London, 21.[-22.] Dez. 71
Meine lieben Freunde,
Zuallererst möchte ich für Ihren freundlichen Brief danken, mein lieber Doktor, und Sie um Verzeihung bitten, daß ich ihn nicht eher beantwortet habe. Wenn Sie wüßten, wieviel ich die letzte Zeit zu tun hatte, würden Sie mir vergeben. Während der letzten drei Wochen bin ich von einem Vorort Londons zum anderen gelaufen (was keine kleine Unternehmung ist in dieser ungeheuren Stadt), und dann habe ich oft bis ein Uhr morgens Briefe geschrieben. Der Zweck dieser Wege und Briefe ist, Geld zur Unterstützung der Flüchtlinge zu erhalten. Bis jetzt haben wir leider keinen Erfolg mit unsern Anstrengungen gehabt. Die schändlichen Verleumdungen der schamlosen Zeitungskrämer haben die Engländer sosehr gegen die Kommunarden voreingenommen, daß sie allgemein mit unverhülltem Abscheu angesehen werden. Die Unternehmer wollen nichts mit ihnen zu tun haben. Die Männer, denen es unter angenommenen Namen gelungen war, Stellung zu bekommen, entläßt man, sobald man merkt, wer sie sind. Der arme M[onsieur] und die arme Mad. Serraillier z.B. hatten Stellungen als Französischlehrer gefunden. Vor ein paar Tagen wurde ihnen jedoch mitgeteilt, die Dienste eines Ex-Mitgliedes der Kommune und seiner Frau würden nicht mehr benötigt. Doch kann ich von diesen Dingen aus persönlicher Erfahrung sprechen. Die Monroes z.B. haben alle Verbindung mit mir abgebrochen, weil sie die entsetzliche Entdeckung gemacht haben, daß ich die Tochter des Haupt-Petroleurs bin, der die verruchte Kommune-Bewegung verteidigt.
Da die Flüchtlinge keine Arbeit finden können, könnt Ihr Euch vorstellen, in welche Not sie geraten. Ihre Leiden sind unbeschreiblich – sie sterben buchstäblich in den Straßen dieser großen Stadt – der Stadt, die das Prinzip chacun pour soi1 bis zu seiner höchsten Vervollkommnung entwickelt hat. Man darf sich nicht darüber wundern, daß auf die Engländer das namenlose Elend von Ausländern, für die sie keinerlei Sympathie haben, wenig Eindruck macht. Sie halten den Hungertod für etwas, das von ihrer glorreichen Verfassung nicht zu trennen ist, und betrachten die Freiheit zu verhungern als etwas, worauf sie stolz sind. Seit mehr als fünf Monaten hat die Internationale jetzt die große Masse der Verbannten unterstützt, d.h. sie gerade über Wasser gehalten. Aber ihre Mittel sind jetzt erschöpft. In dieser äußersten Not haben wir das beigelegte private Zirkular drucken lassen. Ich habe es verfaßt und, wie Sie sehen werden, sorgfältig jedes Wort und jede Andeutung vermieden, die bei den Philistern Anstoß erregen könnten.
Ihr könnt Euch vorstellen, meine lieben Freunde, wie sehr all diese Schwierigkeiten und Sorgen den armen Mohr quälen. Er muß nicht nur gegen alle Regierungen der herrschenden Klassen kämpfen – obendrein hat er Handgemenge zu bestehen mit Hauswirtinnen vom Typ „fett, freundlich und vierzig“, die ihn angreifen, weil der eine oder andere Kommunard seine Miete nicht bezahlt hat. Wenn er sich gerade in einen abstrakten Gedanken2 vertieft hat, fällt Frau Meier oder Schulze über ihn her. Wenn der „Figaro“ dies nur wüßte – was für ein Feuilleton könnte er seinen Lesern bieten!
