London, 22. Febr. 1882
Lieber Herr Bernstein,
Ich beantworte Ihren Brief gleich, 1. weil die panslawistische Geschichte immer brennender wird und 2. weil ich mich jetzt, nach M[arxen]s Abreise, wieder ernsthaft an die Arbeit setzen muß und nicht mehr Zeit haben werde zu so langen Auseinandersetzungen.
Die „Stenogramme“1 gehn heute zurück. Besten Dank. Meist etwas matt, doch bin ich schon zufrieden, wenn keine wirkliche Blamage und Prinzipverleugnung erfolgt. Für fernere Zusendungen von Zeit zu Zeit werde ich Ihnen stets verbunden sein. Die Wiedergutmachung der früheren argen Böcke im sächsischen Landtag hat mich sehr gefreut. Ich denke, der „S[ozialdemokrat]“ kann mit dem Erfolg seines Auftretens ganz zufrieden sein. Für Blos muß die Unterschrift der Erklärung eine bittere Pille gewesen sein. Sehr freut mich das Steigen des Abonnements bis über 4000 und die regelmäßige Verbreitung trotz Polizei etc. in Deutschland. Es ist ein unerhörter Erfolg eines verbotenen deutschen Blatts. Die vor 48 kamen viel leichter hinein, weil von Bourgeois und Buchhändlern unterstützt, aber die Abonnementsgelder liefen nie ein. Hier aber zahlen die Arbeiter, und das beweist ihre Disziplin und wie sehr sie in der Bewegung leben und weben. Es ist mir gar nicht bange um unsre deutschen Jungen, wenn’s zum Klappen kommt. Jede Probe bestehn sie famos. Und nicht sie geben sich philiströs, es sind nur die Herren Führer, die von Anfang an von den Massen geschoben worden sind, statt die Massen zu schieben.
Daß mein Brief Sie nicht bekehrt, da Sie schon Sympathien hatten für die „unterdrückten“ Südslawen, ist sehr begreiflich. Wir alle haben ja ursprünglich, soweit wir erst durch Liberalismus oder Radikalismus durchgegangen, diese Sympathien für alle „unterdrückten“ Nationalitäten mit herübergenommen, und ich weiß, wieviel Zeit und Studium es mich gekostet hat, sie, dann aber auch gründlich, loszuwerden.
Nun muß ich aber bitten, mir nicht Meinungen unterzuschieben, die ich nie ausgesprochen. Die in der Augsburger „Allg[emeinen] Ztg.“ jahrelang vertretenen östreichischen Kanzleiargumente gehn mich nichts an. Was daran richtig war, ist veraltet, und was nicht veraltet, ist unrichtig. Ich habe durchaus keinen Grund, mich über die zentrifugale Bewegung in Östreich zu ärgern. Ein „Damm gegen Rußland“ ist überflüssig von dem Augenblick, wo die Revolution in Rußland ausbricht, d.h., wo irgendwelche repräsentative Versammlung zusammentritt. Von dem Tage an ist Rußland im Innern beschäftigt, der Panslawismus klappt zusammen in sein Nichts, der Beginn des Reichszerfalls tritt ein. Der Panslawismus ist nur ein Kunstprodukt der „gebildeten Stände“, der Städte und Universitäten, Armee und Beamten, das Land weiß nichts davon, und selbst der Landadel ist so sehr in der Klemme, daß er jeden Krieg verflucht. Östreich war von 1815–59 in der Tat ein Damm gegen Rußland, so feig und dumm seine Politik auch blieb. Jetzt, am Vorabend der Revolution in Rußland, ihm nochmals Gelegenheit geben, sich als „Damm“ aufzuspielen, hieße ja Östreich eine neue Lebensfrist, eine neue historische Existenzberechtigung geben, den Zerfall aufschieben, der ihm sicher bevorsteht. Und mit echt geschichtlicher Ironie spricht Östreich, indem es die Slawen zur Herrschaft kommen läßt, selbst aus, daß sein einziges bisheriges Existenzrecht aufgehört hat zu existieren. Ein Krieg mit Rußland würde übrigens der Slawenherrschaft in Östreich in 24 Stunden ein Ende machen.
