[London] 3. Oktober 71
Mein lieber Doktor,
Besten Dank für die Porträts, die Sie so freundlich waren uns zu schicken; es sind ausgezeichnete Abdrucke. Ich bin ganz Ihrer Meinung, daß die Seitenansicht vorzuziehen ist, besonders für eine Illustrierte; aber unglücklicherweise hatten wir zusammen nur zwei Stimmen, und da viele Stimmen gegen uns waren, hatte ich manchen harten Strauß zu bestehen, dessen versichere ich Sie. Schließlich habe ich nur ein Kompromiß erreicht – d. h. beide Exemplare sind an den Künstler geschickt worden, der das Bild veröffentlichen soll, und er wird zwischen ihnen entscheiden oder beide benutzen.
Es freut mich, Ihnen mitteilen zu können, daß es möglich war, Mohr davon zu überzeugen, die Arbeit für fünf Tage liegenzulassen und an die See zu gehen. Heute wird er zurückkommen müssen, weil eine Sitzung der Internationale stattfindet. Mama ist bei ihm, sie schreibt, die paar Tage Ruhe haben ihm sehr gutgetan. Und er hatte Ruhe bitter nötig! Für mich ist es ein Wunder, wie er all die Anstrengungen und Aufregungen dieser letzten Monate hat ertragen können.
Die Arbeit war und ist immer noch fürchterlich. Nehmen Sie heute als Beispiel. Heute früh kam ein Brief von einer italienischen Sektion der Internationale, in dem mitgeteilt wird, daß die Assoziation in Italien großartige Fortschritte macht (ich nehme an, Sie haben Garibaldis Brief über die Internationale gesehen), und um Rat und Unterstützung gebeten wird. Dann kamen Briefe aus verschiedenen Teilen Frankreichs, und schließlich eine verrückte Epistel von einem Schweden, der anscheinend irrsinnig geworden ist. Er ruft „le grand maître“1 auf, „Fackeln auf Schwedens Bergen zu entzünden“ usw. Kaum ist der Postbote verschwunden, da klingelt es. Ein Ankömmling aus Frankreich – Rußland – oder Hongkong! Die Zahl der Flüchtlinge hier nimmt täglich zu. Diese armen Menschen sind in einem wirklich herzzerreißenden Elend – sie haben die Kunst der Badinguet, d’Orléans, Gambetta usw. & Co. nicht erlernt, für den Tag der Not vorzusorgen – sie sind ohne Kleidung am Leibe und ohne einen Heller in der Tasche herübergekommen. Der Winter hier wird schrecklich sein.
Ihre Befürchtungen hinsichtlich der Einfuhr von Spitzeln aus Frankreich sind nur zu wohl begründet. Glücklicherweise hat der Rat seine Vorkehrungen getroffen. Um Ihnen den Erfolg dieser Vorsichtsmaßnahmen zu beweisen, brauche ich Ihnen nur zu sagen, daß die Internationale vom 17. bis 23. [September] eine Konferenz abgehalten hat, und keine einzige Zeitung wußte etwas davon. Am 24. beschloß ein Bankett die Verhandlungen. Mohr wurde ernannt, bei diesem Anlaß den Vorsitz zu führen (sehr gegen seinen Willen, wie Sie sich vorstellen können), und er hatte die Ehre, zu seiner Rechten den heldenhaften polnischen General Wróblewski zu haben. An der anderen Seite saß Dombrowskis Bruder2. Es waren sehr viele Mitglieder der Kommune anwesend. Aus der Schweiz waren Utin und Perret als Delegierte gekommen, aus Belgien De Paepe und fünf andere, aus Spanien Lorenzo – ein höchst ernster, der Sache ergebener Mann, Liebknecht und Bebel konnten wegen Geldmangels nicht kommen. Die Konferenz hat sehr viele Angelegenheiten behandelt. Unter anderen Fragen tauchte natürlich der ewige Schweizer Streit auf. Es wurde eine besondere Kommission gewählt, um die Streitigkeiten zu untersuchen. Die von ihr gefaßten Beschlüsse werden hoffentlich den heimtückischen Machenschaften der Clique Bakunin-Guillaume-Robin ein Ende machen. Hier sind einige der Beschlüsse über die Schweizer Angelegenheit:
