London, 25. Jan. 82
Lieber Herr Bernstein,
Erst heute komme ich zur Beantwortung Ihres Briefes vom 12. M[arx] ist mit seiner jüngsten Tochter von der Insel Wight zurück, beide bedeutend besser, M[arx] stark genug, um gestern mit mir 2 Stunden lang ununterbrochen spazierengehn zu können. Da er noch nicht arbeitet, auch Lafargues oft vor dem Essen (id est 5 Uhr) hinkommen und gutes Pilsener Flaschenbier aufgefahren wird, so gehn mir die tageslichten Stunden meist flöten, und bei Licht schreib' ich nicht gern, seit ich vor 3 Jahren eine an mein linkes Auge gerichtete Mahnung (chronische Konjunktivitis) erhalten.
Da ich grade bei M[arx] bin, so wollen Sie H[öchber]g in M[arx]' Namen gefälligst für sein freundliches Anerbieten bestens danken; M[arx] wird indes wohl nicht in den Fall kommen, davon Gebrauch zu machen; das einzige, was über seine Südreise feststeht, ist dies, daß er nicht an die Riviera, überhaupt Italien, geht, und zwar aus einfach polizeilichen Gründen. Polizeischikanen bei Rekonvaleszenten zu verhindern ist erste Bedingung, und Italien bietet uns hierin grade die wenigsten Garantien – nächst dem empire-Bismarck natürlich.
Die Mitteilungen über die Vorgänge bei den „Führern" in Deutschland haben uns sehr interessiert. Ich habe nie verhehlt, daß nach meiner Ansicht die Massen in Deutschland viel besser sind als die Herren Führer, besonders seit diesen durch die Presse und Agitation die Partei eine milchende Kuh geworden, die sie mit Butter versorgte, und gar als Bismarck und die Bourgeoisie diese Kuh plötzlich einschlachteten. Die 1000 Existenzen, die dadurch momentan ruiniert wurden, haben das persönliche Unglück, nicht in direkt revolutionäre Lage, d. h. ins Exil versetzt zu werden. Sonst würden gar viele, die jetzt Trübsal blasen, ins Mostsche Lager übergegangen sein oder doch den „S[o]zialdemokrat" viel zu zahm finden. Die Leute blieben meist in Deutschland und mußten es, gingen meist an ziemlich reaktionäre Orte, blieben sozial geächtet, für ihre Existenz von Philistern abhängig, und wurden großenteils von dem Philistertum selbst angefressen. Für sie drehte sich bald alle Hoffnung auf Aufhebung des Sozialistengesetzes. Kein Wunder, daß unter dem Druck des Philisteriums der – in Wirklichkeit absurde – Wahn unter ihnen aufkam: dies sei mit Zahmheit zu erreichen. Deutschland ist ein ganz infames Land für Leute, die wenig Willenskraft haben. Die Enge und Kleinlichkeit der bürgerlichen wie politischen Verhältnisse, die Kleinstädterei selbst der Großstädte, die kleinen, aber sich stets häufenden Schikanen im Kampf mit Polizei und Bürokratie – alles das ermattet, statt zum Widerstand aufzustacheln, und so werden in der „großen Kinderstube" viele selbst kindisch. Kleine Verhältnisse erzeugen kleine Anschauungen, so daß schon viel Verstand und Energie dazu gehört, wenn jemand, der in Deutschland lebt, imstande ist, über das Allernächste hinauszusehn, den großen Zusammenhang der Weltereignisse im Auge zu behalten, und nicht in jene selbstzufriedne „Objektivität" zu verfallen, die nicht weiter sieht als ihre Nase und ebendeshalb die bornierteste Subjektivität ist, selbst wenn sie von Tausenden dieser Subjekte geteilt wird.
So natürlich aber auch das Aufkommen dieser ihren Mangel an Einsicht und an Widerstandskraft durch „objektive" Superklugheit verdeckenden Richtung ist, so entschieden muß sie bekämpft werden. Und da bieten die Arbeitermassen selbst den besten Anhaltspunkt. Sie allein leben in Deutschland in annähernd modernen Verhältnissen, alle ihre kleinen und großen Miseren finden ihr Zentrum im Druck des Kapitals, und während alle sonstigen Kämpfe in Deutschland, soziale wie politische, kleinlich und lumpig sind und sich um Lumpereien drehn, die anderwärts längst überwunden, ist ihr Kampf der einzig großartige, der einzige, der auf der Höhe der Zeit steht, der einzige, der die Kämpfer nicht ermattet, sondern mit immer neuer Energie versieht. Je mehr Sie also Ihre Korrespondenten unter den wirklichen, nicht zu „Führern" gewordnen Arbeitern finden können, desto mehr Chance werden Sie haben, der führerlichen Heulerei ein Gegengewicht entgegenzustellen.
Daß allerhand sonderbare Leute in den Reichstag kommen würden, war diesmal unvermeidlich. Um so größer das Pech, daß Bebel nicht gewählt. Er allein hat klaren Verstand, politischen Überblick und Energie genug, um Dummheiten zu verhindern.
Könnten Sie uns nicht die „Stenographischen Berichte" der Debatten, worin unsre Abgeordneten ernsthaft teilnehmen, nach dem Gebrauch auf 8–14 Tage herschicken? Für Rücksendung stehe ich. Nach den Zeitungsberichten ist absolut nicht zu gehn, das haben wir oft gesehn, und keiner der Abgeordneten, auch Liebk[necht] nicht, wäre dahin zu bringen, uns blamable Reden zuzusenden.