Bei all den Unterbrechungen verschiedenster Art hat Mohr die größte Mühe gehabt, Zeit für die Bearbeitung des ersten Kapitels seines Buches für die zweite Auflage zu finden. Er hofft jetzt, es auf Biegen oder Brechen vor Ende nächster Woche an seinen Verleger3 schicken zu können. Er hat einige Teile sehr vereinfacht. Aber glücklicherweise ist trotz der massenhaften Sorgen Papas Gesundheit ziemlich gut, besser als sie gewöhnlich um diese Jahreszeit gewesen ist. Vor ein paar Wochen hatte er einen Abszeß unter dem Arm, aber es war nicht bösartig und bald ausgeheilt. Sein Husten hat ihn auch beinah ganz verlassen – er hustet nur noch morgens – (Sie werden sich erinnern, daß er früher mitunter die ganze Nacht hustete).
Die Nachfolger der dahingeschiedenen Allianzisten haben dem Generalrat keinen Augenblick Frieden gelassen. Während mehrerer Monate ist es ihnen gelungen, ihre Intrigen in jedes Land zu tragen. Sie gingen mit solch wilder Energie an die Arbeit, daß es eine Zeitlang schlecht für die Zukunft der Internationale aussah. Spanien, Italien, Belgien standen scheinbar auf seiten der Abstentionisten Bakunins und waren gegen den Beschluß über die Notwendigkeit der politischen Aktion der Internationale. Hier in England intrigierte die Clique der Abstentionisten mit Bradlaugh, Odgers und ihren Anhängern, sie hatten nicht einmal Skrupel, die Spitzel und Lockspitzel Thiers’ und Badinguets zu benutzen. Ihre Organe, das „Qui Vive!“ in London und die „Révolution Sociale“ in Genf, übertrafen einander in Verleumdungen „ces autoritaires“, ces „dictateurs“, ces „Bismarckiens“ du Conseil Général4. Herr Bradlaugh hat zur erbärmlichen Fälschung Zuflucht genommen, um „le grand chef de ce conseil5“ zu verleumden. Seit Wochen hat er heimlich auf privaten Zusammenkünften zu verstehen gegeben und dann endlich auf einer öffentlichen Versammlung offen erklärt, daß Karl Marx ein Bonapartist war und ist. Seine Behauptung gründet sich auf eine Passage im „Bürgerkrieg“, wo dargelegt wird, daß das Kaisertum „die einzige mögliche Regierungsform war“ – hier hält Bradlaugh inne und läßt die Schlußworte weg – „zu einer Zeit, wo die Bourgeoisie die Fähigkeit, die Nation zu beherrschen, schon verloren und wo die Arbeiterklasse diese Fähigkeit noch nicht erworben hatte“.
Doch der Erfolg dieser Intriganten war nur scheinbar, in Wirklichkeit sind sie überall erfolglos gewesen. All ihre schlau angelegten Verschwörungen und Manöver haben ihnen nichts eingebracht.
In Genf, diesem Intriganten-Treibhaus, hat ein Kongreß, der dreißig Sektionen der Internationale vertrat, sich für den Generalrat erklärt und eine Resolution dahingehend angenommen, daß die Separatisten-Fraktionen künftig nicht mehr als Teil der Internationale gelten können, da ihre Handlungen deutlich gezeigt haben, daß ihr einziges Ziel ist, die Assoziation zu desorganisieren; daß diese Sektionen, die unter einem anderen Namen nur eine Fraktion der alten Allianz-Clique sind, durch fortgesetztes Säen von Zwietracht gegen die Interessen der Föderation handeln. Diese Resolution wurde in einer Versammlung von 500 Mitgliedern einstimmig angenommen. Die Bakunisten, die alle den Weg von Neuchâtel gekommen waren, um dabei zu sein, wären ernstlich mißhandelt worden, wenn nicht die Männer, welche sie „des Bismarckiens“, „des autoritaires“ betiteln – Utin, Perret usw. – sie gerettet und die Versammlung gebeten hätten, ihnen das Sprechen zu erlauben. (Utin war sich natürlich klar darüber, daß das beste Mittel, sie gänzlich zu töten, darin bestand, sie ihre Reden halten zu lassen.)