Sie sagen, sobald die slawischen Völker (immer die Polen auszunehmen!) nicht mehr Grund haben, in Rußland ihren einzigen Befreier zu sehn, ist der Panslawismus schachmatt. Das ist leicht gesagt und klingt plausibel. Aber erstens liegt die Gefahr des Panslawismus, soweit sie besteht, nicht in der Peripherie, sondern im Zentrum, nicht am Balkan, sondern in den 80 Millionen Sklaven, aus denen der Zarismus seine Armee und Finanzen holt. Da also ist der Hebel anzusetzen, und er ist ja angesetzt. Soll ein Krieg ihn wieder absetzen?
Zweitens will ich nicht untersuchen, wieso es kam, daß die kleinen slawischen Völker im Zaren ihren einzigen Befreier sehn. Genug, sie tun es, wir können es nicht ändern, und es bleibt so, bis der Zarismus gebrochen; gibt’s Krieg, so gehn alle diese interessanten Natiönchen auf seiten des Zarismus, des Feindes des ganzen bürgerlich-entwickelten Westens. Solange dies der Fall, kann ich mich für ihre unmittelbare, sofortige Befreiung nicht interessieren, sie bleiben unsre direkten Feinde ebensosehr wie ihr Bundesgenosse und Schutzherr, der Zar.
Wir haben an der Befreiung des westeuropäischen Proletariats mitzuarbeiten und diesem Ziel alles andre unterzuordnen. Und wären die Balkanslawen etc. noch so interessant, sobald ihr Befreiungsdrang mit dem Interesse des Proletariats kollidiert, so können sie mir gestohlen werden. Die Elsässer sind auch unterdrückt, und es soll mich freuen, wenn wir sie wieder los sind. Wenn sie aber am Vorabend einer sichtbar heranziehenden Revolution einen Krieg zwischen Frankreich und Deutschland provozieren, diese beiden Völker wieder verhetzen und die Revolution dadurch vertagen wollten, so sage ich: Halt da! Ihr könnt ebensoviel Geduld haben wie das europäische Proletariat. Wenn das sich befreit, seid ihr von selbst frei, bis dahin aber dulden wir nicht, daß ihr dem kämpfenden Proletariat in die Parade fahrt. Ebenso mit den Slawen. Der Sieg des Proletariats befreit sie wirklich und mit Notwendigkeit, nicht scheinbar und temporär, wie der Zar. Darum sollen sie, die für Europa und seine Entwicklung bisher nicht nur nichts geleistet, sondern ein Hemmschuh an ihr sind, mindestens soviel Geduld haben wie unsre Proletarier. Um der paar Herzegowzen willen einen Weltkrieg entflammen, der 1000mal mehr Menschen kostet, als in der ganzen Herzegowina wohnen – das ist nicht meine Ansicht von der Politik des Proletariats.
Und wie „befreit“ der Zar? Fragen Sie die kleinrussischen Bauern, die Katharina auch erst vor dem „polnischen Druck“ befreite (Vorwand: Religion), einfach, um sie nachher zu annektieren. Worauf läuft denn der ganze russisch-panslawistische Schwindel hinaus? Auf die Einnahme von Konstantinopel, weiter nichts. Nur diese würde auf die religiösen Traditionen des russischen Bauern mit Macht wirken, ihn für die Verteidigung des heiligen Zarigrad begeistern, dem Zarismus neue Lebensfrist geben. Und wenn die Russen erst in Konstantinopel, adieu bulgarische und serbische Unabhängigkeit und Freiheit – die Brüderchen (bratanki) würden bald merken, wie viel besser sie es selbst unter den Türken hatten. Es gehört eine kolossale Naivetät dazu, bei diesen bratanki, zu glauben, der Zar wolle ihren Vorteil und nicht den seinen.
Sie sagen, ein Großserbien sei ein ebensoguter Damm gegen Rußland wie Östreich. Ich habe schon gesagt, daß ich von der ganzen „Damm“-theorie nichts halte, seitdem in Rußland eine revolutionäre Bewegung Macht erhalten hat. Ebenso, daß ich Östreichs Zerfall mit Vergnügen entgegensehe. Aber nun kommen wir auf die Qualität dieser Natiönchen, die doch auch bei unsern Sympathien zu erwägen ist.
Ein Großserbien ist nach 2–4 Generationen und nach allgemeinen europäischen Umwälzungen sicher möglich, heute – bei dem Bildungsstand seiner Elemente – ebenso sicher nicht.
