London, 15.[-22.] Mai 72
Lieber Liebknecht,
Dank für den Brief aus Verviers. Er bestätigt unsre sonstigen Informationen, und was Hins angeht, ist es angenehm zu wissen, daß seine Vorliebe für den „Neuen“1 nicht nur in der „Liberté“ vorleuchtete, sondern auch direkt ausgesprochen wird. H[ins] als Bakunist, vermittelst seiner Frau, ist darin ganz konsequent. Gut, daß sich alle Lumpen zusammenfinden.
Ecc[arius] teilte ich das ihn betreffende mit, worauf er antwortete: Sage L[iebknecht], daß, wenn er mir erst auf meinen Brief vom vorigen Juli geantwortet haben wird, ich mit ihm wieder von Korrespondenz sprechen werde. – Was Sorge Dir schreibt, ist augenblicklich Gegenstand einer Anklage gegen E[ccarius], der hier durch wiederholte Indiskretionen viel Terrain verloren hat.
Über den Ort des Kongresses kann selbstredend jetzt noch gar nichts beschlossen werden.
Daß der „V[ol]k[s]st[aat]“ sich so gut verkauft, freut mich. Sobald meine Zeit erlaubt, schreib’ ich öfter Artikel, aber Du hast keine Vorstellung, wie wir abgehetzt sind, weil M[arx], ich und noch 1 oder 2 andre alles machen müssen.
Das Vorwort zum „Manifest“ werden wir ehestens machen. M[arx] hat mit der französischen Übersetzung enorm zu tun, es ist im Anfang viel zu ändern. Dazu die Korrektur der 2.deutschen Ausgabe.
Artikel über Wohnungsnot wird heute oder morgen gemacht.
Die Fédération Jurassienne gibt ein Schweineblättchen heraus: „Bulletin de la Féd[ération] jur[assienne]“, Abonnement bei Adhémar Schwitzguébel, Sonvillier, Jura Bernois, 4 Fr. per Jahr, 2 Fr. per Semester. Ihr solltet es halten und von Zeit zu Zeit draufhauen, es ist der „Moniteur“ Bakunins. In der letzten Nr. wird Lafargue, der unter anderm Namen in Madrid, direkt der spanischen Polizei denunziert.
Inl. Ausschnitt aus „East[ern] Post“ – man wird Dir wahrscheinlich die erste Ausgabe schicken, in der, dank der Faulheit von Hales, gewöhnlich die Hauptsachen fehlen. Ist dem so, so schreib mir zwei Zeilen an den publisher2, daß er Dir die zweite Ausgabe schicken soll. Sonst erfährst Du doch nichts. Der Inhalt meiner Mitteilung über den Saragosser Kongreß ist nun zwar ganz richtig, aber Laf[argue] hat uns vergessen mitzuteilen, daß gleichzeitig ein Beschluß gefaßt worden, worin die belgischen Kongreßresolutionen anerkannt und adoptiert werden (vom 25.Dez. 71). So daß also der Sieg keinesfalls so komplett, wie er ihn uns darstellte. Ich erwarte noch Näheres über diesen letzten Beschluß.
Daß die Alliance als geheime Gesellschaft wenigstens in Spanien fortbestanden, ist bewiesen und anerkannt – unsre eignen Leute waren drin, weil sie nicht anders wußten, als daß dies so sein müsse. Dies ist ein sehr schlimmer Kasus für Herrn Bakunin.
Vergiß ja nicht, Laf[argue]s 2te Korrespondenz über den Saragosser Kongreß aus der „Liberté“ zu bringen. Sie hat die Jurassier in Wut versetzt, in ihrer letzten Nr. greifen sie Laf[argue], mich, M[arx], Serraillier offen an. Aber von der darin enthüllten geheimen Gesellschaft schweigen sie mäuschenstill. Das ist der faule Punkt, und daher muß die Sache möglichst verbreitet werden. Ich bin überzeugt, daß diese geheime Organisation der All[iance] auch in der Schweiz und in Italien besteht, Beweise aber werden schwer beizubringen sein. – Die nächste Nr. der „Égalité“ wird eine Erklärung gegen die Jurassier von Lafargue bringen.
