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Engels an Theodor Cuno
in Seraing

[London] 7.[–8.] Mai 72

Lieber Cuno,

Daß Sie an B[ismarck] schreiben in Ihrer Angelegenheit, ist schon ganz recht, und wäre es nur, ihn zu nötigen, sich zu blamieren und Bebel Gelegenheit zu geben, damit an den Reichstag zu gehn.1 – Die „Eastern Post“ mit dem Bericht über die Generalratssitzung, worin Ihre Sache von mir2 erzählt wurde, und die ich am 2 cr. von hier abschickte, werden Sie erhalten haben, sowie die am 24. und 27. April an Sie abgesandten Zeitungen. Über das Brandstiftungskomplott habe ich ebenfalls berichtet, es ist aber im Bericht, den ich Ihnen morgen schicke, sehr schlecht rapportiert, wie gewöhnlich, wenn ich die Sachen nicht selbst aufsetze.

Ich habe Ihretwegen an einen Freund in Manchester geschrieben11, Baumwollspinner, der sicher alles für Sie tut. Leider ist er jetzt nur 2 Tage die Woche in Manchester, da er den Rest der Zeit für ca. 4 Wochen auf einer Fabrik seines Vaters auf dem Lande zubringen muß und kann also bis zu seiner vollständigen Rückkehr nur wenig für Sie tun. Dann will es das Unglück, daß ein andrer Freund, Consulting engineer3, der sehr viele Verbindungen hat, grade jetzt auf zwei Monate nach Deutschland gegangen ist. Wenn ich Ihnen also zunächst nichts Günstiges melden kann, so wollen Sie es sich hieraus erklären.

Die geheime Gesellschaft der Bakunisten in Spanien ist eine ganz solide Tatsache; der Bericht der Brüsseler „Liberté“ über den Kongreß von Saragossa, den Sie dieser Tage wohl im „Volksstaat“ finden werden (der zweite), wird Ihnen Näheres darüber angeben. Zum Glück wurden die besten Leute drin bald gewahr, daß die Interessen dieser geheimen Wirtschaft und die der Internationalen durchaus nicht identisch waren, und da ihnen vor allem die Internationale am Herzen lag, änderten sie sofort ihre Stellung und blieben nur in der geheimen Gesellschaft, um sie zu überwachen und zu lähmen. Einer dieser Leute4 war als Delegierter zur Konferenz hier und nahm den Eindruck mit, daß alles, was ihm dort über Intrigen, Diktatur des Generalrats etc. aufgebunden, dummes Zeug sei. Bald darauf kam einer unsrer besten Leute5 – halb Franzose, halb Spanier – nach Madrid, und damit war die Sache entschieden. Die Spanier haben eine ganz vortreffliche Organisation, worauf sie mit Recht stolz sind, und die grade seit 6 Monaten sich ausgezeichnet bewährt hat –, und jetzt kamen diese Esel von der Alliance des Bakunin auf den Saragossaner Kongreß und verlangten, sie sollten diese ganze Organisation tot und wirkungslos machen, bloß um der „Autonomie der Sektionen“ willen! Alles, was die Jurakamele dem Generalrat vorwarfen, alle Forderungen, die diese in Beziehung auf den Generalrat stellten, Annullierung aller ihm übertrag nen Vollmachten, Reduzierung des Generalrats auf ein bloßes Korrespondenzbüro – alles das wandten diese Leute in Spanien auf den Spanischen Föderalrat an. Die spanischen Arbeiter haben diese Doktrinäre natürlich ausgelacht und einstimmig zur Ruhe verwiesen Das ist der härteste Schlag, den Bak[unin] bis jetzt erhalten – auf Spanien rechnete er sicher –, und die Wirkung auf Italien wird nicht ausbleiben.

