[London] 23. Nov. 71
Freund Bolte,
Ich habe gestern Ihr Schreiben zugleich mit dem Bericht von Sorge erhalten.
1. Was zunächst die Stellung des Generalrats zum New-Yorker Föderalrat betrifft, so hoffe ich, daß meine unterdes an Sorge gerichteten Schreiben (und ein Schreiben an Speyer1, welches ich ihn bevollmächtigte, Sorge mitzuteilen privatim) die höchst falsche Auffassung der deutschen Sektion, die Sie repräsentieren, beseitigt haben werden.
In den Vereinigten Staaten, wie in jedem andern Land, worin die Internationale erst gegründet werden soll, mußte der Generalrat ursprünglich einzelne Leute bevollmächtigen und zu seinen offiziellen Korrespondenten ernennen. Von dem Augenblick jedoch, wo das New-Yorker Komitee einige Konsistenz gewonnen, wurden diese Korrespondenten einer nach dem andern fallengelassen, obgleich man sie nicht auf einmal beseitigen konnte.
Die offizielle Korrespondenz mit früher ernannten Bevollmächtigten beschränkt sich seit geraumer Zeit auf die Korrespondenz von Eccarius mit Jessup, und ich sehe aus Ihrem eignen Brief, daß Sie über letztern in keiner Art zu klagen haben.
Außer Eccarius hatte aber niemand offizielle Korrespondenz zu führen mit den Vereinigten Staaten, außer mir und Dupont als (damals) Korrespondent für die französischen Sektionen, und soweit er Korrespondenz geführt hat, war sie auf letzte beschränkt.
Ich habe außer mit Ihnen und Sorge überhaupt keine offizielle Korrespondenz geführt. Meine Korrespondenz mit S. Meyer ist Privatkorrespondenz, aus der er nie das Geringste veröffentlicht hat und die ihrer Natur nach dem New-Yorker Komitee in keiner Art hinderlich oder schädlich sein konnte.
Es unterliegt einerseits keinem Zweifel, daß G. Harris und vielleicht Boon – zwei englische Mitglieder des Generalrats – Privatkorrespondenz mit Internationalen in New York usw. führen. Beide gehören der Sekte des verstorbnen Bronterre O’Brien an, sind voller Narrheiten und crotchets, wie currency Quacksalberei, falsche Weiberemanzipation usf. Sie sind also by nature2 Verbündete der Sektion 12 in New York und deren Seelenverwandten.
Der Generalrat hat kein Recht, seinen Mitgliedern Privatkorrespondenzen zu untersagen. Könnte uns aber bewiesen werden, entweder, daß diese Privatkorrespondenzen sich für offizielle ausgeben, oder, daß sie – sei es für Veröffentlichung, sei es zu Stänkereien gegen das New-Yorker Komitee – dem Wirken des Generalrats entgegenarbeiten, so würden die nötigen Maßregeln zur Vermeidung solchen Unfugs ergriffen werden.
Diese O’Brienniten, trotz ihrer Narrheiten, bilden im Council ein oft nötiges Gegengewicht gegen Tradesunionisten. Sie sind revolutionärer, über die landquestion3 entschiedner, weniger national, und bürgerlicher Bestechung in einer oder der andern Form nicht zugänglich. Sonst hätte man sie längst an die Luft gesetzt.
2. Ich war höchst erstaunt zu sehn, daß die deutsche Sektion Nr. I den Generalrat irgendwelcher Vorliebe für bürgerliche Philanthropen, Sektierer oder Amateurgruppen verdächtigt.
Die Sache steht grade umgekehrt.
