27. Sept. 1877
41, Maitland Park Road
London, N. W.
Lieber Freund,
Leider finde ich Deinen Brief erst jetzt bei meiner Rückkehr vom Kontinent (wohin mich die Ärzte geschickt) vor. Meine Antwort kommt daher vielleicht viel zu spät. Im übrigen Pater Peccavi1! Aber die verfluchte Schlaflosigkeit, die mich heimsuchte während dieses Jahres, machte mich immens schreibfaul, da ich die passablen Momente absolut der Arbeit schuldete.
Wenn Weydemeyer noch nicht hat drucken lassen, würde ich „Kapital und Arbeit“ durchsehn, da das Original voll der abscheulichsten Druckfehler. Du hast überhaupt keine Idee, wie die Partei, i. e. die Chemnitzer (as represented by2 Vahlteich3) mit mir umgingen. Erst, auf Liebknechts Andringen und da mir die Sache auch von Chemnitz aus als sehr pressant vorgestellt ward, unternahm ich die Arbeit vor Abreise nach Karlsbad, trotz höchst zerrütteten Nervenzustands. Und bei den vielen Eseleien, die der Most (jetzt glücklich bei Herrn Dühring gelandet; ist ein eitler Bursch, der stets bereit, was immer er liest, sofort als Stoff zu einer Druckschrift zu vermöbeln) verübt, und dem vorgeschriebnen engen Raum war das keine Kleinigkeit. Very well!4 Monatelang erhielt ich keine Nachricht, frage an, erhalte die „kühle“ Antwort Vahlteichs, das die Sache bloß gesetzt wird in den kleinen Zeitfetzen, welche das Setzen der Chemnitzer Philisterannoncen der Parteiodruckerei läßt! Solche kühle Unverschämtheit ist mir noch nicht vorgekommen! So dauerte der Druck beinahe ein Jahr! und endlich erschien das Opusculum wimmelnd von sinnentstellenden Druckfehlern!
Um Zeitverlust zu vermeiden, vielleicht besser, wenn Ihr zunächst in der von Dir vorgeschlagnen Weise druckt und ich für die 2te Auflage das Gedruckte (was viel leichter) korrigiere.
Das „Kommunistische Manifest“ werde ich unmittelbar mit Engels korrigieren und Dir dann zuschicken.
Ad vocem5 „Kapital“ und Douai:
Erstens: Hat Douai einen Herausgeber?
Zweitens: Die französische Ausgabe hat mir so viel Zeitverlust gekostet, daß ich persönlich bei keiner Übersetzung irgendwie mehr mitwirke. Du mußt wissen, ob Douai genug Englisch weiß, um allein die Sache zu machen. Wenn so, so hat er meine volle Erlaubnis und meinen Segen. In dem Fall aber:
Drittens: Er muß bei der Übersetzung durchaus neben der 2ten deutschen Ausgabe die französische Ausgabe vergleichen, wo ich manches Neue zugesetzt und vieles wesentlich besser dargestellt habe. Ich werde Dir noch im Lauf dieser Woche zweierlei zugehn lassen:
1. Ein Exemplar der französischen Ausgabe für Douai.
2. Ein Verzeichnis dessen, wo nicht die6 französische Ausgabe mit der deutschen zu vergleichen, sondern wo der französische Text ganz zugrund gelegt werden muß.
Herr Uriele Cavagnari in Neapel bereitet (nach der französischen Ausgabe) die italienische Ausgabe des „Kapital“ vor; er druckt auf seine Kosten und wird das Buch zum Kostenpreis verkaufen. Braver Mann!
Was Du über die Deutschen schreibst, verwundert mich in keiner Weise. Hier ganz ebenso. Engels und ich haben uns daher ganz von dem Pack zurückgezogen (ebenso Leßner). Ausnahme macht nur ein mir befreundeter deutscher Arbeiter, dessen Name mir augenblicklich nicht einfällt (ich glaube: Weyer7); er hat Sitz im London Trades’ Union Council und hat die einzig vernünftige Resolution (daß die Arbeiter nur Arbeiter als Repräsentanten ins House of Commons8 wählen sollen) auf dem shameful9 Trades Union Congress zu Leicester durchgesetzt, wo die Bourgeois die Patrone spielten, u. a. Herr Th. Brassey, großer Schwindler und Millionär und Sohn des berüchtigten Eisenbahn-Brassey, der Europa und Asien „unternommen“ hatte.
