Manchester, 7. Sept. 1870
Lieber Mohr,
(Fortsetzung.)1 Dem deutschen Philister ist durch die unverhofften und durch ihn auch unverdienten Siege der Chauvinismus greulich in die Krone gefahren, und es ist sehr Zeit, daß was dagegen geschieht. Wäre der „Volksstaat“ nur nicht so gar erbärmlich! Aber da ist nichts zu machen. Ehe meine Einleitung zum „Bauernkrieg“ als Broschüre im Druck erscheint, haben die Ereignisse sie längst überholt. Die neue Proklamation der Internationale2 (von der Du aber diesmal auch das Deutsche machen mußt) ist daher um so notwendiger.
Wenn die Pariser internationale Proklamation einigermaßen getreu hertelegraphiert, so beweist sie allerdings, daß die Leute noch vollständig unter der Herrschaft der Phrase stehn. Diese Menschen, die den Badinguet 20 Jahre geduldet, die noch vor 6 Monaten nicht verhindern konnten, daß er 6 Mill. Stimmen gegen 11/2 erhielt und daß er sie ohne Grund und Vorwand auf Deutschland hetzte, diese Leute verlangen jetzt, weil die deutschen Siege ihnen eine Republik – et laquelle!3 geschenkt haben, die Deutschen sollen sofort den heiligen Boden Frankreichs verlassen, sonst: guerre à outrance!4 Es ist ganz die alte Einbildung von der Überlegenheit Frankreichs, von dem durch 1793 geheiligten Boden, den keine späteren französischen Schweinereien entheiligen können, von der Heiligkeit der Phrase Republik. Tatsächlich erinnert dies Auftreten an die Dänen, die 1864 die Preußen auf 30 Schritt herankommen ließen, eine Salve auf sie gaben, und dann das Gewehr streckten in der Hoffnung, man werde sie wegen dieser Formalität nicht mit gleicher Münze bezahlen.
Ich will hoffen, die Leute besinnen sich, sobald sie über den ersten Rausch hinaus sind, denn sonst würde es verdammt schwer werden, mit ihnen international zu verkehren.
Diese ganze Republik ist wie ihr kampfloser Ursprung bis jetzt eine reine Farce. Wie ich seit 14 Tagen und länger erwartet5, wollen die Orléanisten eine Interimsrepublik, die den blamablen Frieden schließt, damit das Onus6 nicht auf die später zu restaurierenden Orléans fällt. Die Orléanisten haben die wirkliche Macht: Trochu das Militärkommando und Kératry die Polizei, die Herren von der Gauche7 haben die Schwatzposten. Da die Orléans jetzt die einzig mögliche Dynastie, können sie das wirkliche avènement au pouvoir8 ruhig abwarten bis zur gelegnen Zeit.
Eben geht Dupont weg. Er war den Abend hier und ist wütend über diese schöne Pariser Proklamation. Daß Serraillier hingeht und vorher mit Dir darüber gesprochen, beruhigt ihn. Seine Ansichten über den Kasus sind ganz klar und richtig: Benutzung der durch die Republik unvermeidlich gegebenen Freiheiten zur Organisation der Partei in Frankreich, Aktion, wenn die Gelegenheit nach erfolgter Organisation sich bietet, Zurückhalten der Internationale in Frankreich bis nach erfolgtem Frieden.
Die Herren von der provisorischen Regierung und die Bourgeois in Paris (nach der „Daily-News“-Korrespondenz zu urteilen) scheinen ganz gut zu wissen, daß es mit der Fortführung des Kriegs reine Redensart ist. Der Regen wird die Deutschen wenig hindern, die Leute, die jetzt im Feld stehn, sind jetzt daran gewöhnt und gesunder dabei als bei der Hitze. Dazu können allerdings epidemische Krankheiten kommen, besonders bei der Kapitulation von Metz, wo sie sicher schon sind, aber das ist ungewiß. Ein Guerillakrieg, der die Preußen zu massenhaften Erschießungen zwänge, scheint auch nicht sehr wahrscheinlich, könnte aber doch unter dem ersten Eindruck der Revolution hie und da losgehn. Wenn wir erst wissen, welchen Eindruck die Kapitulation von Metz, die in der nächsten Woche wohl spätestens erfolgt, in Paris machen wird, so wird man auch über den weiteren Gang des Kriegs urteilen können. Bisher scheinen mir die Maßregeln, d. h. Phrasen, der neuen Regenten wenig zu versprechen, als baldige Übergabe.
Rochefort wird wohl nicht lange bei dem Pack bleiben, wenn die „Marseillaise“ wieder erscheint, kommt es sicher bald zum Klappen zwischen ihm und ihnen.
Schorlemmer ist heute mit Wehner abgereist, um vom hiesigen Unterstützungskomitee eine Masse Schnaps, Wein, wollene Decken, Flanellhemden usw. (für über 1000 Pfd. in allem) direkt über Belgien nach Sedan für die Verwundeten zu bringen. Wenn er irgend Zeit hat, kommt er zu Dir, sie haben aber noch eine Masse Sachen dort zu besorgen, es wurde erst gestern morgen angefangen einzukaufen und zu verpacken. Von da wollen sie wo möglich nach Metz, wo jeder von ihnen einen Bruder bei der Armee hat.
Bezeichnend für die Lauseregierung in Paris ist, daß auch sie nicht wagt, dem Publikum reinen Wein einzuschenken darüber, wie die Sachen eigentlich stehn. Ich fürchte, wenn kein Wunder passiert, ist ein Moment der direkten Bourgeoisherrschaft unter den Orléans unvermeidlich, um den Kampf in seiner reinen Gestalt vor sich gehn zu lassen. Die Arbeiter jetzt zu opfern, wäre Strategie à la Bonaparte und Mac-Mahon, vor dem Frieden können sie unter keinen Umständen was machen, und nachher werden sie fürs erste auch noch Zeit zur Organisation bedürfen.
Die Allianzdrohung wird wohl etwas auf die Preußen drücken. Aber sie wissen, daß die russischen Hinterlader nichts taugen, daß die Engländer keine Armee haben und die Östreicher sehr schwach sind. In Italien scheint Bismarck mit dem Papst9 (da die Florentiner Regierung offiziell anzeigt, sie gehe noch im Sept. nach Rom), ferner mit Zusage von Savoyen und Nizza den Regierenden jeden Widerstand unmöglich gemacht zu haben, der Coup war fein. Übrigens scheint Bismarck nur auf etwas Druck zu warten, um sich mit Geld und der Stadt Straßburg und Umkreis zu begnügen. Er kann die Franzosen noch brauchen und mag sich einbilden, das könnten sie für Großmut ansehn.
Adjüs, beste Grüße.
Dein
F. E.