Die Internationale wurde gestiftet, um die wirkliche Organisation der Arbeiterklasse für den Kampf an die Stelle der sozialistischen oder halbsozialistischen Sekten zu setzen. Die ursprünglichen Statuten wie die „Inauguraladresse“4 zeigen dies auf den ersten Blick. Andrerseits hätte die Internationale sich nicht behaupten können, wenn der Gang der Geschichte nicht bereits das Sektenwesen zerschlagen gehabt hätte. Die Entwicklung des sozialistischen Sektenwesens und die der wirklichen Arbeiterbewegung stehn stets im umgekehrten Verhältnis. Solange die Sekten berechtigt sind (historisch), ist die Arbeiterklasse noch unreif zu einer selbständigen geschichtlichen Bewegung. Sobald sie zu dieser Reife gelangt, sind alle Sekten wesentlich reaktionär. Indes wiederholte sich in der Geschichte der Internationalen, was die Geschichte überall zeigt. Das Veraltete sucht sich innerhalb der neugewonnenen Form wiederherzustellen und zu behaupten.
Und die Geschichte der Internationalen war ein fortwährender Kampf des Generalrats gegen die Sekten und Amateurversuche, die sich gegen die wirkliche Bewegung der Arbeiterklasse innerhalb der Internationalen selbst zu behaupten suchten. Dieser Kampf wurde in den Kongressen, aber viel mehr noch in den privaten Verhandlungen des Generalrats mit den einzelnen Sektionen geführt.
Da in Paris die Proudhonisten (Mutualisten) die Mitstifter der Assoziation waren, führten sie während der ersten Jahre natürlich das Ruder zu Paris. Im Gegensatz zu ihnen bildeten sich dort später natürlich kollektivistische, positivistische etc. Gruppen.
In Deutschland – die Lassalleclique. Ich habe selbst während zwei Jahren mit dem berüchtigten Schweitzer korrespondiert5, und ihm unwiderleglich nachgewiesen, daß Lassalles Organisation eine bloße Sektenorganisation ist und als solche der von der Internationalen angestrebten Organisation der wirklichen Arbeiterbewegung feindlich ist. Er hatte seine „Grind“, um nicht zu begreifen.
Ende 1868 trat der Russe Bakunin in die Internationale, mit dem Zweck, innerhalb derselben eine zweite Internationale, mit ihm als Chef, unter dem Namen der „Alliance de la Démocratie Socialiste“ zu bilden. Er – ein Mensch ohne alles theoretische Wissen – prätendierte, in jenem Sonderkörper die wissenschaftliche Propaganda der Internationalen zu vertreten und selbe zum speziellen Beruf dieser zweiten Internationalen innerhalb der Internationalen zu machen.
Sein Programm war ein rechts und links oberflächlich zusammengeraffter Mischmasch – Gleichheit der Klassen (!), Abschaffung des Erbrechts als Ausgangspunkt der sozialen Bewegung (St. Simonistischer Blödsinn), Atheismus als Dogma den Mitgliedern vordiktierte usw. und als Hauptdogma (proudhonistisch) Abstention von politischer Bewegung.
Diese Kinderfabel fand Anklang (und hat noch gewissen Halt) in Italien und Spanien, wo die realen Bedingungen der Arbeiterbewegung noch wenig entwickelt sind, und unter einigen eitlen, ehrgeizigen, hohlen Doktrinären in der romanischen Schweiz und in Belgien.
Für Herrn Bakunin war und ist die Doktrin (sein aus Proudhon, St. Simon etc. zusammengebettelter Quark) Nebensache – bloß Mittel zu seiner persönlichen Geltendmachung. Wenn theoretisch Null, ist er als Intrigant in seinem Element.
Der Generalrat hatte gegen diese Verschwörung (von den französischen Proudhonisten bis zu einem gewissen Punkt, namentlich in Südfrankreich, unterstützt) zu kämpfen während Jahren. Er hat endlich durch die Konferenzbeschlüsse I, 2 und 3, IX und XVI und XVII den langvorbereiteten Schlag geführt.
Es ist selbstverständlich, daß der Generalrat nicht in Amerika unterstützt, was er in Europa bekämpft. Die Beschlüsse I, 2, 3 und IX geben jetzt dem New-Yorker Komitee die legalen Waffen, um allem Sektenwesen und Amateurgruppen ein Ende zu machen und im Notfall sie auszuschließen.
