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Engels an Karl Kautsky
in Wien

London, 2.März 83

Lieber Herr Kautsky,

Ich habe Ihren zweiten ehelichen Artikel erhalten, und da dieser Ihre Antwort auf meine Kritik des ersten enthält1, fahre ich gleich fort, ich habe grade eine freie Stunde, die mir morgen fehlen wird.

Vor allen Dingen halte ich es für absolut unzulässig, daß Sie die Weibergemeinschaft, die Sie als primitive bestreiten, als sekundäre wieder hereinbringen wollen. Wo Gemeinschaft, sei es des Bodens oder der Weiber oder andrer Sachen, besteht, da ist sie notwendig primitiv, aus dem Tierreich mit überkommen. Die ganze weitere Entwicklung besteht in der allmählichen Auflösung dieser Urgemeinschaft, nie und nirgends finden wir ein Beispiel, daß aus ursprünglichem Sonderbesitz sich sekundär Gemeinschaft entwickelt hätte. Diesen Satz halte ich für so unumstößlich und allgemeingeltend, daß selbst, wenn Sie mir scheinbare Ausnahmen – und wären sie noch so schlagend auf den ersten Blick – bringen könnten, ich darin kein Argument dagegen sehn würde, sondern nur einen noch zu lösenden Fragepunkt.

Dann aber dürfen Sie nicht die Eifersucht im ersten Artikel alles entscheiden lassen und sie dann im zweiten ganz beiseite werfen. Artikel I schließt auf lose Monogamie wesentlich nur vermöge der Eifersucht, denn die andern Gründe wiegen für mich, wie gesagt, nur wenig. Kann aber die Eifersucht die naturwüchsige geschlechtliche Gemeinschaft überwinden – und diese geben Sie indirekt doch zu:innerhalb des Stammes herrschte volle geschlechtliche Freiheit" – kann sie also diese naturwüchsige Freiheit in die Schranken der temporären Monogamie bannen, dann muß sie noch viel leichter imstande sein, geringere Hindernisse zu überwinden. Das Gemeineigentum des Stammes an Kriegsgefangnen ist aber ein weit geringeres Hindernis. Frau bleibt Frau, ob Freie oder Sklavin; die Eifersucht des Mannes wird doch bei Gelegenheit von Sklavinnen wahrhaftig viel leichter den Alleinbesitz durchsetzen, als bei freien Weibern, die das Recht auf Ehebruch haben! Aber sowie die Ehe mit Kriegsgefangnen ins Spiel kommt, hört plötzlich die Eifersucht der Männer auf, die Gemeinschaft, die ihnen im Urzustand so entsetzlich, wird annehmbar und angenehm, und selbst nachdem Monogamie oder Polygamie schon eingeführt, selbst bei semitischen Haremsvölkern, haben die Männer nichts dagegen, daß ihre Weiber sich im Tempel oder sonst zu bestimmten Zeiten von Krethi und Plethi knallen lassen. Nein, Teuerster, so leicht dürfen Sie sich die Sache nicht machen. Sie sind verpflichtet, auch da bei der Stange zu bleiben, wo sie Ihnen unbequem wird. Hat die Eifersucht die primäre geschlechtliche Gemeinschaft verhindert, so ist ein für allemal der geschlechtlichen Gemeinschaft bis auf die kapitalistische Gesellschaft hinunter der Kopf abgebissen. Ihr zweiter Artikel wirft entweder den ersten um oder umgekehrt.

Beiläufig. Daß die Freiheit der Frau in Ihrem ersten Stadium zur Monogamie beigetragen, weil von einer Unterdrückung nicht die Rede sein konnte, bestreite ich. Das Argument, daß geschlechtliche Gemeinschaft auf Unterdrückung beruhe, ist selbst falsch, moderne Verdrehung, hervorgegangen aus der Vorstellung einer bloßen Weibergemeinschaft für die Männer und nach deren Belieben. Diese ist dem Urzustand total fremd. Die Geschlechtergemeinschaft war frei für beide Geschlechter. Wenn Sie nun die falsche Auffassung widerlegen, so noch nicht die der Verdrehung zugrunde liegenden richtigen Tatsachen.

Ferner: indem Sie alle geschlechtliche Gemeinschaft und deren Spuren auf Raubehe mit fremden Weibern reduzieren, geben Sie dieser Form der Ehe, als vorherrschender Form, eine ganz ungeheure Ausdehnung. Dafür bringen Sie aber nicht den mindesten Beweis.

Das Folgende verläuft in ein Meer von Hypothesen, [darunter manches, was für gewisse Zeiten und]2 Gegenden sicher richtig ist. Aber Sie generalisieren per Kurierzug. So rasch sind wir denn doch mit diesen Fragen nicht fertig. Und wie keltischer Clan, römische gens, deutsches Geschlecht zwar alles Unterabteilungen des Stammes sind, so haben sie doch sehr wesentliche Unterschiede, und sicher auch verschiednen Ursprung. Ebenso die verschiednen Sorten Clans bei nichtkeltischen Völkern.

Ich bin überzeugt, wenn Sie diese Studien fortsetzen oder nach einiger Zeit wieder aufnehmen, so kommen Sie zu ganz andern Resultaten und werden vielleicht bedauern, auf diesem so schwierigen Gebiet so rasch ins Geschirr gegangen zu sein. Sie haben sehr viel darüber geocht, aber viel zu rasch geschlossen, und legen dabei viel zu viel Gewicht auf die Meinungen der sog. Anthropologen, die alle eine Art, ich möchte sagen, kathedersozialistische Schiefheit haben. Wenn Sie Bachofens Verhimmelung und Mystifizierung der geschlechtlichen Gemeinschaft widerlegen, so bleibt die geschlechtliche Gemeinschaft immer noch bis auf weiteres bestehn.

Nun, man schellt zum Essen, – also nichts für ungut, ich bleibe darum doch

Ihr alter
F. Engels