nach. Selbst hier haben wir alles, was außerhalb der (sehr heruntergekommenen) Social Democratic Federation steht, und moralisch einen Teil von dem, was noch in ihr steht. Denn John Burns, der sozialistische County Councillor von London, wird sich mit der ganzen Battersea Branch wahrscheinlich lossagen oder hat es schon getan. Er und Parnell (der auf unsrem Zirkular gezeichnet) sind als Delegierte zum Possibilistenkongreß schon gewählt und werden dort für uns wirken.

Die Possibilisten haben außer der Social Democratic Federation keine einzige sozialistische Organisation in ganz Europa. Sie fallen daher auf die nichtsozialistischen Trades Unions zurück und gäben die Welt darum, könnten sie selbst die alten Trades Unions hier haben, Broadhurst und Konsorten, aber die hatten im November hier in London genug. Von Amerika erhalten sie einen Knight of Labor.

Die Hauptsache dabei ist – und war für mich der Grund, mich so ins Zeug zu legen –, daß es wieder der alte Riß durch die Internationale ist, der hier zutage tritt, der alte Kampf vom Haag. Die Gegner sind dieselben, nur daß die anarchistische Flagge mit der possibilistischen vertauscht ist: Verkauf des Prinzips an die Bourgeoisie gegen Konzessionen im Detail und namentlich gegen gutbezahlte Posten für die Führer (Stadtrat, Arbeitsbörse etc.). Und die Taktik ist ganz dieselbe. Das Manifest der Social Democratic Federation, das offenbar von Brousse geschrieben, ist eine neue Auflage des Zirkulars von Sonvillier. Und Brousse weiß es auch: Er greift le Marxisme autoritaire noch immer mit denselben Lügen und Verleumdungen an, und Hyndman macht es ihm nach – seine Hauptquellen über die Internationale und über die politische Tätigkeit von Marx sind die hiesigen Malkontenten des Generalrats, Eccarius, Jung & Co.

Die Allianz der Possibilisten und der Social Democratic Federation sollte den Kern der neuen Internationale bilden, die in Paris gegründet werden sollte: mit den Deutschen, wenn sie sich einfügten als Dritte im Bund, sonst gegen sie. Daher die vielen kleinen, stets wachsenden Kongresse nacheinander, daher die Ausschließlichkeit, womit die Alliierten alle andern französischen und englischen Richtungen als nicht existierend behandelten, daher die Klüngelei namentlich mit den kleinen Natiönchen, auf die auch Bakunin sich stützte. Diesem Treiben wurde aber unheimlich, als die Deutschen mit dem St. Galler Beschluß ganz naiv – in absoluter Unwissenheit über das, was draußen vorging – auch in die Kongreßbewegung eintraten. Und da die Leutchen lieber gegen als mit den Deutschen gingen – die galten doch als gar zu vermarxt –, wurde der Kampf unvermeidlich. Aber von der Naivität der Deutschen hast Du keinen Begriff. Es hat mich unendliche Mühe gekostet, selbst Bebel beizubringen, um was es sich eigentlich handelt, obwohl die Possibilisten es sehr gut wissen und täglich proklamieren. Und bei allen diesen Irrungen hatte ich wenig Hoffnung, daß es gut gehn, daß die immanente Vernunft, die sich in dieser Geschichte allmählich zum Bewußtsein ihrer selbst entwickelt, schon jetzt siegen werde. Um so mehr freut mich der Beweis, daß doch heute solche Dinge wie 1873 und 74 nicht mehr möglich sind. Die Intriganten sind schon jetzt geschlagen, und die Bedeutung des Kongresses – ob er den andern an sich zieht oder nicht – besteht darin, daß die Einhelligkeit der sozialistischen Parteien Europas vor aller Welt dargelegt wird und die paar Klüngler, wenn sie sich nicht fügen, draußen im Kalten bleiben.

Sonst hat der Kongreß wenig zu bedeuten. Ich gehe natürlich nicht hin, ich kann mich dauernd nicht wieder in die Agitation stürzen. Aber die Leute wollen nun einmal wieder Kongresse spielen, und da ist es besser, diese werden nicht von Brousse und Hyndman dirigiert. Es war grade noch Zeit, ihnen das Handwerk zu legen.

Auf die Wirkung von Bernstein Nr. II bin ich neugierig. Hoffentlich ist's das letzte Aktenstück in der Sache.

Im übrigen geht's hier so so. Ich habe das Rauchen drangeben müssen wegen Nervenwirkung, kostet merkwürdig wenig Überwindung, rauche alle 2–3 Tage noch den Inhalt einer Drittelzigarette, denke aber, nächstes Jahr doch wieder anzufangen. Sam Moore geht als Oberrichter ins Nigergebiet nach Afrika. Nächsten Samstag ab von Liverpool, kommt in 18 Monaten auf 1/2 Jahr zurück, wird dort III. Band6 übersetzen. Herzliche Grüße an Deine Frau.

Dein
F. Engels