Der Genfer Kongreß, so viel er sonst zu wünschen übrig läßt, hatte wenigstens das Gute, daß Guillaume et Co. total von ihren alten Bundesgenossen verlassen wurden. Mit Mühe wurden die flämischen Arbeiter abgehalten, den großen Guillaume durchzuprügeln. Der schwatzschweifige De Paepe mit Brismée insultierte sie; Herr John Hales ditto. Letzterer stellte sich unter Kommando von – Barry, den ich veranlaßt, teils als Mitglied des Kongresses (ich weiß nicht, als Delegat für wen), teils als Korrespondent für den „Standard“ (London) hinzugehn. Ich für meinen Teil will persönlich nie mehr mit Jung und Hales zu tun haben, aber den Jurassiens gegenüber ihr zweiter Abfall nützlich. Barry ist mein factotum hier; er dirigierte auch die Berichterstatter der „Times“ (die den Herrn Eccarius entlassen). Durch ihn namentlich unterhielt ich aber während Monaten inkognito ein Kreuzfeuer gegen den Russomanen Gladstone in der Londoner fashionable press10 („Vanity Fair“ und „Whitehall Review“) wie in der englischen, schottischen und irischen Provinzialpresse, enthüllte seine Mogelei mit der russischen Agentin Nowikow, der russischen Gesandtschaft zu London etc.; ditto wirkend durch ihn auf englische Parlamentler des Unter- und Oberhauses, die die Hände über dem Kopf zusammenschlagen würden, wüßten Sie, daß der Red-Terror-Doctor11, wie sie mich nennen, ihr Ohreneinbläser in der orientalischen Krise.
Diese Krise ist ein neuer Wendepunkt der europäischen Geschichte. Rußland – und ich habe seine Zustände aus den russischen Originalquellen, unoffiziellen und offiziellen (letztere nur wenigen Menschen zugänglich, aber mir durch Freunde in Petersburg verschafft) – studiert, stand schon lang an der Schwelle einer Umwälzung; alle Elemente dazu fertig. Die braven Türken haben die Explosion um Jahre beschleunigt durch die Keile, die sie nicht nur der russischen Armee und den russischen Finanzen, sondern der die Armee kommandierenden Dynastie (Zar12, Thronfolger13 und 6 andre Romanows) höchsteigen persönlich erteilt. Die Umwälzung wird secundum artem14 mit Konstitutionsspielereien beginnen, et puis il y aura un beau tapage15. Wenn uns Mutter Natur nicht besonders ungünstig, erleben wir den Jubel noch!
Das dumme Zeug, das die russischen Studenten machen, ist nur Symptom, an sich selbst wertlos. Aber es ist Symptom. Alle Schichten der russischen Gesellschaft sind ökonomisch, moralisch, intellektuell in voller Dekomposition.
Die Revolution beginnt diesmal im Osten, wo das bisher unverletzte Bollwerk und die Reservearmee der Konterrevolution.
Herr Bismarck sah mit Vergnügen den Keilen zu, aber so weit sollte es nicht gehn. Rußland, zu sehr geschwächt, könnte nicht wieder wie im Deutsch-Französischen Krieg Östreich im Schach halten! Und wenn es dort gar zur Revolution käme, wo bleibt denn die letzte Garantie für die Hohenzollerndynastie?
Für den Augenblick kommt alles darauf an, daß die Polen (im Königreich Polen) sich Ducks halten. Nur keine Emeuten dort in diesem Augenblick! Bismarck würde sofort einrücken, und der russische Chauvinismus würde wieder auf seiten des Zar treten. Warten die Polen dagegen ruhig ab, bis es in Petersburg und Moskau brennt, und träte Bismarck dann als Retter ein, so findet Preußen – sein Mexico!
Ich habe solchen Polen, die Einfluß auf ihre Landsleute und mit denen ich in Verbindung, dies wieder und wieder eingebleut!
Die französische Krise ist ein ganz sekundäres Ereignis verglichen mit der orientalischen. Doch ist zu hoffen, daß die Bourgeoisrepublik siegt, oder das alte Spiel fängt wieder von vorn an, und keine Nation kann dieselben Dummheiten zu oft wiederholen.
Mit herzlichsten Grüßen von mir und Frau
Dein
Karl Marx
Postskriptum.
Notar Wessel von Genf zeigte mir die Geschichte wegen des Testaments von Lingenau an.
Wir werden (i. e. die Exekutoren) einen Mandanten in Amerika ernennen müssen, wozu nur Du Dich eignen würdest. Vor allem aber nötig zu wissen, wie die Sache in Amerika steht und ob das Testament ohne unendliche Prozesse ausführbar. Du wirst mich verpflichten, wenn Du Erkundigungen darüber einziehst und mich informierst.