London, 11. Juli 1884
Lieber Kautsky,
Hoffentlich kommt Ede an der Fiebergeschichte noch vorbei, grüß ihn von mir, ich will auch auf seine Gesundheit was trinken.
Daß die Hamburger Sache an Auer gegeben, ist mir ganz recht. Ich gab Bebel und Dietz nur an, weil ich dem Mann doch sagen mußte, wem ich seinen Namen nennen wollte; es versteht sich, daß das keineswegs hindert, daß Ihr freie Hand habt.
Die Sache mit Dietz wird langweilig. Wenn er nicht ja oder nein sagt, so kann man nicht länger auf ihn warten. Woran mir liegt, ist, daß das Ding1 erscheint und 2. daß es nicht gleich massenhaft konfisziert wird. Also zwei Dinge, die nur in der Schweiz zusammen zu haben sind. Auf Druck in Östreich wäre nur im Notfall einzugehn; 1. kostet das neuen Aufschub und Verhandlungen, und 2. wird das Ding doch verboten, darüber braucht Ihr Euch keine Illusionen zu machen2; und 3. kann es in Östreich nicht nur auch verboten, sondern sogar abgefaßt werden (erinnere Dich an die Wiener Geschichte, die Du mir vorigen Herbst erzähltest). Also kommt mal endlich zu etwas Positivem.
In der „N[euen] Z[eit]“ muß es noch merkwürdig hergehn, sonst hätte man dem weißen Schippel sicher nicht erlaubt, von einer „Rodbertus-Marxschen-Theorie“ und von Dingen zu sprechen, die „man seit Rodbertus erkannt hat“; und das ohne Redaktionsnote. Die Deutschen sind in der Tat arg heruntergekommen, wenn sie noch immer nicht entdecken, daß alles, was Marx mit Rodbertus gemein hat, nichts ist als die application égalitaire de la théorie ricardienne3, wovon M[arx] S. 49 der „Misère“4 spricht und die schon seit 1827 unter den englischen Sozialisten Gemeinplatz ist! Das ist aber noch lange nicht der Mehrwert, wie er von M[arx] bestimmt und durch die ganze ökonomische Wissenschaft hindurch entwickelt ist. Die Herren Engländer und ebenso Rodb[ertus] haben daher mit ihrer Abschreiberei aus Ricardo auch gar nichts Ökonomisches anzufangen gewußt; erst Marx macht den Fortschritt und wirft die ganze alte Ökonomie um.
Beiläufig. Ich muß, um Rodb[ertus] gründlich zu fassen, seine Schrift von 18425 „Zur Erkenntniß unsrer Zustände“, oder wie es heißt, haben. Du hast es zitiert. Kannst Du es mir auf ein paar Tage – oder besser noch käuflich – verschaffen? Nach einigen Zitaten scheint es das Beste zu sein, weil erste, was er geschrieben, das Spätere immer abgeschwächtere Wiederkäuung.
Dein
F. E.