„Considérant,
que l’Alliance de la Démocratie Socialiste s’est déclaré dissoute;
que dans sa séance du 18 septembre la conférence a décidé que toutes les organisations existantes de l’Association Internationale seront désormais obligées à se désigner et à se constituer simplement et exclusivement comme branches, sections, fédérations etc. de l’Association Internationale avec les noms de leurs localités respectives attachés;
qu’il sera donc défendu aux branches et sociétés existantes de continuer à se désigner par des noms de secte, c.-à-d. comme mutualistes, positivistes, collectivistes, communistes etc.;
qu’il ne sera plus permis à aucune branche ou société déjà admise de continuer à former un groupe séparatiste sous la désignation de „section de propagande“, alliance etc. – se donnant des missions spéciales en dehors du but commun poursuivi par la masse du prolétariat militant réuni dans l’Association etc.;
qu’à l’avenir le Conseil Général de l’Association Internationale devra interpréter dans ce sens la Résolution du congrès de Bâle ‚Le Conseil Général a le droit d’admettre ou de refuser l’affiliation de toute nouvelle société ou groupe, sauf l’appel au prochain congrès‘ etc. ect.“3
Tussy ruft mich – ich muß also den Brief beenden. Ich wollte auch an das liebe Trautchen schreiben, aber ich merke, ich komme heute nicht dazu. Wollen Sie sie bitten, mich zu entschuldigen, und ihr sagen, daß jedes Wort des Berichts (in den deutschen Blättern) über unsere Verhaftung unwahr ist. Anstatt unsre Namen in Luchon bekanntzugeben, ist uns jeder Brief unter den Namen Williams4 oder Lafargue nachgeschickt worden. Wir haben äußerst zurückgezogen gelebt und niemanden außer dem Doktor gesehen, den wir leider während des ganzen Aufenthaltes nötig hatten. Es war wahrlich ein trauriger Aufenthalt, denn Lauras jüngstes Kind war während der ganzen Zeit krank und starb nach schrecklichen Leiden gegen Ende Juli – am 26. Ein paar Tage nach dem Tode des Kindes, gerade als die Lafargues wieder imstande waren, ein wenig auszugehen, begann Herr de Kératry seinen guerre à outrance5 gegen uns. Laura, die zu ihrem Mann nach Bosost (in Spanien) gegangen war, hat viel gelitten. Ihr ältestes Kind6 wurde krank, so krank, daß sie dachte, es würde sterben – es litt an der in jenem Teil Spaniens vorherrschenden Dysenterie –, und sie konnte nicht weggehen, weil die spanische und französische Polizei darauf warteten, sie zu verhaften. Dem Kind geht es jetzt etwas besser. Paul war inzwischen auf unbekannten Pfaden ins Innere Spaniens entkommen. Tussy und ich waren auf dem Rückweg von Bosost entdeckt, verhaftet, einige Tage in unserm Hause als Gefangene eingesperrt und dann in die Gendarmeriekaserne gebracht worden. Den bei mir gefundenen Brief hatte ich an O’Donovan Rossa geschrieben. Er war eine Antwort auf seine schmähliche Verurteilung der Kommune-Bewegung im „Irishman“. Ich brachte mein Erstaunen darüber zum Ausdruck, daß er, gerade er die von den nichtswürdigen Polizeiorganen „Le Figaro“, „Paris-Journal“ usw. gegen die Kommunisten erfundenen schändlichen Verleumdungen glaubte. Ich verlangte sein Mitgefühl (er ist gegenwärtig eine Macht in New York) und das seiner Landsleute für die heldenhaften Vorkämpfer einer neuen Gesellschaft – denn die Irländer, schrieb ich, können weniger als alle anderen am Fortdauern der gegenwärtigen Ordnung interessiert sein, etc.
Mit den freundlichsten Grüßen an Trautchen und Fränzchen verbleibe ich, lieber Doktor, aufrichtigst
Ihre
Jenny Marx
Aus dem Englischen.