London, 5.[-6.] Juni 72
Lieber Liebknecht,
Mein Beileid zur Bestätigung. Soviel ist sicher, in keinem Lande werden unsre Parteigenossen so gequält wie in dem gloriosen Reich Bismarck-Stieber, selbst Östreich kaum ausgenommen. Indes, wenn je etwas sicher war, so ist es, daß dies Urteil nie bis zu Ende vollstreckt wird. In Frankreich und Spanien stehn die Verfolgungen gegen die Internationale (soweit sie nicht Communards betreffen) bisher bloß auf dem Papier, und in Italien setzt es selten über 3 Monate, der Rest Geldstrafe, die freilich auch oft à 3 fr. per Tag abzusitzen ist.
Das Wuttkesche Buch hatte M[arx] an sich genommen und behielt es trotz vielfachen Drängens, zuletzt vergaß ich selbst, ihn immer wieder dran zu erinnern. Jetzt hab’ ich’s ihm abgenommen, in einem Tage durchgelesen und dann an Borkh[eim] geschickt mit der Bitte, sich um einen Verleger zu bemühn. Wenn Du glaubst, Du hättest mir früher geschrieben, ich solle das tun, so täuscht Dich Dein Gedächtnis. Ich weiß bloß, daß Du mein Gutachten verlangtest und ich Dir schrieb, es werde äußerst schwer sein, hier einen zahlenden Verleger zu finden, da W[uttke] hier ganz unbekannt ist. Ich hätte sonst hinzugesetzt, daß weder M[arx] noch ich derartige Verbindungen hier haben, sonst hätten wir sicher längst einen für das „Kap[i-tal]“ aufgetrieben.
Ich kann jetzt nur hinzusetzen:
1. Das Buch ist wegen der vielen technischen Ausdrücke sehr schwer, für jemand, der nicht in täglichem Verkehr mit Engländern steht, fast unmöglich zu übersetzen.
2. Für den hiesigen Markt müßte das Buch bedeutend verarbeitet werden, der viele Kohl in der Einleitung und die ganz ungehörige lange Abhandlung über chinesische Literatur wegfallen und der geheimnisschwangere Stil in plain English1 verwandelt werden.
Ich glaube nun, daß Bork[heim] der richtige Mann ist, um einen Verleger aufzutreiben, wenn dies überhaupt möglich. Einem Kaufmann, der scheinbar ganz außerhalb der Literatur steht, gelingt so etwas oft am ersten. So war es Strohn, der uns mit Meißner in Hamburg in Verbindung brachte. Jedenfalls aber verlaß Dich nicht allzusehr darauf, daß B[orkheim] Erfolg hat, und mach Dir keine unnütze Arbeit mit Übersetzen, bis B[orkheim] einen hat.
6. Juni. Gestern unterbrach mich Wróblewski, der den ganzen Abend bei mir blieb, und so kann ich noch Deinen heute morgen erhaltenen Brief vom 4. beantworten. Daß Du schon so rasch ins Loch mußt, tut mir leid, indes bleibst Du hoffentlich nicht lange drin.
Die Korrektur des „M[ani][fests]“ nebst kurzer Vorrede geht so rasch ab wie möglich, hoffentlich morgen.
Für die Auskunft über Personen besten Dank, aber immer noch keine Antwort auf meine Frage, wie Eure Partei es anzufangen gedenkt, sich mit dem Generalrat auf denjenigen klaren Fuß zu setzen, ohne den ihre Vertretung auf dem Kongreß absolut unmöglich ist2?
Dein
F. E.
In der Erbschaftsgeschichte ist nichts zu machen. Wenn die Leute kein Geld dran wagen wollen, das kann nur ein Advokat untersuchen, und die Leute tun nichts on speculation3. Ohnehin, die Erben könnten höchstens die Satisfaktion erhalten, daß sie beschissen worden sind – nach soviel Jahren noch Geld herausschlagen, darauf ist nicht zu rechnen, es ist 100 : 1 against4.