22.Mai. Die Zwischenzeit ist mit Anfertigung des incl. Wohnungsartikels hingegangen. Dein Proudhonist3 wird zufrieden sein.
Wegen meiner „Lage der arb[eitenden] Kl[asse]“ werde ich an Wigand schreiben. Vor Ablauf des Kongresses kann davon durchaus keine Rede sein, ich habe die Hände voll zu tun.
„Deutsch-Franz[ösische] Jahrb[ücher]“ sind nicht zu haben, außer etwa antiquarisch, das kannst Du Dir doch an den Fingern abzählen. Ditto „Misère de la Phil[osophie]“ (obwohl hier Vieweg in Paris, Nachfolger von Frank, vielleicht noch einige hat). Die Ausgabe der Aufsätze ist ein alter Plan von uns, aber erfordert auch Zeit. Herr Knapp findet Belehrung genug im „Kapital“, wenn er das verdaut hat, wird er wohl wissen, ob er zu uns gehört oder nicht, und wenn er das trotzdem nicht weiß, so helfen ihm auch Moses und die Propheten nichts. Der ganze Kern der Sache liegt in Kapitel II und III des „Kapitals“, und der Mann soll sich erst darüber klarwerden, eh er andre Kost verlangt.
Deinem Wunsch wegen Aufklärung über Proudhon hilft incl. Artikel vorläufig hinreichend ab.
Inl. Bericht der „E[astern] P[ost]“ über Spanien4, den Du schwerlich erhalten, bitte ich nicht zu veröffentlichen. Er beruhte auf Laf[argue]s Briefen, da aber die Jurassier einen andern Beschluß des Kongresses zu ihren Gunsten deuten und jedenfalls Laf[argue]s erste Siegesberichte etwas übertrieben waren, so ist es wünschenswert, daß sie nicht mit dem Siegel des Generalrats versehn zirkuliert werden, ich schicke ihn auch nicht nach Italien und Spanien.
Ich werde jetzt sehn, was wegen Vorrede zum „Manifest“ zu machen ist. M[arx] ist in die City, das Zitat aus der „Concordia“ nachzusehn, die Herren werden sich wundern.
Beste Grüße und baldige Kassation.
Dein
F. E.
Wie steht der „Ausschuß“ in Hamburg zur Internationale? Wir müssen jetzt, und zwar rasch, Klarheit in die Sache bringen, damit Deutschland beim Kongreß ordentlich vertreten sein kann. Ich muß Dich bitten, uns endlich einmal klaren Wein einzuschenken darüber, wie die Internationale bei Euch steht.
1. Wieviel Marken und an wieviel und welchen Orten sind ungefähr untergebracht. Die 208 von Fink berechneten sind doch nicht alles?
2. Gedenkt sich die Sozialdemokratische Arbeiterpartei beim Kongreß vertreten zu lassen, und if5 so, wie gedenkt sie sich vorher mit dem Generalrat derart en règle6 zu setzen, daß ihre Mandate auf dem Kongreß nicht bestritten werden können? Dazu gehört, daß sie sich a) reell ausdrücklich und nicht bloß bildlich als deutsche Föderation der Internationale erklärt, und b) daß sie als solche vor dem Kongreß ihren Beitrag zahlt. Die Sache wird ernsthaft, und wir müssen wissen, woran wir sind, sonst zwingt Ihr uns, auf eigne Faust zu handeln und die Sozialdemokratische Arbeiterpartei als einen uns fremden und sich gegen die Internationale gleichgültig verhaltenden Körper zu betrachten. Wir können nicht zugeben, daß aus uns unbekannten, jedenfalls aber kleinlichen Motiven, die Vertretung der deutschen Arbeiter auf dem Kongreß verbummelt oder verfumfeit wird. Hierüber bitten wir um baldige und klare Auskunft.
Quittung an Fink nächstens zurück.
Notabene. Es wäre vielleicht gut, wenn es anginge, mir Korrektur vom Artikel zu schicken, doch ich überlasse Dir das. Wesentliche Bedingung meiner Mitarbeiterschaft ist aber 1.Abwesenheit aller Randglossen und 2.Abdruck in großen Abschnitten.