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Jenny Marx an Johann Philipp Becker
in Genf

[London, zwischen dem 16. und 20. August 1876]

Mein teurer, verehrter Freund,
Sie haben wirklich feurige Kohlen auf mein Haupt gesammelt und wenn ich eben das Datum Ihres ersten lieben Briefes und selbst das des Nachfolgers betrachte, so muß ich mich in Sackcloth und Asche hüllen. Ich komme mit einem aufrichtigen pater peccavi1 zu Ihnen. Gleich nach dem Empfang Ihres ersten Briefes wollte ich gleich schreiben, da kam was dazwischen, ich verschob es und das Verschieben ist der sicherste Tod der Briefschreiberei. Gerät man erst ins Verschieben, so wird aus dem Tag eine Woche, aus der Woche ein Monat und wie schnell sich die Monde in ein Jahr abrunden, das mögen die Götter und wir alten Leute am besten wissen. Je älter man wird und je schlimmer die Zeiten, je rascher vergehn sie und je schneller fliegen die Stunden dahin. Mir ist’s wenigstens so. Und muß doch auch das Alter etwas für sich haben. Ist’s doch schon gottsjämmerlich miserabel, nicht mehr jung und frisch und „gut“ zu sein, das fühlt man besonders, wenn zum Alter nun auch noch Krankheit hinzukommt, und das war in der letzten Zeit bei mir der Fall und wohl der beste Fürsprecher zu meinen Gunsten im Versäumen meiner Korrespondenzpflichten gegen einen so alten, treu bewährten Freund. Ich habe seit Monaten so sehr am Kopf etc. etc. gelitten, daß ich oft ganz duselig und verdattert war und schon deshalb nicht schreiben konnte. Ein dreiwöchentlicher Aufenthalt in Brighton hat mich wieder etwas auf den Strumpf gebracht. Mein Mann und meine jüngste Tochter2 sind am verflossenen Freitag nach Karlsbad abgereist, leider beide aus Gesundheits- oder vielmehr Krankheitsrücksichten. Diese so sehr kostspielige Reise macht alle andern Ausflüge und Besuche treuer Freunde nah und fern unmöglich, und so gern mein Mann auch einmal den Montblanc und den alten Becker begrüßen möchte, so ist er doch gezwungen, sich ganz ängstlich bloß an seiner Kur zu halten und alle Extratouren zu vermeiden. Ich selbst kann auch mein Ränzel dieses Jahr nicht schnüren und puste und blase mich hier heiß und kalt in der diabolischen Hitze. Ich erhielt gestern einen Brief von Karlsbad. Sie sind nach vielen Tribulationen endlich in der Leberheilanstalt angelangt. In Nürnberg sind sie stundenlang umhergelaufen, um ein Bett aufzutreiben. Nicht die geringste Spelunke war zu haben. Die Bäcker hatten einen Kongreß, und von allen Seiten strömten die Zukunftsposaunen und -trompeten, die Siegfriede, Walküren und Götterdämmerungshelden nach Nürnberg3, das sie ohne seinen Tant4 wieder verlassen mußten. Nachher gerieten sie in einen falschen Zug und kamen erst nach wahrhaft Don Quichotischen Kreuz- und Querzügen, die 28 Stunden dauerten, im Sprudellande an.

Alle Ihre Nachrichten haben mich sehr interessiert, und wenn ich heute nicht en detail darauf antworte, so schreiben Sie das der barbarischen Hitze ad conto; die muß jetzt der Sündenbock für vieles sein. Ich kann Ihnen nicht sagen, wie sehr ich bedaure, Ihnen bisher noch gar kein Material verschafft zu haben.5 Mit dem Geschäftsführer ist, wie es scheint, nichts zu machen. Ich habe ihm so oft geschrieben. Kürzlich hatte mein Mann einen Brief von Borkheim, wonach es ihm allerdings etwas besser geht. Ich glaube, es wäre das beste und sicherste, wenn Sie sich persönlich an ihn wendeten. Er weiß am besten, wo die Sachen liegen, und kann dann Ordres geben, sie herauszusuchen und sie Ihnen zu senden. Was die andern Bücher, Papiere etc. betrifft, die Sie zu besitzen wünschen, so werde ich mich deshalb an unsern alten Freund Leßner wenden. Engels und mein Mann haben gar keine Verbindung mehr mit dem alten Arbeiterverein, der tief, tief heruntergekommen und ein reiner Knotenpaukverein geworden ist. Leßner hat ihn bisher noch so künstlich zusammengehalten, hat aber jetzt auch die Sache bis an den Hals. Er kann Ihnen aber am allerbehülflichsten sein und ist ein braver, zuverlässiger Mann, der sich politisch stets besonders gut und brav gehalten. Einer von der alten Garde „qui meurt mais ne se rend pas“!6 Da ich nächste Woche Freund Engels in Ramsgate besuchen werde7, so will ich noch vorher alles so viel wie möglich mit Leßner in Ordnung bringen. Ich bin überzeugt, daß Sie direkt mit Borkheim am besten zurechtkommen. Seine Adresse ist:

S. Borkheim, England,
Denmark Place
Hastings

Und nun, mein verehrter Freund, für heute Lebewohl! Das nächste Jahr um diese Zeit hoffen wir alle „drüben“ zu sein, d. h. im „lieben Vaterland“, um einmal all die alten Kameraden wiederzusehn. Dann geht’s auch schnurstracks zum Papa Becker. Seien Sie aufs herzlichste gegrüßt von

Ihrer alten Freundin
Jenny Marx