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Engels an Eduard Bernstein
in Zürich

London, 27. Febr. 83

Lieber Herr Bernstein,

Ihren Brief gestern abend erhalten. Die „Egalité“ ist wieder kaputt, und ich bitte Sie, darüber im „S[ozialdemokrat]“ die folgenden Tatsachen zu veröffentlichen (auf inl. Zettel). Hoffentlich werden die Leute endlich klug werden und darauf verzichten, auf solche Kontrakte hin Tagesblätter zu gründen. Verklagen ist für die Katze, kostet Geld, und jeder französische Gerichtshof macht sich ein Vergnügen daraus, Sozialisten abzuweisen und den Prozeß verlieren zu lassen, und das Blatt bleibt doch tot.

Guesde und Laf[argue] sind u.a. unter Artikel 91 des Code pénal angeklagt – Komplott und Aufforderung zum Bürgerkrieg – Todesstrafe. Welche Farce!

Gut, daß sie jetzt wenigstens sich nicht mehr öffentlich mit den Anarchisten für solidarisch erklären können, weil diese brummen – mit diesen Kindern, die mit Feuer spielen und sich als die unschuldigsten Bengel der Welt darstellen wollen, wenn sie Arschprügel bekommen. So geht jetzt einem Narren in Brüssel die Bombe in der eignen Hosentasche los! Der Dynamit wird mit der Zeit rein lächerlich.

Nun ein anderes Bild. Infolge einer Gemeinheit, die Viereck gegen Schorlemmer in der „S[üddeutschen] P[ost]“ begangen, habe ich mit ihm gebrochen. Das Nähere in einem Brief, den ich an Sch[orlemmer] geschickt1 und den er, wenn er damit einverstanden, Ihnen morgen von Manchester direkt zusenden wird (liegt hier bei, mir retourniert, weil ich vergessen zu unterschreiben). Ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß wir V[iereck] und Fritzsche damals hier sehr kühl aufgenommen hätten, wären sie nicht als offizielle Gesandte der Partei gekommen. So aber, und da Marx durch sein Unwohlsein gedeckt war, mußte ich ihnen einigermaßen die Honneurs machen. Dazu kamen noch Intimitäten seiner, V[iereck]s, jetzigen Frau2 mit meiner Nichte3 (beide waren damals im geheimen verlobt) etc. etc. Ich habe ihm dabei meine Meinung über seine Hinneigung zur Vulgärdemokratie sehr deutlich gesagt. Genug, so blieb ich an ihm hängen, jetzt aber hat die Sache ein Ende.

Die Art und Weise, wie V[iereck] den Sch[orlemmer] behandelt hat, hätte sich kein Schuhputzer gefallen lassen dürfen. Nun ist aber Sch[orlemmer] nächst Marx entschieden der berühmteste Mann der europäischen sozialistischen Partei. Als ich ihn vor 20 Jahren kennenlernte, war er schon Kommunist. Damals armer Privatassistent englischer Professoren, ist er jetzt Mitglied der Royal Society (hiesigen Akademie der Wissenschaften), und erste Autorität der Welt in seiner Spezialität, der Chemie der einfacheren Kohlenwasserstoffe (Paraffine und deren Derivate). Sein mit Roscoe zusammen herausgegebenes, aber fast ganz allein von ihm geschriebnes (was alle Chemiker wissen) großes „Lehrbuch der Chemie“, steht in England und Deutschland jetzt obenan. Und diese Stellung hat er sich errungen im Ausland, im Kampf mit Leuten, die ihn ausbeuteten, solange es ging, rein durch wirklich wissenschaftliche Arbeiten, ohne auch nur einmal dem Humbug zu opfern. Dabei geniert er sich nirgendwo, als Sozialist aufzutreten, liest an der Dozenten-Mittagstafel die Witze aus dem „S[ozialdemokrat]“ vor usw., verlangt aber auch mit Recht, daß man ihn nicht, wie V[iereck] getan, ohne seinen Willen vor die Öffentlichkeit schleppt, in dieser oder jener Weise. Nun aber bis morgen, es ist bald Mitternacht, und ich habe meine Regel gebrochen, abends nicht zu schreiben.

28. Febr. Einen Gefallen müssen Sie mir aber tun, und mir im Blatt4 nicht immer den „Genossen“ an den Kopf werfen. Erstens ist mir die sämt- liche Titelwirtschaft verhaßt, und wie man in der gesamten deutschen Literatur, die mitzählt, die Leute ohne Titel einfach bei Namen nennt, wenn man sie nicht angreift, so sollten wir es auch halten; wo nicht die Bezeichnung „Genosse“ dem Leser wirklich mitteilt, daß der Betreffende zur Partei gehört. Was auf der Tribüne und in der mündlichen Debatte angebracht und üblich, kann sich gedruckt auch recht schlecht ausnehmen. Dann aber sind wir hier auch keine „Genossen“ im engeren Sinn. Wir gehören der deutschen Partei kaum mehr an als der französischen und amerikanischen oder russischen, und können uns ebensowenig durch das deutsche Programm gebunden halten wie durch das Programm-Minimum. Auf diese unsre Sonderstellung als Vertreter des internationalen Sozialismus halten wir etwas. Sie verbietet uns aber auch, einer besondern nationalen Partei anzugehören, solange wir nicht etwa nach Deutschland zurückkommen und direkt am dortigen Kampf teilnehmen. Jetzt hätte es keinen Zweck.