Die Nachrichten aus Belgien sind nach De Paepe ebenfalls gut. Sonntag soll in Brüssel ein Kongreß gehalten werden.
Der Spanische Föderalrat hat gleichfalls alle Beschlüsse der Delegiertenkonferenz angenommen, und er hat die Unaufrichtigkeit der Separatisten-Clique enthüllt.
In Amerika ist letztere Partei, vertreten durch Sektion 12, machtlos. Alles, was sie tun kann, ist, die Versammlungen der anderen Sektionen zu stören.
Die Londoner französische Sektion hat aufgehört zu existieren. Vermersch (le Père Duchêne) war ihr Totengräber.
Ich fürchte, ich habe schon allzulange Ihre Zeit in Anspruch genommen – doch muß ich noch in ein paar Worten Ihren Brief beantworten, mein lieber Doktor.
Nach Papas Meinung wird im Falle eines Krieges zwischen Rußland und Preußen Österreich der Sündenbock sein, und die Wölfe werden den Streit damit beilegen, daß einer dem anderen zu einem Stück vom Lamm verhilft.
Es hat mir leid getan zu hören, daß Sie die Illustrierte nicht erhalten haben – in erster Linie, weil man schwer Exemplare bekommt, und dann, weil es mir leid tut zu denken, daß Sie die ganze Zeit über geglaubt haben, ich hätte vergessen, Ihnen die Zeitung zu schicken. Glaubt mir, mein liebes „Trautchen“ und lieber „Wenzel“, Ihr wart die allerersten, denen sie geschickt worden ist. Ich habe sie an Euch geschickt, noch bevor Laura ein Exemplar hatte. Das Bild ist gleichfalls in einem italienischen Blatt erschienen, sowie in der „London Illustrated Times“, und wird in Kürze in der spanischen „Ilustración“ veröffentlicht werden. Ihr seht, es macht le tour du monde5. Dank für die deutsche Illustrierte. Das Bild gefällt mir nicht sehr. Bei dem Versuch, die Züge zu verschönern usw., hat der Künstler alles geopfert, was charakteristisch war. Einer unsrer Freunde sagt, daß er, wenn er es zufällig in einem Schaufenster gesehen hätte, gesagt haben würde „Voilà un bel homme qui ressemble à M.Marx“6. Ich werde Euch noch eine Pariser „Illustration“ schicken, sobald ich ein Exemplar aus Paris bekommen kann – hier in London ist das Blatt nicht zu haben.
Was Bergerets Buch angeht, so habe ich es nicht geschickt. Es ist das Lesen nicht wert. Mit einer Ausnahme sind alle bis jetzt erschienenen Bücher über die Kommune reiner Plunder. Diese eine Ausnahme von der allgemeinen Regel ist Lissagarays Werk – das Ihr zugleich mit diesem Brief erhalten werdet.