31. Jan. Wieder unterbrochen. U. a. war der kleine Hepner hier, auf der Flucht nach Amerika; bankerott an Inhalt wie des Geld- so des Herzbeutels. Ein in jeder Beziehung armes Kerlchen, Verfasser einer wohlmeinenden Broschüre über Zwangsvollstreckung, Wechselrecht, Judenfrage und Postreform, matt, matt, matt, all der alte Judenwitz, den er vor 10 Jahren hatte, rein zum Teufel, ich hätte ihm beinah den Rat gegeben: laß dich taufen! Hat mir aber Gelegenheit gegeben, mich über die neuen Reichsjustizgesetze aufzuklären. Das ist ja was Erzinfames. Die sämtlichen Schweinereien des preußischen Landrechts, vermählt mit sämtlichen Infamien des Code Napoléon, ohne dessen gute Seiten. Der Richter überall frei entscheidend, an nichts gebunden als – an das Disziplinargesetz, das ihm in politischen Fällen sein „freies Ermessen" schon eingeben wird und eingibt. Der Richter wird dadurch – innerhalb des allgemein-deutschen Mediums – notwendig der Exekutivbeamte und Willensvollstrecker der Polizei. Übrigens wird erzählt (der Witz rührt wohl von Windthorst her), Leonhardt habe auf seinem Sterbebett gesagt: jetzt habe ich mich an den Preußen gerächt; ich hab' ihnen eine Gerichtsordnung gemacht, an der sie kaputtgehn müssen.
Das Bürklische zinstragende und Geld vorstellen sollende Hypothekenpapier ist noch viel älter als der urkonfuse althegelsche Polacke Cieszkowski.1 Dergleichen Pläne sind schon zur Zeit der Gründung der Bank von England zur Weltbeglückung entworfen. Da im I. Band des „Kapitals" von Kredit überhaupt noch nicht die Rede ist (abgesehn von einfachem Schuldverhältnis), so kann Kreditgeld hier höchstens in seiner allereinfachsten Form (Wertzeichen etc.) und in Beziehung auf seine untergeordnetsten Geldfunktionen berücksichtigt werden, zinstragendes Kreditgeld aber noch gar nicht. B[ürkli] hat daher recht, wenn er Schr[amm] sagt: alle diese Stellen aus dem „Kapital" passen nicht auf mein spezielles Geldpapier; und Schr[amm] hat recht, wenn er dem B[ürkli] aus dem „Kapital" nachweist, daß er überhaupt von Natur und Funktion des Geldes nicht die blasseste Vorstellung hat. Damit aber ist der spezielle Bürklische Geldvorschlag nicht direkt in seinen Unsinn aufgelöst; dazu gehört außer dem allgemeinen Nachweis, daß dies „Geld" unfähig, die wesentlichsten Geldfunktionen zu erfüllen, auch der besondere über die Funktionen, die ein solches Papier etwa wirklich erfüllen kann. Zudem, wenn B[ürkli] sagt: was geht mich Marx an? ich halte mich an Cieszk[owski] – so fällt Schr[amm]s ganze Beweisführung gegenüber Bürkli. – Es ist ein Glück, daß der „S[o]zialdemokrat" sich in den ganzen Kram nicht gemischt. Diese ganze Agitation wird wohl von selbst wieder einschlafen.
Daß die Krisen einer der mächtigsten Hebel der politischen Umwälzung sind, liegt schon im „Kommunistischen Manifest" und ist in der „Revue" der „N[euen] Rh[einischen] Z[eit[ung]" bis inkl. 1848 ausgeführt, daneben aber auch, daß die rückkehrende Prosperität dann auch die Revolutionen knickt, und den Sieg der Reaktion begründet. Der Detailnachweis hat dabei auf die Zwischenkrisen, die teilweise mehr lokaler, teilweise mehr spezieller Natur sind, Rücksicht zu nehmen; eine solche auf reinen Börsenschwindel zu reduzierende Zwischenkrise erleben wir in diesem Augenblick, bis 1847 waren sie regelmäßige Mittelglieder, so daß in meiner „Lage der arbeitenden Klasse" der Zyklus noch als fünfjähriger erscheint.
In Frankreich sind auf beiden Seiten grobe Fehler begangen worden, zuletzt jedoch haben Malon und Brousse mit ihrer Ungeduld, die Sache zur Krisis zu treiben und die „Égalité" auszustoßen (wozu die Union Fédérative gar kein Recht hat), sich so entschieden ins Unrecht gesetzt, daß ihnen dies schlecht bekommen wird. Bei so geriebnen Klünglern wie M[alon] und B[rousse] wäre eine solche Unklugheit unbegreiflich, wenn ihnen nicht das Feuer auf den Nägeln gebrannt hätte. Der „Prolet[aire]" soll nämlich auf dem letzten Loch pfeifen, und geht der ein, so haben sie kein Blatt und die andern zwei2. Daher mußte die Sache entschieden werden, solange sie noch ein Blatt hatten, das die Beschlüsse verbreitete. Die Gemeinheiten und puren Erdichtungen, die sie jetzt gegen G[uesde], La[fargue] etc. verbreiten, besonders das Factum – Joffrin3, das dieser aber nicht gemacht, sondern Br[ousse] und M[alon], sind ganz im Stil der alten bakunistischen Allianz und wecken alte Erinnerungen bei uns wach. Der „S[o]zialdemokrat" hat ganz recht, sich absolut nicht einzumischen, bis die Sache mehr Klärung erhalten, ich glaube nicht, daß das sehr lange dauert.
Ich wollte noch an Kautsky wegen der Polen schreiben, muß es aber für heute lassen. Besten Gruß.
Ihr
F. E.