London, 9. April 87
Lieber Sorge,
Ich schrieb Dir am 6. und erhielt Deinen Brief vom 29. März. Besten Dank für Deine Bemühung re Jonas. Ich denke, sie werden fruchten.
Die Exekutive will also antworten. Das wird neue Unterschlagung von Tatsachen geben. Aber dieser Entschluß zu antworten, beweist selbst, wie albern und gemein es war, von den Sektionen ein Urteil bloß auf ihre ersten Behauptungen hin erschleichen zu wollen. Erst sollen die Sektionen entscheiden. Dann, noch ehe der ihnen gesetzte Termin abgelaufen, fleht die Exekutive die Aufsichtsbehörde um ein Urteil an. Und jetzt gesteht sie selbst zu, daß weitere Aufklärungen nötig sind, die entschieden werden kann!
Jedenfalls haben die Herren sich kaputtgemacht. Und wenn die Wischnewetzkys, die sich in der ganzen Sache vielmehr als Waschlapskis benommen, dahin getrieben worden sind, sie als Lügner etc. zu bezeichnen, so muß es arg gekommen sein. Schon, daß die W[ischnewetzky] sich entschlossen hat, Dir meinen Brief1 zu zeigen, beweist, in welcher Klemme diese zwei Leute sind. Ich war allerdings so „human“, die Exekutive bereits vor einem Jahr als richtige deutsche Knoten zu beurteilen.
Lieb ist's mir insofern, als ich jetzt der Drängeleien der Frau W[ischnewetzky] wegen Übersetzungen überhoben zu sein hoffe. Erstens übersetzt sie fabrikmäßig, mir die eigentliche Arbeit überlassend, zweitens hat sie die Herausgabe2 in elender Weise verbummeln und diesen Knoten in die Hände spielen lassen.3 So sind wir jetzt nicht mehr gestellt, daß wir mit unsern Manuskripten betteln zu gehn brauchen. Und jetzt, nachdem ich ihr noch nachträglich eine Vorrede4 geschrieben, hapert's offenbar, grade weil diese Vorrede nicht nach dem Geschmack der Exekutive ist!
Auch von Springfield Massachusetts haben A[veling]s sympathische Zuschriften und Sektionsbeschlüsse erhalten; andre werden wahrscheinlich dieser Tage aus dem Westen eintreffen.
Die Schweizer Regierung scheint – nach englischen konservativen Berichten – Maßregeln gegen den Züricher „Soz[ial]dem[okrat]" vorzubereiten. Das hab' ich erwartet, seit das Kriegsgeschrei anfing; wenn die Schweizer Neutralität in Gefahr kommt, wird der Schweizer hundsgemein. Indes kann's noch vorüberblasen.
Dagegen sieht alles so aus, als ob die letzten 2 Attentate in Rußland dem Faß den Boden ausgeschlagen hätten. Der Glaube an die Regierung war schon lange futsch, jetzt auch der Glaube an den Zar. Die Armee ist voll malkontenter konspirierender Offiziere. Die Panslawisten wollen den Halbbruder des jetzigen, den ältesten Sohn Alex[anders] II. und der Dolgoruki5, auf den Thron setzen. Und die Polizei ist gegen die Nihilisten ohnmächtig. Nach der „Frankf[urter] Ztg." sind 482 Offiziere von Moskau über Odessa nach der Strafkolonie auf Sachalin im Pazifik verschickt worden. Ich glaube nicht, daß es noch dies Jahr vorhält, wenn nicht ein Krieg Auswege schafft, aber auch der dürfte zu spät kommen. Und wenn es erst in Rußland losgeht, dann Hurra!
Avelings Kampagne hier unter den radikalen Klubs im Ostend geht gut voran. Die amerikanischen relativen Wahlerfolge jetzt wieder in Chicago und Cincinnati helfen ihm da sehr – der John Bull will sich nicht von jenen überflügeln lassen, es ist der einzige fremde Einfluß, der hier zieht. Übermorgen beim großen Anti-Coercion-Meeting6 im Hyde Park wird Aveling von 2 und Tussy von einer der 15 Plattformen sprechen. Es verspricht eins der großen Meetings zu werden, wodurch die Londoner Arbeiter einen Wendepunkt in der englischen Politik zur Erscheinung bringen. Übrigens sind auch die deutschen Wahlen hier nicht ohne Effekt geblieben.
Ziehst Du schon nach Rochester oder wohin?
Dein
F. Engels