3. Das New-Yorker Komitee wird wohl tun, in einem offiziellen Schreiben an den Generalrat seine volle Übereinstimmung mit den Konferenzbeschlüssen auszusprechen.
Bakunin (außerdem persönlich bedroht durch Resolution XIV (Veröffentlichung in „Égalité“ des Prozesses Netschajew), die seine infamen russischen Geschichten an den Tag bringen wird) bietet alles mögliche auf, um mit den Trümmern seiner Anhängerschaft gegen die Konferenz Proteste ins Werk zu setzen.
Zu dem Zweck hat er sich mit dem verlumpten Teil der französischen Flüchtlingschaft (übrigens ein numerisch schwacher Bestandteil) in Genf und London in Verbindung gesetzt. Die ausgegebne Parole ist, daß im Generalrat der Pangermanismus (resp. Bismarckismus) herrsche. Dies bezieht sich nämlich auf das unverzeihliche Faktum, daß ich von Haus aus ein Deutscher bin und in der Tat einen entscheidenden intellektuellen Einfluß auf den Generalrat ausübe. (Notabene: das deutsche Element ist im Council numerisch ²/₃ schwächer als das englische und ditto schwächer als das französische. Die Sünde besteht also darin, daß die englischen und französischen Elemente theoretisch vom deutschen Element beherrscht sind! und diese Herrschaft, i.e. die deutsche Wissenschaft, sehr nützlich und selbst unentbehrlich finden.)
In Genf, unter Patronage der Bourgeoisie, Madame André Léo (die im Lausanner Kongreß so schamlos war, Ferré seinen Versailler Henkern zu denunzieren), haben sie ein Blatt herausgegeben, „La Révolution Sociale“, welches fast in wörtlich denselben Ausdrücken gegen uns polemisiert, wie das „Journal de Genève“, das reaktionärste Blatt Europas.
In London versuchten sie eine französische Sektion zu stiften, von derem Werk Ihr eine Probe in der Nummer 42 des „Qui Vive!“ findet, die ich beilege. (Ditto die Nummer, die den Brief unsres französischen Sekretärs Serraillier enthält.) Diese Sektion, aus 20 Leuten bestehend (darunter viele mouchards6), ist nicht vom Generalrat anerkannt worden, wohl aber eine andre, viel zahlreichere Sektion.
In der Tat, trotz der Intrigen dieses Lumpenpacks, machen wir große Propaganda in Frankreich – und Rußland, wo man Bakunin zu würdigen weiß und wo man eben jetzt mein Buch über das Kapital russisch druckt.
Der Sekretär der erstgenannten französischen Sektion (der nicht von uns anerkannten, jetzt in völliger Auflösung begriffenen) war derselbe Durand, den wir als Mouchard aus der Assoziation ausgestoßen haben.
Die bakunistischen Abstentionisten von Politik Blanc7 und Albert Richard von Lyon sind jetzt bezahlte bonapartistische Agenten. Die Beweise sind in unserer Hand. Der Korrespondent Bousquet (derselben Clique in Genf) zu Béziers (Südfrankreich) ist uns von der dortigen Sektion als Polizist denunziert worden!
4. In bezug auf die Resolutionen der Konferenz ist zu bemerken, daß die ganze Auflage in meiner Hand war, und daß ich sie zuerst nach New York (Sorge), als dem weit entferntesten Punkte verschickte.
Wenn vorher Mitteilungen über die Konferenz – halb wahr und halb falsch – in die Presse kamen, so ist dies Schuld eines Konferenzdelegaten8, gegen den der Generalrat eine Untersuchung eingeleitet hat9.
5. Was die Washingtoner Sektion angeht, so wandte sie sich zuerst an den Generalrat, um mit ihm als selbständige Sektion in Verbindung zu stehen. Ist die Sache jetzt abgemacht, so überflüssig, darauf zurückzukommen.