Was Sie wegen L[jebknecht]s Mitschuld am Heranziehen spießbürgerlicher Elemente sagen, ist schon lange unsre Ansicht. Bei seinen vielen vortrefflichen Eigenschaften hat L[jebknecht] den Fehler, daß er mit aller Gewalt „gebildete“ Elemente in die Partei ziehn will und ihm, als ehemaligem Lehrer, nichts Schlimmeres passieren kann, als wenn einmal ein Arbeiter im Reichstag mir und mich verwechselt. Ein Mann wie Viereck hätte nie als Kandidat aufgestellt werden dürfen, er hätte uns im Reichstag tödlicher blamiert als hundert falsche „Mir“, die ja auch die Hohenzollern und Feldmarschälle verüben. Wenn die Gebildeten und überhaupt aus bürgerlichen Kreisen stammenden Ankömmlinge nicht vollständig auf dem proletarischen Standpunkt stehn, sind sie reiner Verderb. Haben sie aber diesen Standpunkt wirklich, dann sind sie höchst brauchbar und willkommen. Und ferner hat L[jebknecht] die Eigenschaft, daß er einem augenblicklichen Erfolg zuliebe spätere größere Erfolge ohne weiteres opfert. So die höchst riskierte Sendung von V[iereck] und Fr[itzsche] nach Amerika. Es ging noch leidlich ab, aber wissen wir, wie Fr[itzsche] noch später uns in Amerika blamieren wird? Und dann heißt es: das war der Vertreter der deutschen Sozialdemokratie in Amerika, offiziell gesandt! Und wie man sich mit dieser Sorte bei Kandidaturen vorzusehn hat, zeigt der Fall Oppenheimer.

Schon wieder Unterbrechung!

1. März. Die kleinbürgerliche Spießer- und Philistergesinnung innerhalb der Partei haben wir von jeher aufs äußerste bekämpft, weil sie, seit dem 30jährigen Krieg ausgebildet, alle Klassen in Deutschland ergriffen, deutsches Erbübel, Schwester der Bedientenhaftigkeit und Untertanendemut und aller deutschen Erbblaster geworden ist. Sie ist es, die uns im Ausland lächerlich und verächtlich gemacht hat. Sie ist Hauptursache der bei uns herrschenden Schlappheit und Charakterschwäche. Sie herrscht auf dem Thron ebenso oft wie in der Schusterherberge. Erst seitdem sich ein modernes Proletariat in Deutschland gebildet, erst seitdem hat sich in ihm eine Klasse entwickelt, die von dieser deutschen Erbseuche aber auch fast gar nichts an sich hat, die freien Blick, Energie, Humor, Zähigkeit im Kampf bewiesen hat. Und wir sollten nicht gegen jeden Versuch kämpfen, dieser gesunden und in Deutschland einzigen gesunden Klasse das alte Erbgift der Philisterborniertheit und Philisterschlappigkeit wieder künstlich einzuimpfen? Aber im ersten Schreck nach den Attentaten und dem Sozialistengesetz riß unter den Führern eine Angst ein, die nur bewies, daß sie selbst viel zu viel unter Philistern gelebt und unter dem Druck der Philistermeinung standen. Damals sollte die Partei, wenn nicht gar philisterhaft werden, so doch scheinen. Das ist jetzt glücklich überwunden, aber die in der letzten Zeit vor dem Sozialistengesetz hereingezognen Philisterelemente, die namentlich unter den studierten, meist vor dem Examen hängengebliebenen Leuten vorherrschen, sind noch immer da und müssen scharf beobachtet werden. Es freut uns, daß Sie da mithelfen, Sie haben da am „S[ozialdemokrat]“ den wichtigsten Posten.

Lassen Sie aber doch den unglücklichen Jahrbuchartikel nur ja weiterschlafen. Der entschuldigte die Börsianer. Man kann aber ganz gut selbst Börsianer und zu gleicher Zeit Sozialist sein und deshalb die Klasse der Börsianer hassen und verachten. Wird es mir je einfallen, mich zu entschuldigen dafür, daß ich auch einmal Associé in einer Fabrik gewesen bin? Der sollte schön ankommen, der mir das vorwerfen wollte. Und wenn ich sicher wäre, an der Börse morgen eine Million profitieren zu können und damit der Partei in Europa und Amerika Mittel in großem Maß zur Verfügung zu stellen, ich ging sofort an die Börse.