Daß dieselbe geheime Organisation in Italien existiert, wenn auch vielleicht nicht so stramm wie in dem formalistischen Spanien, daran zweifle ich keinen Augenblick. Der beste Beweis dafür ist mir die fast militärische Präzision, womit auch dort von allen Ecken des Landes aus immer gleichzeitig dasselbe von oben gegebene Stichwort ausgeschrien wurde. (Notabene, dies sind die Leute, die dem Volk und der Internationale gegenüber stets das dal basso all’ alto6 predigen!) Daß Sie nicht eingeweiht wurden, begreift sich, werden doch selbst unter den Bakunisten nur die Führer zu dieser esoterischen Gesellschaft zugelassen sein. Inzwischen kommen einzelne bessere Symptome von Italien. Die Ferraresen haben sich gefügt, die Statuten und Verwaltungs-Verordnungen anerkannt und ihre eignen Statuten zur Genehmigung hergeschickt7, was auch ganz gegen die von den Bakunisten ausgegebne Parole ist. Die verfluchte Schwierigkeit in Italien ist nur, mit den Arbeitern direkt Fühlung zu gewinnen. Überall haben sich diese verfluchten bakunistischen doktrinären Advokaten, Doktoren etc. dazwischengedrängt und gerieren sich als die gebornen Vertreter der Arbeiter. Wo immer wir dahin kommen, diese Tirailleurkette über den Haufen zu rennen und mit den Massen selbst in Berührung zu kommen, da ist alles gut und bald in Ordnung, aber das ist aus Mangel an Adressen fast nirgends möglich. Daher wäre es so wichtig gewesen, hätten Sie in Mailand bleiben und von Zeit zu Zeit später allenfalls diese oder jene andre Stadt besuchen können, mit einem oder zwei ordentlichen Kerls in den Hauptorten wäre man in 6 Monaten mit der ganzen Bagage fertig geworden.

Über die spanische Polizei kann ich Ihnen bloß sagen, daß, allem Anschein nach, dieselbe äußerst dumm ist und daß durchaus keine Einheit herrscht. Z.B. einer unsrer besten Leute in Madrid8 sollte auf Befehl des Ministers des Innern9 ausgewiesen werden, der Gouverneur von Madrid erklärte quod non10, und er blieb ruhig da.

8.Mai. Soweit geschrieben, erhalte ich Ihren Brief aus Seraing. Die Geschichte mit der preußischen Polizei begreif’ ich nicht. Die Polizei konnte Ihnen absolut nichts machen, es sei denn, daß Sie ihr Vorwand zu gerichtlicher Verfolgung gegeben, was Sie aber wohl vermieden haben. Sollte Ihr Herr Papa eine solche Komödie ins Werk gesetzt haben, um seinen ihm dort unbequemen Sohn loszuwerden?

Jedenfalls schicke ich Ihnen incl. 50 fr. in Banknoten, Spezifikation am Fuß. Adressen in Seraing habe ich nicht, schreibe aber sogleich an César De Paepe, Hôpital St. Jean, Brüssel (Mitglied des Belgischen Föderalrats), Ihnen welche zu schicken, ebenfalls an Alfred Herman, 57 Mont St. Martin, Liège (ob letzterer noch in Lüttich, weiß ich nicht). Erhalten Sie nicht bald Brief von De Paepe, so schreiben Sie ihm und berufen sich auf mich. Wenn Sie nach Lüttich gehn, suchen Sie Herman auf, an den ich Ihnen zwei Zeilen beilege11, der wird Ihnen alles geben können, es wird das besser sein, als wenn ich ihm per Post schreibe, und er ist vielleicht nicht mehr da – Sie sind ja ganz dicht dabei. Ein auf der Post unbestellter geöffneter Brief könnte Sie verraten.

Wegen Becker11 will ich Ihnen das etwas komische Geheimnis in meinem Nächsten enthüllen. Bis dahin aufrichtigst

Ihr
F. E.

Den Brief an Herman nur an ihn persönlich zu geben! Er wohnt auch bei reaktionären Eltern und Geschwistern.

8.Mai, Abend. – Da es mir durch den Gang in die Stadt, die incl. 50 fr. Banque de France Note (datiert 11.Okt. 1871), Nr. 2 648 626 oben links 626, oben rechts Z 106) zu holen, zu spät wurde, diesen Brief zu registrieren, was des Geldes wegen nötig, so habe ich noch die Zeit, Ihnen den Kram mit Becker zu erzählen, was wieder ein Exempel ist, wie sehr die Weltgeschichte aus kleinem Klüngel zusammengesetzt ist. Der alte Becker hat immer noch von alters her seine Ideen von Organisation, die der Zeit von vor 1848 angehören, im Kopf: kleine Vereine, deren Leiter unter sich eine mehr oder weniger organisierte Verbindung behalten, um dem Ganzen eine gemeinsame Richtung zu geben, gelegentlich ein bißchen Konspiration usw. –, und dabei die aus derselben Zeit stammende Idee, daß die Zentralbehörde der deutschen Organisation außerhalb Deutschlands sitzen muß. Als nun die Internationale gestiftet wurde und Becker die Sache unter den Deutschen in der Schweiz etc. in die Hand nahm, errichtete er in Genf eine Sektion, die sich allmählich, indem sie neue Sektionen in der Schweiz, Deutschland etc. stiftete, in eine „Muttersektion der Sektionsgruppe deutscher Sprache“ verwandelte und die Oberleitung nicht nur für die Deutschen in der Schweiz, Amerika, Frankreich etc., sondern auch über Deutschland und Östreich beanspruchte. Es war dies ganz die Methode der alten, vor-48er revolutionären Agitation, und solange es auf freiwilliger Unterwerfung der Sektionen beruhte, nichts dagegen zu sagen; bloß vergaß der gute Becker, daß für solche kleinen Mittel und Zwecke die ganze Anlage der Internationale viel zu großartig war. Indessen taten Becker und die Seinigen doch etwas und blieben stets direkte und erklärte Sektionen der Internationale. –