1. Teilen sich die Serben in 3 Religionen (die Zahlen sind aus Šafařík, „Slovanský Národopis“ und gelten für 1849): griechisch 2880000, katholisch, inkl. der sog. Kroaten, die aber serbisch sprechen, 2664000, ohne Kroaten 1884000. Mohammedaner 550000. Bei diesen Leuten geht aber Religion noch vor Nationalität und jede Konfession will herrschen. Solange hier kein Bildungsfortschritt, der wenigstens Toleranz möglich macht, heißt Großserbien nur Bürgerkrieg. S. „Standard“ hierbei.
2. Hat das Land 3 politische Zentren: Belgrad, Montenegro, Agram. Weder Kroaten noch Montenegriner wollen sich der Hoheit von Belgrad unterwerfen. Im Gegenteil. Montenegriner und Ihre Freunde, die Naturvölkchen in Krivosije und Herzegowina, werden gegen Belgrad und jede andre Zentralregierung, serbisch oder nicht, ihre „Unabhängigkeit“ ebenso verteidigen wie gegen Türken und Östreicher. Diese Unabhängigkeit besteht darin, daß sie, um ihren Haß gegen die Unterdrücker zu beweisen, ihren eignen „unterdrückten“ serbischen Landsleuten das Vieh und andre bewegliche Wertsachen abstehlen, wie sie das seit 1000 Jahren getan, und wer dies Recht des Raubens angreift, greift ihre Unabhängigkeit an. Ich bin autoritär genug, die Existenz solcher Naturvölkchen mitten in Europa für einen Anachronismus zu halten. Und wenn die Leutchen so hoch ständen wie die von Walter Scott gefeierten Hochschotten, die ja auch die ärgsten Viehdiebe waren, so können wir doch höchstens die Art und Weise verurteilen, mit der die heutige Gesellschaft sie behandelt. Wären wir am Ruder, auch wir würden dem altererbten Rinaldo-Rinaldini- und Schinderhannestum dieser Burschen ein Ende machen müssen. Und so müßte es die großserbische Regierung auch. Also auch hier heißt Großserbien Erneuerung des Kampfes, den die Herzogowzen jetzt führen, also Bürgerkrieg mit all den Hochländern von Montenegro, Cattaro, Herzegowina.
Das Großserbien sieht also, in der Nähe betrachtet, lange nicht so einfach und selbstverständlich aus, wie Panslawisten und Liberale à la Rasch es uns vormachen wollen.
Haben Sie übrigens so viel Sympathien mit den Naturvölkchen, wie Sie wollen, einen gewissen poetischen Schimmer haben diese ja ohnehin, machen auch noch Volkslieder ganz im Stil der altserbischen (und diese sind sehr schön), ich will Ihnen sogar einen „Standard“-Artikel als Beleg schicken. Aber Handlanger des Zarentums sind und bleiben sie, und in die Politik gehören poetische Sympathien nicht hinein. Und wenn aus dem Aufstand dieser Burschen ein Weltkrieg zu entbrennen droht, der uns unsre ganze revolutionäre Situation verdirbt, so müssen sie und ihr Recht auf Viehraub den Interessen des europäischen Proletariats ohne Gnade geopfert werden.
Großserbien wäre übrigens, soweit es zustande käme, nur ein vergrößertes Fürstentum Serbien. Und was hat dies getan? Eine aus im Westen, besonders Wien, studierten Belgradern und andern Städten gebildete Bürokratie nach östreichischem Muster eingerichtet, die von den Gemeineigentumsverhältnissen der Bauern gar nichts wissen, Gesetze nach östreichischem Muster machen, die seinen Verhältnissen ins Gesicht schlagen, so daß die Bauern massenhaft verarmen und expropriiert werden, während sie zur Türkenzeit volle Selbstregierung hatten, reich wurden und weit weniger Steuer zahlten.
Die Bulgaren haben sich selbst geschildert in ihren Volksliedern, die neuerdings von einem Franzosen gesammelt und in Paris erschienen sind. Da spielt das Feuer eine große Rolle. Ein Haus brennt, die junge Frau verbrennt, weil ihr Ehemann, statt ihrer, lieber seine schwarze Stute rettet. Ein andermal rettet eine junge Frau ihren Schmuck und läßt dafür ihr Kind verbrennen. Geschieht ausnahmsweise einmal eine noble, mutige Tat, so geschieht sie jedesmal von einem Türken. Wo in der Welt finden Sie ein solches Sauvolk wieder?
