1, Maitland Park Road
London N.W.
12. Juni 1871
Mein lieber Herr,
Lafargue, seine Familie und meine Töchter sind in den Pyrenäen an der spanischen Grenze, aber auf französischer Seite. Da Lafargue in Kuba geboren ist, so konnte er sich einen spanischen Paß verschaffen. Jedoch wünsche ich, daß er sich definitiv auf spanischer Seite niederläßt, da er in Bordeaux eine hervorragende Rolle gespielt hat.
Trotz meiner Bewunderung für Ihre Artikel im „Bee-Hive“ – Sie gestatten mir nebenbei die Bemerkung, daß ich als Parteimann eine durchaus feindliche Stellung gegenüber dem Comtismus einnehme und als Mann der Wissenschaft eine sehr geringe Meinung von ihm habe, aber ich betrachte Sie als den einzigen Comtisten, sowohl in England wie in Frankreich, der die historischen Wendepunkte (crises) nicht als Sektierer, sondern als Historiker im besten Sinne des Wortes behandelt – bedaure ich fast, Ihren Namen in jener Zeitung zu finden. Der „Bee-Hive“ gibt sich für ein Arbeiterblatt aus, er ist aber in Wirklichkeit das Organ der Renegaten, verkauft an Sam. Morley u. Co. Während des letzten preußisch-französischen Krieges war der Generalrat der Internationale gezwungen, alle Beziehungen zu diesem Blatte zu lösen und öffentlich zu erklären, daß es ein Schein-Arbeiterblatt sei. Die großen Londoner Blätter lehnten jedoch ab, diese Erklärung abzudrucken, mit Ausnahme der lokalen Londoner „Eastern Post“. Unter diesen Umständen ist Ihre Mitarbeit am „Bee-Hive“ ein weiteres Opfer, das Sie der guten Sache bringen.
Eine Freundin von mir reist in drei oder vier Tagen nach Paris. Ich gebe ihr regelrechte Pässe für einige Mitglieder der Kommune mit1, die sich noch verborgen in Paris aufhalten. Sollten Sie oder einer Ihrer Freunde dort Bestellungen zu machen haben, so schreiben Sie mir bitte.
Was mich tröstet, ist der Unsinn, der täglich in der „Petite Presse“2 über meine Schriften und meine Beziehungen zur Kommune veröffentlicht und mir täglich aus Paris zugesandt wird. Er zeigt, daß die Versailler Polizei große Not hat, wirkliche Dokumente zu erlangen. Meine Beziehungen zur Kommune wurden durch einen deutschen Kaufmann3 unterhalten, der geschäftlich das ganze Jahr hindurch zwischen Paris und London verkehrt. Alles wurde mündlich abgemacht, mit Ausnahme von zwei Angelegenheiten:
Ich sandte erstens den Mitgliedern der Kommune – durch denselben Vermittler – einen Brief4 als Antwort auf deren Anfrage, wie sie auf der Londoner Börse gewisse Effekten handeln könnten.
Zweitens: am 11.Mai, zehn Tage vor der Katastrophe, sandte ich auf demselben Wege alle Einzelheiten des geheimen Abkommens zwischen Bismarck und Favre in Frankfurt.
Mir ging die Information zu von Bismarcks rechter Hand5 – einem Manne, der früher (vor 1848 bis 1853) der geheimen Gesellschaft angehörte, deren Führer ich war. Dieser Mann weiß, daß ich noch alle Berichte besitze, die er mir aus und über Deutschland zusandte. Er hängt von meiner Diskretion ab. Deshalb sein Bemühen, mir fortgesetzt seine guten Absichten zu beweisen. Es ist derselbe Mann, der mir, wie ich Ihnen sagte, die Warnung zugehen ließ, daß Bismarck entschlossen sei, mich verhaften zu lassen, falls ich in diesem Jahre wieder Dr. Kugelmann in Hannover besuchen sollte.
Hätte die Kommune auf meine Warnung gehört! – ich riet ihren Mitgliedern, die Nordseite der Anhöhen von Montmartre, die preußische Seite, zu befestigen, und sie hatten noch Zeit, dies zu tun; ich sagte ihnen im voraus, daß sie sonst in eine Mausefalle geraten würden; ich denunzierte ihnen Pyat, Grousset und Vésinier; ich verlangte von ihnen, sofort alle Papiere, die die Mitglieder der Nationalverteidigung kompromittierten, nach London zu schicken, um durch sie die Wildheit der Feinde der Kommune einigermaßen in Schach halten zu können – so wäre der Plan der Versailler zum Teile vereitelt worden.
Hätten die Versailler diese Dokumente gefunden, so würden sie keine gefälschten veröffentlicht haben.
Die „Adresse“ der Internationale wird nicht vor Mittwoch erscheinen. Ich werde Ihnen dann sofort ein Exemplar zuschicken. Material für vier bis fünf Bogen wurde in zwei Bogen gedruckt. Daraus entstanden zahlreiche Korrekturen, Revisionen und Druckfehler. Deshalb auch die Verzögerung.
Ihr treuer
Karl Marx
Nach: „Vorwärts“, Berliner Volksblatt,
vom 31.März 1909, 1. Beilage.