Inzwischen entwickelte sich die Arbeiterbewegung in Deutschland, emanzipierte sich von den Fesseln des Lassalleanismus, und erklärte sich, unter Bebels und Liebknechts Führung, im Prinzip für die Internationale. Die Sache wurde zu mächtig und hatte viel zuviel selbständige Bedeutung, als daß man hätte die Direktion der Genfer Muttersektion anerkennen können; die deutschen Arbeiter hielten ihre Kongresse und erwählten ihre eignen Behörden. Aber die Stellung der deutschen Arbeiterpartei zur Internationale wurde nie klar. Es blieb ein rein platonisches Verhältnis, wirkliche Mitgliedschaft weder der einzelnen Leute (mit einzelnen Ausnahmen) existierte nicht, und Sektionsbildung war gesetzlich verboten. So kam man in Deutschland dahin, die Rechte der Mitgliedschaft in Anspruch zu nehmen, aber die Pflichten beiseite zu schieben, und erst seit der Londoner Konferenz ist von hier aus darauf bestanden worden, daß auch die Pflichten erfüllt werden.

Sie begreifen nun, daß nicht nur eine gewisse Eifersucht zwischen den Führern in Deutschland einerseits und der Genfer Muttersektion andererseits eintreten mußte, sondern auch, daß, namentlich wegen Beitragszahlung, einzelne Konflikte unausbleiblich waren. Wie autoritär der Generalrat sich hier, wie immer, benommen hat, sehen Sie daraus, daß er sich um die ganze Sache nie gekümmert und die Leute beiderseits sich ganz selbst überlassen hat. Beide Teile haben in einigen Dingen recht, in andern unrecht. Becker hat von vornherein die Internationale als das Wesentliche behandelt, aber eine längst veraltete Form anwenden wollen; Liebknecht etc. haben recht darin, daß die deutschen Arbeiter sich selbst regieren und nicht von einem Winkelkonzilium in Genf regiert sein wollen; aber sie haben in der Tat die Internationale ihren spezifisch deutschen Zwecken untergeordnet und dienstbar machen wollen. Der Generalrat würde nur auf Anrufung beider Teile oder im Fall eines ernstlichen Konflikts einschreiten.

Liebknecht hat Sie nun offenbar für einen Beckerschen Agenten angesehn, der im Interesse der Genfer Muttersektion reist, und daher alles das Mißtrauen, mit dem er Sie aufgenommen zu haben scheint. Er ist auch noch einer von den 48ern und legt mehr Wichtigkeit auf dergleichen Lappalien als sie verdienen. Freuen Sie sich, daß Sie diese Zeit nicht mit durchgemacht haben – ich meine nicht die erste revolutionäre Erhebung vom Februar bis zur Junischlacht – die war großartig –, sondern den demokratischen Bürgerklüngel vom Juni 1848 an und die folgende Emigration 1849–1851 –, jetzt ist die Bewegung doch unendlich viel großartiger.

Dies wird Ihnen hoffentlich Ihren Empfang in Leipzig aufklären. Man muß solchen Kleinigkeiten weiter keine Wichtigkeit beilegen, es sind Dinge, die sich von selbst mit der Zeit abschleifen. Wenn Sie mit den belgischen Internationalen zusammenkommen, werden Sie sich vielleicht auch enttäuscht finden. Machen Sie sich vor allem keine zu großen Vorstellungen von den Leuten. Es sind sehr gute Elemente, allein die Sache im ganzen und großen ist in einen gewissen Schlendrian hineingeritten, und die Phrase gilt für mehr als die Sache. Mit den großen Worten autonomie und autoritarisme holt man sich auch in Belgien ein groß Publikum. Eh bien, vous verrez pour vous-même.12

Treulichst Ihr
F. E.