64
Engels an Elisabeth Engels
in Engelskirchen

London, 16. Juni 1871

Liebe Mutter,

Grade wie ich mich hinsetze, Dir zu schreiben, kommt Dein Brief aus Leutesdorf, was mich veranlaßt, auf der Karte nachzusehn, wo ich den Ort auch glücklich gefunden habe. Die Lage muß sehr hübsch sein, grade da, wo die Berge wieder dicht an den Rhein antreten, mit der Aussicht auf die Ebene, die von Andernach bis Koblenz sich erstreckt, und ich glaube wohl, daß Dir die Luft dort sehr gut bekommen ist.

Du hast recht, daß Du Dir nach Engelskirchen eine tüchtige Gesellschaft lustiger junger Mädchen mitnimmst. Das Verhältnis zwischen den beiden Nebenhäusern muß unter den Umständen notwendig etwas gespannt und penibel sein, und da verhindert die Anwesenheit der Mädchen, daß zuviel davon gesprochen wird. Da übrigens die Sache jetzt in Ordnung ist, wäre es nicht mehr als recht und billig, daß beide Teile Dich jetzt damit in Ruhe ließen, es kann zu nichts führen, den alten Kohl immer wieder neu aufzuwärmen. Was mich angeht, so war es mir sehr unangenehm, von Rudolf1 plötzlich aufgefordert zu werden, ihm, Hermann2 und Emil3 einen Dienst zu leisten, den ich nicht leisten konnte, ohne Partei gegen Adolf4 zu ergreifen. Du weißt, Rudolf ist ein kreuzehrlicher Kerl, der sich nicht verstellen kann, und so ließ mir sein Brief auch nicht den mindesten Zweifel, daß die ganze Sache hinter Adolfs Rücken abgemacht werden sollte. Adolf hatte aber genau ebensoviel Recht auf die verlangte Information wie die andren drei. Die Sache war mir so unangenehm, daß ich sie erst verschleppte, aber als sie mich mit Briefen bombardierten, mußte ich mich entscheiden, und da konnte ich meiner Ansicht nach nicht umhin, auch Adolf die ihn sehr interessierende Mitteilung zu machen. Damit sie aber Zeit hätten, die Sache gutzumachen, schrieb ich ihnen5, daß ich an A[dolf] schreiben würde, und schrieb an A[dolf] erst einige Tage später. Warum sie nun nicht A[dolf] sogleich selbst anzeigten, sie hätten mir diese Anfrage gestellt, und ihm meine Antwort mitteilten, ist mir unerklärlich. Dann wäre ja alles in Ordnung gewesen. Aber ihnen hinter Adolfs Rücken Auskunft verschaffen, die sie gegen Adolf gebrauchen konnten, dazu konnte ich mich nicht hergeben. Und daß es darauf abgesehn war, beweist Rudolfs späterer Brief an mich. Überhaupt hielt Rudolf es bereits für ein Verbrechen, daß Adolf überhaupt austreten wollte, und das kam mir, der ich doch selbst neulich erst ausgetreten war, doch etwas arg vor. Nun die Sache ist glücklicherweise in Ordnung, und sie werden sich hoffentlich bald vertragen. Ich schreibe an Adolf, der Auskunft über die Auseinandersetzungen in Manchester von mir verlangt, und sage ihm dabei, daß sie alle am vernünftigsten täten, wenn sie bei Unterzeichnung des definitiven Kontrakts oder schon vorher sich ihre in der Sache gewechselten Briefe gegenseitig zurückgeben, sie ins Feuer werfen und eine Flasche Champagner trinken.

Was meine Reise nach dort betrifft, so ist das eine eigne Sache. Du weißt, seit der Pariser Geschichte ist eine allgemeine Hetze auf uns „Internationale“, wir sollen ja die ganze Revolution angezettelt haben hier von London aus, was grade so ist, als wenn jemand sagt, ich hätte den Tuck zwischen meinen Brüdern und Adolf angestiftet. Aber das Geschrei existiert nun einmal, und wir haben sichere Nachricht, daß Marx, der in Hannover erwartet wurde, dort abgefaßt werden sollte. Man könnte mir zwar nichts Ernstliches machen, wenn ich herüberginge; aber es könnte doch kleinere Kollisionen absetzen, von denen ich um alles in der Welt nicht möchte, daß sie in Deinem Hause vor sich gingen. Zudem verlangen die lumpigen Belgier noch immer Pässe. Ich glaube also, ich tue am besten, die Ereignisse noch ein Weilchen abzuwarten, bis die Polizei und Philisterköpfe sich wieder etwas beruhigt haben.

Mit Emma6 ist es doch eine sonderbare Sache. Ihr scheint in Barmen kuriose Accoucheure7 zu haben.

Wir haben hier auch viel Ostwind gehabt, aber erst spät im Mai, so daß es nicht übermäßig kalt und oft recht schön war, doch hatte ich in den ersten Tagen des Juni wieder ein paarmal Feuer. Seit vorgestern ist es schwül und hat stark geregnet, was den Pflanzen sehr guttat, und jetzt sieht es so aus, als sollten wir bald schönes Wetter bekommen. Im ganzen hatten wir hier ein recht nettes Frühjahr, weit besser als in Manchester. Ich erhalte von dorther häufig Besuch, vorgestern war der Dr. Gumpert bei mir mit seiner Frau, die sich verwunderte, was ich mit dem großen Haus anfing, mir aber große Elogen machte über die gute Ordnung, in der es gehalten sei. Im übrigen bin ich bei gewohnter Gesundheit und Appetit, gewöhne mir mit der Zeit ein Nachmittagsschläfchen an, werde ersichtlich grauer von Bart und leide fast nur, wie immer, an Durst. Hoffentlich bist Du auch recht wohl und imstande, Deine Gänge in der Lindenallee an der Agger zu machen, wo ich hoffentlich auch bald wieder nach dem Essen auf der Bank liege und einschlafe.

Grüße alle recht herzlich von Deinem treuen Sohn

Friedrich