Wenn Sie übrigens eine passable Sprachenkarte der Gegend einsehn (z.B. die Šafaříksche im obigen Buch oder die Kiepertsche von Östreich und den Unterdonauländern 1867), so werden Sie finden, daß die Sache mit der Befreiung dieser Balkanslawen doch nicht so einfach liegt und daß mit Ausnahme des serbischen Gebiets das Ganze durchsetzt ist von türkischen Kolonien und berändert von einer griechischen Küste, davon nicht zu sprechen, daß Saloniki eine spanische Judenstadt ist. Allerdings räumen die biedern Bulgaren jetzt in Bulgarien und Ostrumelien mit den Türken rasch auf, indem sie sie totschlagen, vertreiben und ihnen die Häuser überm Kopf anzünden. Wären die Türken ebenso verfahren, statt ihnen mehr Selbstregierung und weniger Steuern zu lassen, als sie jetzt haben, so wäre die ganze Bulgarenfrage aus der Welt.
Was den Krieg angeht, so scheinen Sie mir doch le cœur un peu trop léger2 zu haben. Kommt es zum Krieg, so bringt Bismarck es mit Leichtigkeit dahin, daß Rußland als der Angreifer erscheint: er kann warten, die russischen Panslawisten nicht. Ist aber Deutschland und Östreich einmal im Osten engagiert, so muß man die Franzosen und besonders die Pariser schlecht kennen, um nicht vorauszusehn, daß sofort ein chauvinistisches Revanchegeschrei entsteht, vor dem die sicher friedliche Majorität des Volks verstummen muß und das es dahin bringt, daß auch hier Frankreich als Angreifer dasteht; und daß der dann herrschende Chauvinismus sehr bald das linke Rheinufer fordern wird. Daß dabei Deutschland in einen Kampf um die Existenz gerät und damit auch dort der patriotische Chauvinismus wieder vollständig Oberwasser bekommt, scheint mir evident. Soweit also alle Aussichten gegen uns. Ist der Krieg aber einmal im Gang, so wird der Ausgang eines solchen europäischen Kampfs, des ersten seit 1813–15, ganz unberechenbar, und ich möchte ihn um keinen Preis herbeiwünschen. Kommt er, dann ist’s eben nicht zu ändern.
Nun aber die andre Seite. Wir haben in Deutschland eine Situation, die mit steigender Geschwindigkeit der Revolution zutreibt und in kurzem unsre Partei in den Vordergrund drängen muß. Wir selbst brauchen dazu gar nichts zu tun, nur unsre Gegner für uns arbeiten zu lassen. Dabei eine bevorstehende neue Ära mit einem neuen liberalisierenden, höchst unentschlossenen und schwankenden Kaiser3, der ganz zum Ludwig XVI. gemacht ist. Was uns fehlt, ist einzig ein rechtzeitiger Anstoß von außen. Diesen bietet die Lage Rußlands, wo der Beginn der Revolution nur noch Frage von Monaten ist. Unsre Leute in Rußland haben den Zaren so gut wie gefangengenommen, die Regierung desorganisiert, die Volkstraditionen erschüttert. Auch ohne einen neuen großen Schlag muß der Zusammenbruch in nächster Zeit erfolgen, er wird sich jahrelang fortsetzen wie 1789 bis 94; er gibt also volle Zeit, um auf den Westen und besonders Deutschland zurückzuwirken, so daß die Bewegung eine allmählich ansteigende wird, nicht wie 1848, wo die Reaktion am 20. März schon in ganz Europa wieder in vollem Gang war. Kurz, es ist eine so prachtvolle revolutionäre Situation wie noch nie. Nur eins kann sie verderben: Skobelew hat’s in Paris selbst gesagt, nur ein auswärtiger Krieg könne Rußland herausreißen aus dem Morast, in dem es versinke. Dieser Krieg soll alles gut machen, was unsre Leute mit Aufopferung ihres Lebens dem Zarismus angetan haben. Er würde jedenfalls genügen, die Gefangenschaft des Zaren zu brechen, die Sozialrevolutionäre der allgemeinen Volkswut auszusetzen, ihnen die Unterstützung der Liberalen, die sie jetzt besitzen, entziehn, und alle Opfer wären umsonst gebracht; alles müßte unter ungünstigeren Umständen von vorn wieder angefangen werden; aber ein solches Stück spielt schwerlich zweimal, und auch in Deutschland können Sie darauf bauen, daß unsre Leute entweder ins patriotische Geheul miteinstimmen oder einen Wutausbruch gegen sich hervorrufen müssen, gegen den der nach den Attentaten ein Kinderspiel ist; dann würde Bismarck auf die letzten Wahlen noch ganz anders antworten als damals mit dem Sozialistengesetz.
