122, Regent’s Park Road, N.W.
London, den 6. März 1884
Liebe Bürgerin!
Es wird sowohl für mich als auch für die Töchter von Marx ein schöner Tag sein, an dem die russische Übersetzung des „Elends der Philosophie“ erscheint. Selbstredend werde ich Ihnen mit Vergnügen alles Material zur Verfügung stellen, das Ihnen dabei nützlich sein kann. In folgendem meine Absichten.
Außer der deutschen Übersetzung wird gegenwärtig in Paris eine neue französische Ausgabe gedruckt. Für diese beiden Ausgaben schreibe ich einige erläuternde Bemerkungen, deren Text ich Ihnen zuschicken werde.
Zur Verwendung als Vorwort existiert ein Artikel von Marx über Proudhon1 im Berliner „Social-Demokrat“ (1865), der fast ausreichen wird. Er wird am Anfang der beiden neuen Ausgaben, der französischen und der deutschen, stehen. Es gibt nur ein Exemplar davon, das in unserem Züricher Parteiarchiv ist; wenn sich kein zweites unter M[arx’] oder meinen Papieren findet (ich werde es in einigen Wochen wissen), dann können Sie ohne weiteres eine Abschrift durch Bernstein erhalten.
Für die deutsche Ausgabe werde ich ein spezielles Vorwort2 machen müssen, um die absurde Behauptung der reaktionären Sozialisten zurückzuweisen, daß Marx im „Kapital“ Rodbertus plagiiert hätte, und um zu beweisen, daß im Gegenteil M[arx] bereits im „Elend“ R[odbertus] kritisiert hat, bevor R[odbertus] seine „Socialen Briefe“ geschrieben hatte. Dies scheint mir für das russische Publikum, bei dem unsere Pseudosozialisten noch nicht Fuß gefaßt haben, ohne Interesse zu sein. Aber Sie werden darüber entscheiden; die Sache steht zu Ihrer Verfügung, wenn Sie davon Gebrauch machen wollen.
Was Sie mir über das zunehmende Studium der Werke der sozialistischen Theorie in Rußland mitteilen, hat mir viel Freude bereitet. Der theoretische und kritische Geist, der fast völlig aus unseren deutschen Schulen verschwunden ist, scheint in der Tat in Rußland Zuflucht gefunden zu haben. Sie bitten mich, Ihnen Bücher zum Übersetzen anzugeben. Aber Sie haben schon fast alle Werke von Marx übersetzt oder zu übersetzen versprochen; Sie haben auch von mir die besten übersetzt; der Rest unserer deutschen Bücher ist entweder theoretisch schwach oder er behandelt Fragen, die mehr oder weniger auf Deutschland beschränkt sind. In letzter Zeit haben die Franzosen recht gute Sachen herausgebracht, aber hier handelt es sich erst um Anfänge. Der von Deville veröffentlichte Auszug aus dem „Kapital“ ist im theoretischen Teil gut, dagegen ist der beschreibende Teil viel zu flüchtig gemacht, so daß er für den, der das Original nicht kennt, fast unverständlich ist. Außerdem ist das Ganze für einen Auszug zu umfangreich. Immerhin glaube ich, daß man durch eine Überarbeitung etwas Gutes daraus machen könnte; und ein Auszug aus dem „Kapital“ dürfte immer von Nutzen sein in einem Lande, wo allein schon das Buch zu beschaffen auf Schwierigkeiten stößt.
Als ich von der Lage in Rußland sprach3, dachte ich natürlich unter anderem auch und speziell an die Finanzen – aber nicht ausschließlich. Für eine Regierung, die nicht aus noch ein weiß, wie die von Petersburg, und für einen Zaren4, der ein Gefangener ist, wie der Einsiedler von Gatschina, kann die Situation in Zukunft nur noch gespannter werden. Die Adligen und Bauern, die einen wie die anderen ruiniert, die Armee in ihren chauvinistischen Gefühlen gekränkt und über das tägliche Schauspiel eines sich verbergenden государь5 entrüstet; die Notwendigkeit eines Krieges nach außen, um den „schlechten Leidenschaften“ und der allgemeinen Unzufriedenheit ein Ventil zu öffnen; zugleich die Unmöglichkeit, sich in ihn zu stürzen, aus Mangel an Geld und günstigen politischen Aussichten; eine starke nationale Intelligenz, die darauf brennt, die Ketten zu zerbrechen, die sie fesseln; zu alledem völliger Mangel an Geld und das Messer der деятеля6 an der Gurgel der Staatsmacht – es scheint mir, daß jeder Monat die Lage verschlimmern muß und daß, wenn man einen konstitutionellen und beherzten Großfürsten fände, die russische „Gesellschaft“ von selbst in einer Palastrevolution den besten Ausweg aus dieser Sackgasse sehen müßte. Werden jetzt Bismarck und Bleichröder ihre neuen Freunde retten? Ich zweifle daran und frage mich vielmehr, welcher der beiden Vertragspartner von dem anderen bestohlen werden wird.
Inliegend ein Manuskript von Marx (Abschrift), von dem Sie nach Gutdünken Gebrauch machen können. Ich weiß nicht mehr, ob es das „Слово“ oder die „Отеч[ественныя] Записки“ waren, worin er den Artikel „K[arl] M[arx] vor dem Tribunal des Herrn Shukowski“ fand. Er verfaßte diese Antwort so, daß sie die Prägung einer für die Veröffentlichung in Rußland bestimmten Schrift trägt; aber er hat sie nie nach Petersburg geschickt, da er befürchtete, allein durch seinen Namen die Existenz der Zeitschrift zu gefährden, die seine Antwort gedruckt hätte.
Ihr sehr ergebener
F. Engels
Ihre Übersetzung meiner Broschüre7 scheint mir ausgezeichnet. Was für eine schöne Sprache ist doch das Russische! Es besitzt alle Vorzüge des Deutschen ohne dessen schreckliche Derbheit.
Aus dem Französischen.