Mit Bezug auf Sektionen ist im allgemeinen folgendes zu bemerken:
a) Nach Art.7 der Statuten10 können Sektionen, die unabhängig sein wollen, sich um Aufnahme an den Generalrat direkt wenden („no independent local society shall be precluded from directly corresponding with the General Council“11). II, Art.4 und 5 des Reglements: „Every new branch or society“ (das bezieht sich auf „independent local societies“) „intending to join the International is bound immediately to announce its adhesion to the General Council!“ II, Art.4 und „The General Council has the right to admit or to refuse the affiliation of any new branch etc.“12 II, Art.5.
b) Nach Art.5 des Reglements hat der General Council jedoch vorher die Federal Councils or Committees zu konsultieren über Aufnahme etc. und
c) nach dem Beschluß der Konferenz, siehe V, Art.3 des Reglements wird von vornherein keine Sektion mehr aufgenommen, die Sektennamen sich gibt usw. oder V, Art.2, nicht einfach als Sektion der Internationalen Arbeiterassoziation sich konstituiert.
Diesen Brief teilen Sie gefälligst der von Ihnen vertretenen deutschen Sektion mit und benützen Sie das darin Enthaltene für die Aktion, aber nicht für Veröffentlichung.
Salut et fraternité13
Karl Marx
Das „Kapital“ ist noch nicht englisch oder französisch erschienen. Eine französische Ausgabe war im Werke, ist aber durch die Ereignisse unterbrochen worden.
Eccarius ist auf mein Verlangen zum Sekretär für alle Sektionen der United States (ausgenommen die französischen, für welche Le Moussu Sekretär) ernannt worden. Trotzdem werde ich mit Vergnügen an mich von Ihnen oder Sorge gerichtete Privatanfragen beantworten. Den Artikel aus der „Irish Republic“ über die Internationale hat Engels zur Veröffentlichung nach Italien geschickt.
In Zukunft wird regelmäßig die „Eastern Post“, die Berichte über die Sitzungen des Generalrats enthält, nach New York an Sorge geschickt werden.
Notabene ad Political Movement14:
Das political movement der Arbeiterklasse hat natürlich zum Endzweck die Erobrung der political power15 für sie, und dazu ist natürlich eine bis zu einem gewissen Punkt entwickelte previous organisation of the working class16 nötig, die aus ihren ökonomischen Kämpfen selbst erwächst.
Andererseits ist aber jede Bewegung, worin die Arbeiterklasse als Klasse den herrschenden Klassen gegenübertritt und sie durch pressure from without17 zu zwingen sucht, ein political movement. Z.B. der Versuch, in einer einzelnen Fabrik oder auch in einem einzelnen Gewerk durch strikes etc. von den einzelnen Kapitalisten eine Beschränkung der Arbeitszeit zu erzwingen, ist eine rein ökonomische Bewegung; dagegen die Bewegung, ein Achtstunden- etc. Gesetz zu erzwingen, ist eine politische Bewegung. Und in dieser Weise wächst überall aus den vereinzelten ökonomischen Bewegungen der Arbeiter eine politische Bewegung hervor, d.h. eine Bewegung der Klasse, um ihre Interessen durchzusetzen in allgemeiner Form, in einer Form, die allgemeine, gesellschaftlich zwingende Kraft besitzt. Wenn diese Bewegungen eine gewisse previous Organisation unterstellen, sind sie ihrerseits ebensosehr Mittel der Entwicklung dieser Organisation.
Wo die Arbeiterklasse noch nicht weit genug in ihrer Organisation fortgeschritten ist, um gegen die Kollektivgewalt, i.e. die politische Gewalt, der herrschenden Klassen einen entscheidenden Feldzug [zu] unternehmen, muß sie jedenfalls dazu geschult werden durch fortwährende Agitation gegen die (und feindselige Haltung zur) Politik der herrschenden Klassen. Im Gegenfall bleibt sie ein Spielball in deren Hand, wie die Septemberrevolution in Frankreich bewiesen hat und wie zu einem gewissen Grad das Spiel beweist, das Herrn Gladstone et Co. noch bis zur Stunde in England gelingt.