Bleibt Friede, dann sind die russischen Panslawisten geprellt und müssen bald abtreten. Dann kann der Kaiser3 höchstens noch einen letzten Versuch machen mit den alten bankrotten Bürokraten und Generalen, die bereits Schiffbruch gelitten. Das kann höchstens ein paar Monate dauern, und dann bleibt kein Ausweg, als die Liberalen zu berufen – d.h., eine Nationalversammlung irgendwelcher Art, und das, wie ich Rußland kenne, ist Revolution à la 1789. Und da soll ich Krieg wünschen? Sicher nicht, und wenn 200 edle Räubervölker dabei kaputtgingen.
Doch nun genug und zu Bürkli4. Ich habe seine Broschüre nicht gelesen und verlegt, will aber suchen, sie bei mir oder M[arx] zu finden. Genau kann ich also nicht sagen, was er will. (25. Febr.) Ich habe eben bei M[arx] das ganze Lokal durchgesucht und finde sie nicht. Solche Spezialfragen fallen, bei unsrer Arbeitsteilung, in M[arxen]s Gebiet, und wegen der Krankheit haben wir den Kasus auch nicht diskutieren können.
Ich nehme an, daß B[ürkli] es jedem Züricher Grundeigentümer erlaubt, auf sein Gut eine solche Hypothek aufzunehmen und daß der Schein dafür als Geld zirkulieren soll. Dann richtet sich also die Menge des zirkulierenden Geldes nach der Wertsumme des fraglichen Grundeigentums und nicht nach der viel kleineren Summe, die zur Zirkulation genügt. Also schon jetzt:
1. Entweder nicht einlösbare Scheine, und dann werden sie depreziert nach dem bei M[arx] entwickelten Gesetz;
2. oder einlösbar, und dann geht der für die Zirkulation überschüssige Teil an die Bank zur Einlösung zurück und hört auf, Geld zu sein, wobei die Bank natürlich Kapital festlegen muß.
Nun ist ein zinstragendes, also täglich seinen Wert wechselndes Geldsurrogat schon wegen dieser Eigenschaft zum Zirkulationsmittel ungeeignet; man muß sich nicht nur zuerst um den Preis der Ware in wirklichem Geld verständigen, sondern auch um den Preis des Papiers. Die Züricher müßten schlechtere Geschäftsleute sein, als ich sie kenne, wenn sie nicht, bei Einlösbarkeit der Scheine, sie alle baldigst an die Bank zur Einlösung ablieferten und das alte kommode, nicht zinstragende Geld wieder allein gebrauchten. Dann hat die Kantonalbank also ihr eignes Kapital und alles, was sie zusammenpumpen kann, in Hypotheken festgelegt und mag sehn, woher sie neues Betriebskapital bekommt.
Bei Nichteinlösbarkeit aber hören sie auf, Geld zu sein ohne weiteres. Man bezieht Metall- oder gutes Papiergeld von der Außenwelt, die glücklicherweise noch ein klein wenig größer ist als der Kanton Zürich, und braucht das, da kein Mensch diese ledernen Scheine für Geld nehmen wird, die, wie Sie mit Recht sagen, dann weiter nichts sind als märkische Pfandbriefe. Und wenn die Regierung darauf besteht, sie als Geld dem Publikum aufzuzwingen, so wird sie was erleben.
Dies privatim, ich bitte es nicht in meinem Namen zu benutzen, da ich, wie gesagt, das Broschürli nicht gelesen und auch nicht Zeit gehabt, die klassische ökonomische Literatur darüber durchzulesen; aus dem Kopf aber lassen sich solche Sachen nicht ohne Sicherheit gegen Verstöße so ohne weiteres kritisieren. Unsinn ist die Sache jedenfalls.
M[arx] ist Montag morgen in Algier angekommen, wohin ich und die Ärzte ihn immer haben wollten, aber er hatte keine rechte Lust. Er hat da einen Richter5 am tribunal civil, der, ehemaliger Deportierter Bonapartes, die Gemeineigentumsverhältnisse der Araber sehr studiert und sich erboten hat, ihm Aufklärungen darüber zu geben.
Besten Gruß auch an Kautsky.
Ihr
F. E.