Um auf die Streitfrage des umherwandernden Briefes zurückzukommen, der bis nach Rußland gereist ist, ehe er Sie erreicht hat, muß ich bemerken, daß Sie sich irren, wenn Sie meinen, ich sei wirklich ärgerlich gewesen, als ich einen Scherz über deutsche „Bildung“7 machte. Wie sollte ich, eine französische Barbarin, mich erdreisten, die kultivierte deutsche Nation, cette grrrrrrande nation8, zu kritisieren! Doch da Sie entschlossen zu sein scheinen, einen eingebildeten Fehdehandschuh aufzunehmen (und er ist eingebildet, das versichere ich Ihnen; denn ich habe meine beiden Handschuhe in der Tasche), so muß ich Sie bitten, keine unehrlichen Waffen gegen mich zu gebrauchen. Wenn Sie die beigelegte Adresse ansehen wollen, so werden Sie sehen, daß ich niemals Hannover mit einem Akzent über dem ó geschrieben habe. Auf dem Umschlag habe ich „Hannover“ geschrieben – doch wenn ich englisch schreibe, so mit nur einem n, in der korrekten englischen Schreibweise. – Aber geben wir uns die Hand (ich wollte, wir könnten es wirklich tun!), warum sollen wir streiten mit dem Neuen Jahr vor der Tür. Fürs Neue Jahr wünsche ich Euch allen Gesundheit und viel Glück, und vor allem hoffe ich, daß wir einander in seinem Verlaufe sehen werden. Da unsere Familie es nicht riskieren kann, nach dem Kontinent zu gehen, und es deshalb auch keine Aussicht gibt, Euch in Deutschland zu besuchen, so müßt Ihr auf alle Fälle herüberkommen, um uns sehen zu können – denn laßt Euch gesagt sein, wenn Ihr Euch nicht entschließt, im nächsten Frühjahr oder Sommer nach London zu kommen, so kann es sein, daß Ihr uns hier nicht mehr antrefft, da die englische Regierung insgeheim Maßnahmen zur Einführung eines Gesetzes über die Ausweisung von Kommunisten und Internationalen vorbereitet. Die Aussicht, uns im Lande des Yankee Doodle Dandy niederzulassen, ist nicht sehr angenehm für uns. Dessenungeachtet, jeder Tag hat seine Sorgen!
Mit nochmaligen Glückwünschen von allen daheim und mit einem herzlichen Kuß für das liebe Fränzchen, das eine richtige erwachsene junge Dame sein wird bis ich sie wiedersehe (ich hoffe diesen Sommer), verbleibe ich, meine lieben Freunde, allerherzlichst
Eure
Jenny Marx
22. Dezember...
Wir haben gerade Eure Briefe erhalten. Ich weiß nicht, wie ich Euch danken soll für all Eure Güte. Ihr verwöhnt uns zu sehr... Die Kiste ist noch nicht angekommen, beim Auspacken werde ich Eure Vorschriften buchstäblich befolgen. – Was Deine freundliche Einladung angeht, mein liebes Trautchen, so nimm meinen besten Dank dafür. Ich fürchte jedoch, es wird mir diesen Winter unmöglich sein, von zu Hause wegzugehen. Ich kann mich hier gerade etwas nützlich machen – und außerdem bin ich in diesem Jahr schon vier Monate fort gewesen, und das kam mir wie eine Ewigkeit vor. Ich fühle mich, als wäre ich gerade eben aus dieser langen Verbannung zurückgekehrt. Du mußt versprechen, uns im nächsten Jahr besuchen zu kommen, mein liebes Trautchen!
Übrigens habe ich vergessen, Euch meine Meinung über O’Donovan Rossa mitzuteilen9. – Leider muß ich sagen, ich glaube, es ist viel Wahres in den Berichten über ihn. Er hat den Brief, den ich ihm geschrieben habe, nicht beantwortet – aber er hat die Kommunisten nicht wieder angegriffen, und das ist alles, was ich wollte.
Die Iren in London treten in die Reihen der Internationale ein. In verschiedenen Teilen des East End bilden sich irische Sektionen. – Doch Ihr werdet glauben, dieses Bandwurm-Schreiben geht niemals zu Ende, und das würde es vielleicht auch nicht, wenn meine Feder sich nicht schlechterdings weigerte weiterzuschreiben.
Also mit freundlichen Grüßen an alle verbleibe ich Eure aufrichtige Freundin
Jenny Marx
Die Kiste ist gerade angekommen. Ich weiß wirklich nicht, welches Geschenk ich am meisten bewundern soll. Das Medaillon werde ich für das allererste große Ereignis aufheben, und ich werde das Shakespeare-Bild sofort einrahmen lassen. Es ist eines der schönsten, das ich je gesehen habe. Mohr freut sich sehr über das Bücherregal. Tussy und Mama sind nicht zu Hause!
Aus dem Englischen.