Mit dem, was Sie sagen über das Buhlen um Lob beim Gegner, haben Sie ganz recht. Wir haben uns oft schmählich geärgert, wenn der kleinste anerkennende kathedersozialistische Furz im „Volksstaat“ und „Vorwärts“ freudig registriert wurde. Mit dem Satz: wir müssen der Bourgeoisie auf jedem Gebiet Anerkennung abnötigen, fing Miquel seine Verräterei an. Und Rudolph Meyer kann uns noch so sehr flottieren, er wird höchstens wieder anerkannt werden wegen der wirklich verdienstvollen „Politischen Gründer“. Wir haben natürlich nie über ernsthafte Sachen mit ihm gesprochen, sondern fast nur über Bismarck und dergleichen. Aber Meyer ist wenigstens ein anständiger Kerl, der auch den Herren Adligen die Zähne zu weisen versteht, und kein Streber wie die gesamten Kathedersozialisten, die jetzt auch in Italien florieren – ein Probestück, Achille Loria, war neulich hier, hatte aber nach zweimaligem Besuch bei mir genug.

Der Lärm wegen der elektrotechnischen Revolution ist bei V[iereck], der absolut nichts von der Sache versteht, reine Reklame für die von ihm verlegte Broschüre. In der Tat aber ist die Sache enorm revolutionär. Die Dampfmaschine lehrte uns Wärme in mechanische Bewegung zu verwandeln, in der Ausnutzung der Elektrizität aber wird uns der Weg eröffnet, alle Formen der Energie: Wärme, mechanische Bewegung, Elektrizität, Magnetismus, Licht, eine in die andre und wieder zurückzuverwandeln und industriell auszunutzen. Der Kreis ist geschlossen. Und Deprez' neuste Entdeckung, daß elektrische Ströme von sehr hoher Spannung mit verhältnismäßig geringem Kraftverlust durch einen einfachen Telegraphendraht auf bisher ungeträumte Entfernungen fortgepflanzt und am Endpunkt verwandt werden können – die Sache ist noch im Keim –, befreit die Industrie definitiv von fast allen Lokalschranken, macht die Verwendung auch der abgelegensten Wasserkräfte möglich, und wenn sie auch im Anfang den Städten zugute kommen wird, muß sie schließlich der mächtigste Hebel werden zur Aufhebung des Gegensatzes von Stadt und Land. Daß aber damit auch die Produktivkräfte eine Ausdehnung bekommen, bei der sie der Leitung der Bourgeoisie mit gesteigerter Geschwindigkeit entwachsen, liegt auf der Hand. Der bornierte V[iereck] sieht darin nur ein neues Argument für seine geliebte Verstaatlichung. Was die Bourgeoisie nicht kann, das soll Bismarck leisten.

Das mit Schumacher tut mir leid. Hoffentlich ist das nur temporär, er war doch sonst ein flotter, entschlossener Kerl. Aber wie Sie sagen: die verdammt deutsche Reichsatmosphäre!

Zum Kongreß zu kommen, daran denke ich aus sehr vielen Gründen nicht. Wie die Sachen augenblicklich stehn auf dem Kontinent, bleib' ich lieber hier.

Kautsky hat mir sein zweites Ehestück zugeschickt, worin er die Weibergemeinschaft als sekundär wieder einschmuggeln will. Aber das geht nicht. Ich werde auch darüber ihm schreiben5 und den Brief Ihnen einschieken. K[autsky] hat das Unglück, daß unter seiner Hand nicht die verwickelten Fragen sich in einfache auflösen, sondern die einfachen verwickelt werden. Und dann kann man nichts leisten, wenn man so viel schreibt. Er sollte, um des Honorars willen, populäre Sachen schreiben und sich die Zeit nehmen, die wissenschaftlichen Dinge mit der Überlegung und Erschöpfung zu behandeln, bei der allein etwas herauskommt.

Den Päderasten, über den wir sehr gelacht, habe ich bereits nach Manchester weiterbefördert, wo er starke Verbreitung finden wird.

Marx ist noch immer nicht arbeitsfähig, hütet das Zimmer hier (er kam gleich nach dem Tode seiner Tochter) und liest französische Romane. Sein Krankheitsfall scheint sehr kompliziert. Ich hoffe das meiste von dem Herannahen der bessern Jahrszeit.

Ihr F. Engels

Bringen Sie nur ja nichts über M[arx]' Gesundheitszustand ins Blatt6, der V[iereck] hat die Mitteilungen, die ich seiner Frau von Zeit zu Zeit gemacht (er selbst schrieb mir fast nie!), in der „S[üddeutschen] P[ost]“ schmählich versaubelt, aber das konnte ich M[arx] natürlich verbergen, sonst hätte er mir die Haare ausgerissen. Auch dazu hatte V[iereck] keine Erlaubnis von mir.