London, 21. Okt. 1871
Liebe Mutter,
Wenn ich Dir so sehr lange nicht geschrieben habe, so kam das daher, daß ich wünschte, Dir auf Deine letzten Bemerkungen über meine politische Tätigkeit in einer Weise zu antworten, die Dich nicht verletzte. Und wenn ich dann immer und immer wieder die schmählichen Lügen in der „Köln[ischen] Zeitung“ las, namentlich die Niederträchtigkeiten des Lumpen Wachenhusen, wenn ich sah, wie dieselben Leute, die während des Kriegs in der ganzen französischen Presse nur Lügen sahen, jetzt jede Polizeierfindung, jede Verleumdung des verkauftesten Pariser Schundblatts gegen die Kommune als Evangelium nach Deutschland hineinposaunen, so kam ich in eine Stimmung, die dazu wenig geeignet war. Von den paar Geiseln, die nach preußischem Muster erschossen, von den paar Palästen, die nach preußischem Vorgang verbrannt worden, wird ein groß Geschrei gemacht – denn alles andre sind Lügen –, aber von den 40 000 Männern, Weibern und Kindern, die die Versailler nach der Entwaffnung mit Maschinerie massakriert haben, davon spricht kein Mensch! Indes Ihr könnt das alles nicht wissen, Ihr seid auf die „Kölner“ und „Elb[erfelder] Zeitung“ angewiesen, die Lügen werden Euch förmlich eingetrichtert. Indes hast Du nun doch in Deinem Leben schon manche Leute als wahre Menschenfresser verschreien hören – die Tugendbündler unter dem alten Napoleon, die Demagogen von 1817 und 1831, die Leute von 1848, und nachher hat es sich doch immer herausgestellt, daß sie so arg nicht waren und daß interessierte Verfolgungswut ihnen im Anfang all die Schreckensgeschichten nachgesagt hatte, die sich nachher in Dunst auflösten. Ich hoffe, liebe Mutter, daß Du Dich daran erinnern wirst und dies auch den Leuten von 1871 zugute kommen lassen wirst, wenn Du diese imaginären Schandtaten in der Zeitung liest.
Daß ich an meinen Ansichten, die ich seit bald 30 Jahren habe, nichts geändert hatte, wußtest Du, und es mußte Dir auch nicht unerwartet sein, daß ich, sobald die Ereignisse mich dazu nötigten, sie nicht nur vertreten, sondern auch sonst meine Schuldigkeit tun würde. Du würdest Dich meiner schämen müssen, wenn ich es nicht täte. Wenn Marx nicht hier wäre oder gar nicht existierte, so würde das an der Sache gar nichts ändern. Es ist also sehr unrecht, ihm dies in die Schuhe zu schieben, ich erinnere mich aber freilich auch, daß früher Marx' Verwandte behaupteten, ich hätte ihn verdorben.
Doch genug davon. Das ist nun einmal nicht zu ändern, und man muß sich dreinfügen. Wenn es einige Zeit ruhig bleibt, wird das Geschrei ohnehin verstummen und Du selbst die Sache ruhiger ansehn.
Ich war im Sept. einige Zeit in Ramsgate, einem kleinen oder vielmehr ziemlich großen Seebad an der Ostküste, etwas nördlich von Dover. Es ist das lustigste Seebad, das ich kenne, äußerst ungeniert, sehr hübscher fester Strand dicht unter der steilen Kreideklippe, auf dem Strand alles voll von falschen Neger-Bänkelsängern, Taschenspielern, Feuerfressern, Polichinellkasten und dergleichen Blödsinn. Fashionabel ist der Ort nicht sehr, aber wohlfeil und ungeniert. Das Baden ist sehr gut, und da es kalt war, ist es mir doppelt gut bekommen, mein Appetit wurde wirklich unersättlich, und ich schlief volle 10 Stunden per Tag. Obwohl ich in einer der gesündesten Gegenden Londons wohne, wo die Luft, wie mir ein Arzt sagte, so gut wie auf dem Lande ist, so merkte ich doch, welch einen Unterschied so eine Luftveränderung macht, und Du solltest wirklich daran denken, nächsten Sommer 3–4 Wochen die Seeluft zu genießen, die selbst den Gesündesten noch gesünder macht.
Meine interessante Nachbarin hat mir seit längerer Zeit Ruhe gelassen mit ihrem Klavier, sie muß verreist sein. Dafür hab' ich jetzt auch auf der andern Seite, wo neue Häuser angebaut sind, eine Musikantin; es ist ein Schneiderladen, und oben sind Zimmer vermietet. Bis jetzt ist das aber nicht arg, und ich kann nicht klagen.
Es regnet ganz abscheulich, was nach den prachtvollen Herbsttagen, die wir gehabt haben, sehr unerwartet kommt, und ich muß Feuer machen, während es noch vor 3 Tagen so schwül war, daß ich es ohne offne Fenster gar nicht aushalten konnte. Im allgemeinen ist es aber hier viel beßres Wetter als in Manchester, es regnet fast nie einen ganzen Tag, während es in Manchester um diese Zeit oft 2–3 Tage ununterbrochen regnet.
Aus Hermanns und Emils1 Äußerungen schien mir, daß es wohl noch einige Zeit dauern wird, bis sie mit Adolf2 einigermaßen wieder ins Gleise kommen3. Sind sie erst persönlich einige Zeit voneinander getrennt, so macht sich das leichter. Jedenfalls ist es gut, daß die Auseinandersetzung wenigstens in den Hauptsachen abgemacht ist; ist der Geldpunkt einmal erledigt, so kommen wenigstens keine neuen Anlässe zu Zwistigkeiten vor. Ich hoffe, es gleicht sich mit der Zeit alles wieder aus.
Im übrigen bin ich wohl und munter und bin zu meiner ersten Liebe zurückgekehrt, nämlich zur langen Pfeife, nachdem ich endlich einen vernünftigen Tabak hier aufgetrieben. Heute abend habe ich mir ein Spezialvergnügen vorbehalten, ich gehe nämlich trotz allem Regen in die Wiener Bierhalle im Strand, da kann man sich doch einmal satt trinken. Emil Blank jr. war dieser Tage auf einen Augenblick bei mir, ich seh' den Springinsfeld sonst nie, da ich fast nie in die City komme.
Nun leb recht wohl, grüße alle Geschwister herzlich und laß mich mein langes Stillschweigen nicht entgelten. Von ganzem Herzen
Dein
Friedrich
Dem Emil Blank kannst Du sagen, daß Marx kein Geld von mir braucht. Ich möchte aber doch das Gesicht desselben Emil Bl[ank] sehn, wenn ich ihm Ratschläge über Verwendung seines Gelds geben wollte.